Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Heidelberger Forscher "verfolgen" ältere Menschen

01.10.2008
Gemeinsames Forschungsprojekt der Universitäten Heidelberg und Kiel und den Universitäten Jerusalem und Tel Aviv - Ziel ist es, die außerhäusliche Mobilität bei Älteren mit unterschiedlichen Graden kognitiver Beeinträchtigung so alltagsnahe und detailreich wie möglich zu untersuchen

Im Zuge des demographischen Wandels bedrohen demenzielle Erkrankungen, wie z.B. die Alzheimer'sche Erkrankung, immer häufiger die Lebensqualität alternder Menschen und ihrer Angehörigen.

Aus diesem Grunde laufen die wissenschaftlichen Anstrengungen zur Reduzierung ihrer gravierenden Folgen im Alltag wie das Nicht-mehr-Erkennen von geliebten Menschen und bekannten Räumen und möglicherweise einer Unterstützung durch technische Hilfen (z.B. mobile Ortungs- und Notrufsysteme) auf Hochtouren.

Ein besonders häufig auftretendes Verhaltensproblem bei demenziellen Erkrankungen sind Störungen bei außerhäuslicher Mobilität, etwa in Gestalt von unkontrolliertem Wanderverhalten, Verlust der Orientierung, sich Verlaufen oder der Fehleinschätzung von Gefahren bei stark befahrenen Straßen. Eingehende Untersuchungen alltäglicher außerhäuslicher Aktivitäten bei kognitiv beeinträchtigten Älteren liegen allerdings bislang noch kaum vor, obwohl über die Hälfte der Personen mit Demenz in normalen Privatwohnungen und nicht in Heimen lebt.

An dieser Stelle setzt ein im Rahmen der "Deutsch-Israelischen Projektkooperation" (DIP) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) bzw. der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Forschungsprojekt an, dem Forscher der Universitäten Heidelberg und Kiel und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (Mannheim) unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Werner Wahl (Psychologisches Institut, Universität Heidelberg) sowie eine israelische Forschergruppe der Universitäten Jerusalem und Tel Aviv unter der Leitung von Dr. Noam Shoval angehören. Erstmals arbeiten dabei Forscher der Disziplinen Psychologie, Medizin, Geographie, Sozialarbeit und Ethik aus Israel und Deutschland an einer gemeinsamen Problemlösung.

Dabei interessiert allerdings nicht nur das außerhäusliche Mobilitätsverhalten von Personen mit Demenz, sondern auch jenes von älteren Menschen mit sogenannten leichten kognitiven Beeinträchtigungen. Diese Personen sind einerseits zwar noch in der Lage sind, Teile ihres Alltags über Jahre hinweg allein zu bewerkstelligen. Andererseits werden sie aber auch zunehmend in ihrer Orientierung unsicherer, sodass hier ein besonderes Hilfepotential durch unterstützende Technik für den "Fall des Falles" zu erwarten ist.

Ziel des Projektes ist es, die außerhäusliche Mobilität bei Älteren mit unterschiedlichen Graden kognitiver Beeinträchtigung so alltagsnahe und detailreich wie möglich zu untersuchen. Dabei bedienen sich die Forscher mit als erste weltweit der Hilfe des "Global Positioning System" (GPS), einer satellitengestützten Ortungstechnik, die eine Lokalisierung auf wenige Meter genau an jedem Ort der Welt erlaubt. Vier Wochen lang werden ältere Menschen in der Region Heidelberg und Mannheim sowie Ältere an israelischen Standorten mit Hilfe des Tragens entsprechender Geräte vollständig "verfolgt", wenn Sie Ihr Haus verlassen. Aber nicht nur die Forscher verfolgen die einbezogenen Älteren "auf Schritt und Tritt"; das können auch ihre Angehörigen über eine von den Forschern bereitgestellt Internetplattform tun, wenn sie denn möchten. Die gesammelten Daten unterliegen strengsten Schutzkriterien und werden nur in anonymisierter Form ausgewertet. Hinzu kommen Befragungsdaten zur Lebensqualität der älteren Menschen und ihrer Angehörigen. Insgesamt sollen diese Informationen dreimal im Abstand von jeweils einem Jahr erhoben werden.

Auf einem kürzlich in Heidelberg abgehaltenen Projekt-Workshop sind nun erste Ergebnisse diskutiert und aus ethischer Perspektive bewertet worden. Dabei zeigte sich, dass kognitiv beeinträchtigte Ältere im Vergleich mit nicht Beeinträchtigten seltener nach draußen gehen und, wenn sie sich außer Haus bewegen, die Entfernung zur Wohnung geringer ist, und ihre Mobilitätsmuster insgesamt einfacher ausfallen. Angehörige haben großes Interesse an der Nutzung der internet-gestützten Plattform zur "Überwachung" ihrer geistig verändernden Ehegatten oder Eltern. Angehörige erleben hier ein Entlastungsmoment, auch wenn es ihnen überaus wichtig ist, die Selbständigkeit der kognitiv beeinträchtigten Zielperson an die oberste Stelle zu rücken, d.h. mit dieser zusammen die Nutzung der Technologie eingehend zu besprechen. Aus ethischer Sicht wurden sowohl die Frage diskutiert, ob beim Einsatz solcher Geräte Autonomie und Privatsphäre gewahrt bleiben, aber auch, ob wir diese Technologie älteren Menschen vorenthalten dürfen, nur weil sie kognitiv beeinträchtigt sind.

Langfristig sollen in dem Projekt die zentralen Unterschiede im außerhäuslichen Mobilitätsverhalten zwischen den einbezogenen Gruppen identifiziert und anhand umfassender Person- und Umweltdaten erklärt werden. Die Hoffnung der Forscher geht dabei dahin, spezifische Mobilitätsmuster als Diagnoseinstrument, idealer Weise für eine Frühdiagnose, verwenden zu können. Gleichzeitig könnte die eingesetzte Technologie Angehörigen ein Instrument an die Hand geben, um jederzeit zu wissen, wo sich möglicherweise gefährdete ältere Familienmitglieder befinden. Diese Information könnte das Sicherheitsempfinden stärken und eventueller Beunruhigung entgegen wirken.

Kontakt:
Prof. Dr. Hans-Werner Wahl
Psychologisches Institut der Universität Heidelberg,
Abteilung für Psychologische Alternsforschung
Tel. 06221 548111
h.w.wahl@psychologie.uni-heidelberg.de
Allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
Irene Thewalt
presse@rektorat.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-heidelberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise