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Gruppenbildung und Gruppenbevorzugung

26.09.2008
Unterschiede zwischen kulturellen Gruppen führen häufig zu Diskriminierung oder Feindseligkeiten. Wissenschaftler der Universität Zürich haben jetzt experimentell nachgewiesen, wie sich kulturelle Gruppen bilden und wie es dabei zur Bevorzugung der eigenen Gruppenmitglieder kommt. Eine Schlüsselrolle spielen dabei symbolische Merkmale. Die Arbeit des Ökonomen Prof. Ernst Fehr erscheint am 26. September 2008 in "Science".

Die Unterschiede zwischen kulturellen Gruppen bilden oft die Grundlage für Vorurteile, die Favorisierung von Mitgliedern der eigenen Gruppe sowie Gleichgültigkeit oder aktive Feindseligkeit gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen. Belegt werden diese Tendenzen durch ausgedehnte sozialwissenschaftliche Forschung, aber auch durch tägliche Nachrichten über ethnische Konflikte, wirtschaftliche Diskriminierungen und Feindseligkeiten zwischen religiösen Gruppierungen.

Es ist jedoch nur wenig darüber bekannt, auf welche Weise kulturelle Gruppen gebildet werden, wodurch die Gruppenzugehörigkeit definiert wird und welches Umfeld dazu beiträgt, dass die eigenen Gruppenmitglieder bevorzugt werden.

Um diese Wissenslücke zu füllen, haben Wissenschaftler in der Schweiz eine Reihe von Experimenten durchgeführt, in denen sich kulturelle Gruppen - falls überhaupt - im Kontext des Experimentes herausbilden mussten. Zum Forschungsteam gehörten Charles Efferson, Evolutionsökologe an der Universität Zürich, sowie die beiden Ökonomen Prof. Ernst Fehr, ebenfalls von der Universität Zürich, und Prof. Rafael Lalive von der Universität Lausanne. Die Versuchspersonen hatten Koordinationsspiele zu spielen, bei denen es sich um strategische soziale Interaktionen mit mehrfachen Gleichgewichten handelte. Ein klassisches Beispiel eines solchen Koordinationsspiels aus dem alltäglichen Leben ist die Entscheidung, auf welcher Strassenseite gefahren werden soll. Grundsätzlich können wir auf der rechten und auf der linken Seite fahren: Jede Seite ist ein so genanntes Gleichgewicht, aber eine Koordination beziehungs¬weise eine Einigung darauf, welche Seite benutzt wird, ist grundlegend.

In den Experimenten, die in Zürich durchgeführt wurden, befanden sich die Versuchspersonen oft in einer Situation, die nicht übereinstimmende Erwartungen auslöste. Während einige Spieler eine Einigung auf eine Verhaltensweise A erwarteten, gingen andere davon aus, dass man sich auf eine Verhaltensweise B festlegt. Wenn solche unterschiedlichen Erwartungen vorhanden waren, ergab sich ein Potenzial für äusserst aufwändige soziale Interaktionen, analog dem Szenario, in dem einige Menschen denken, auf der linken Strassenseite zu fahren sei das Beste, während andere die rechte Strassenseite für optimal halten.

