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Hundertjährige: Psychologische Stärken wichtiger als Gesundheit oder geistige Fitness

19.07.2013
Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie beschreibt Alltag und Stärken von Hochaltrigen

In Deutschland hat sich die Zahl der Hundertjährigen innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Dass diese Hochaltrigen heute geistig und körperlich fitter sind als diejenigen früherer Generationen, belegt eine repräsentative Untersuchung von Forschern der Universität Heidelberg mit Menschen im Alter von 100 Jahren in der Stadt und Region Heidelberg.

Mit der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie, die von der Robert Bosch Stiftung und der Dietmar Hopp Stiftung gefördert wurde, haben Wissenschaftler des Instituts für Gerontologie der Ruperto Carola ein umfassendes Bild von Hundertjährigen und ihrer Lebenssituation ermittelt. Dabei hat sich gezeigt, dass für die Lebensqualität und Zufriedenheit von Senioren mit sehr hohem Alter psychologische Stärken wie eine optimistische Einstellung und Lebenswillen wichtiger sind als die geistige Leistungsfähigkeit oder Gesundheit.

Von 2000 bis 2010 stieg die Zahl der Menschen im Alter von 100 oder mehr Jahren in Deutschland von rund 6.000 auf rund 13.000. Die Heidelberger Wissenschaftler haben in den Jahren 2011 und 2012 im Rahmen ihrer Studie 112 Hundertjährige aus Heidelberg und Umgebung sowie ihnen nahestehende Personen wie ihre Kinder befragt. Dabei ging es um alltägliche Herausforderungen, Aktivitäten, soziale Einbindung und Lebensqualität.

Die Untersuchung schließt an die erste Studie dieser Art aus dem Jahr 2001 an und ist außerdem Teil eines internationalen Netzwerks mit zwei weiteren Studien zu sehr alten Menschen in den USA und in Portugal. Ziel der repräsentativen Untersuchung war es, die Herausforderungen des Alltags sowie die Stärken der Hundertjährigen zu beschreiben und Wege aufzuzeigen, wie sehr alte Menschen heute und in Zukunft unterstützt werden können.

Obwohl mehr Menschen ihren 100. Geburtstag erleben, ist die Zahl derjenigen, die gesundheitlich und geistig eingeschränkt sind, nicht ebenso stark gestiegen. Im Gegenteil: Im Vergleich zur ersten Studie traten bei den Hundertjährigen in einigen für die Selbstständigkeit zentralen Funktionsbereichen prozentual Verbesserungen ein. So sind heute beispielsweise mehr Hundertjährige in der Lage, selbstständig zu essen, sich um ihr Aussehen zu kümmern, zu telefonieren, Mahlzeiten zuzubereiten oder Geldangelegenheiten zu regeln. Inzwischen gibt es mit 52 Prozent deutlich mehr Hundertjährige, die keine oder nur geringe geistige Einschränkungen aufweisen. 2001 lag diese Zahl noch bei 41 Prozent. „Allerdings sind die Fortschritte nicht so ausgeprägt, dass sie sich in einer geringeren Pflegebedürftigkeit niederschlagen“, betont Studienleiterin Prof. Dr. Daniela Jopp: Weiterhin ist nur jeder fünfte Hundertjährige gesundheitlich so fit, dass keine Leistungen der Pflegeversicherung nötig sind.

„Trotz vielfältiger Einschränkungen und Verluste erleben die meisten Hundertjährigen ihr Leben als lebenswert, und mehr als 80 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden“, erklärt Dr. Christoph Rott, Co-Leiter der Studie. Eine große Rolle bei der Lebenszufriedenheit spielen psychologische Stärken wie eine optimistische Einstellung, Lebenssinn und Lebenswillen. Wichtig ist auch die so genannte Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, das, was man tun möchte, auch wirklich zu können. „Wir haben Menschen befragt, deren Leben sich dem Ende zuneigt, dennoch zeigen sie sogar einen durchschnittlich höheren Optimismus als 80-Jährige. Diejenigen, die trotz des nahen Lebensendes weiterhin optimistisch in die Zukunft schauen, zeigten sich zufriedener mit ihrem Leben. Im Vergleich dazu sind Gesundheit, kognitive Leistungsfähigkeit und soziale Aspekte mit wenigen Ausnahmen deutlich unwichtiger für die Lebensqualität“, erklärt Christoph Rott.

Wie die Studie zeigt, leben heute 59 Prozent der Hundertjährigen in Privathaushalten. Die Anzahl der Hundertjährigen, die alleine leben, hat sich im Vergleich zur ersten Untersuchung verdoppelt. Bei der großen Mehrheit der Hochaltrigen, die eine private Unterkunft haben, leisten Kinder oder andere Familienangehörige Unterstützung. Professionelle Hilfe nutzen diese Senioren vor allem im Haushalt, bei der Pflege wird Hilfestellung dieser Art dagegen deutlich seltener in Anspruch genommen als in der amerikanischen Vergleichsstudie.

„Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse unserer Studie, dass das Erleben von Verlusten durch Einschränkungen beispielsweise im gesundheitlichen Bereich sich nur bedingt auf das Wohlbefinden auswirkt und dass ein sehr hohes Alter auch positive Seiten hat, beispielsweise eine deutliche Wertschätzung des Lebens“, erklärt Prof. Jopp. Für die zukünftige Unterstützung sehr alter Menschen haben die Heidelberger Wissenschaftler Handlungsempfehlungen in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Psychologie sowie für soziale und gesellschaftliche Aspekte ausgearbeitet. Dazu gehört insbesondere die Entwicklung alternativer Pflegestrukturen. „Dass die Pflege weiterhin hauptsächlich durch die Kinder wahrgenommen wird, ist in der Zukunft nicht realistisch“, erklärt Prof. Jopp. „Außerdem sollten Maßnahmen entwickelt werden, die bei Hochbetagten die Bereitschaft erhöhen, professionelle Pflegeleistungen zu nutzen.“ Eine weitere wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist es, mobilitätssteigernde Maßnahmen gezielt zu fördern, da diese zentral sind für den Erhalt der Selbstständigkeit. Nach den Worten der Wissenschaftler ist es ebenso wichtig, Menschen in hohem Lebensalter zu ermutigen, an sinnstiftenden Aktivitäten teilzunehmen, und ihnen Möglichkeiten zur Teilhabe am sozialen Leben zu bieten.

Informationen zur Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie sind im Internet unter http://www.gero.uni-heidelberg.de/forschung/hd100ii.html zu finden.

Kontakt:
Prof. Dr. Daniela Jopp
Institut für Gerontologie
Telefon (06221) 54-8152
daniela.jopp@gero.uni-heidelberg.de
Kommunikation und Marketing
Pressestelle
Telefon (6221) 54-2311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de

Marietta Fuhrmann-Koch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-heidelberg.de
http://www.gero.uni-heidelberg.de/forschung/hd100ii.html

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