Merkmale werden wichtig
Die Spielerinnen und Spieler entschieden sich nicht nur für eine Verhaltensweise, sondern mussten jeweils auch ein Dreieck oder einen Kreis auswählen. Diese zufälligen symbolischen Merkmale hatten keinen direkten Einfluss auf das Spiel. Sie waren zu Beginn bedeutungslos, weil sie nicht zuverlässig vorhersagten, inwiefern die einzelnen Spieler eine Koordination erwarteten. Wenn sich aber Spieler mit unterschiedlichen Erwartungen untereinander mischten, bewirkte dies selbst einen schwachen statistischen Zusammenhang zwischen dem Merkmal und dem Verhalten. Dieser Effekt wurde in das System rückgekoppelt und verstärkte sich im Zeitverlauf. Nachdem der statistische Zusammenhang auf diese Weise immer stärker wurde, zeigte sich, dass ein Partner mit dem gleichen Merkmal im Durchschnitt auch ein Partner mit den gleichen Erwartungen in Bezug auf die Art der Koordination war. Die Spielerinnen und Spieler vermieden dann aufwändige Fehlkoordinationen, indem sie sich für Interaktionen mit andern Personen mit den gleichen Merkmalen entschieden. Solche voreingenommenen sozialen Interaktionen stellten eine experimentelle Version der ethnozentrischen Einstellung dar, die sich im Verlauf des Experimentes entwickelte. Am Schluss bildete sich eine Gruppe bestehend aus Dreieck-Subjekten, die mit andern Dreieck-Subjekten interagierten, sowie Kreis-Subjekte, die mit andern Kreis-Subjekten Kontakt hatten.

Charles Efferson, Assistenzprofessor am Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich, meinte dazu: "Es ist, als würden zwei Strassen existieren: eine für Dreieck-Menschen, die erwarten, auf der einen Strassenseite zu fahren, und eine andere für Kreis-Menschen, die davon ausgehen, dass auf der andern Strassenseite gefahren wird. Jeder kann Zusammenstösse vermeiden, wenn er ausschliesslich auf der eigenen Strasse fährt. Aber der potenzielle Preis, den die Gesellschaft dafür bezahlt, ist eine fragmentierte Bevölkerung: Jeder meidet Menschen mit einem anderen Merkmal."

Zwei Bedingungen
Die Wissenschaftler fanden zwei Bedingungen, die erfüllt sein mussten, damit sich diese Situation im Experiment entwickelte. Erstens mussten sich die Spielenden in einem Umfeld befinden, das nicht übereinstimmende Erwartungen auslöst. Wenn hingegen übereinstimmende Erwartungen vorhanden waren - beispielsweise, dass man auf der linken Seite fährt - dann mussten sich die Versuchspersonen nicht noch hinsichtlich ihrer Erwartungen voneinander unterscheiden. Die Merkmale erlangten somit keine Bedeutung als Verhaltensprädiktoren, und die Spielenden bevorzugten die eigenen Gruppenmitglieder nicht.

Zweitens mussten die Merkmale frei wählbar sein und im Laufe der Zeit auch überprüft werden können. Konnten die Versuchspersonen beispielsweise nur ganz zu Beginn des Spiels ein Merkmal wählen und es nicht umtauschen, wenn ihre Erwartungen im Laufe der Zeit Form annahmen oder sich änderten, gewannen die Merkmale keine Vorhersagekraft. Und die Spielenden entschieden sich nicht dazu, sich in Gruppen von Personen mit dem gleichen Merkmal zusammenzuschliessen.

Wenn jedoch beide Bedingungen gegeben waren, wurden die Merkmale mit der Zeit zu immer genaueren Verhaltensprädiktoren, und die Spielenden zeigten eine zunehmende Tendenz, sich mit Personen mit dem gleichen Merkmal zusammenzuschliessen.

Ernst Fehr, Direktor des universitären Forschungsschwerpunktes zur Erforschung der Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens an der Universität Zürich, erklärte dazu: "Wenn sich diese Situation einmal entwickelt hatte, war sie äusserst stabil. Dies deutet darauf hin, dass wenn dieser Trend hin zu einer Favorisierung von Mitgliedern der eigenen Gruppe einmal in Gang gesetzt worden ist, dann könnte er sich von einer gesellschaftlichen Dimension, in der er für alle Beteiligten von Vorteil ist, auf eine andere Dimension ausweiten, in der er sich schädlich auswirkt."

Kontakt:
Dr. Charles Efferson, Institut für empirische Wirtschaftsforschung & Universitärer Forschungsschwerpunkt zur Erforschung der Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens, UZH
+41 (0) 44 634 36 65
efferson@iew.uzh.ch

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.uzh.ch/

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