Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gleichstellung gelingt nur begrenzt - Untersuchung zur Grundsicherung für Arbeitsuchende

02.12.2009
Bei der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zur neuen "Grundsicherung für Arbeitsuchende" (SGB II) wurde auch die Gleichstellung der Geschlechter gesetzlich verankert.

In der täglichen Praxis der Grundsicherungsstellen werden Frauen und Männer aber bislang z.T. sehr unterschiedlich "gefordert und gefördert".

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung zu den Auswirkungen der 'Grundsicherung für Arbeitsuchende' aus gleichstellungspolitischer Sicht, die vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Uni Duisburg-Essen koordiniert und soeben vom Bundesarbeitsministerium veröffentlicht wurde.

An der Forschungsarbeit beteiligt waren neben dem IAQ die Forschungs- und Kooperationsstelle Arbeit, Demokratie, Geschlecht (GendA) an der Philipps-Universität Marburg und das Forschungsteam Internationaler Arbeitsmarkt (FIA) in Berlin.

Insbesondere Frauen in Westdeutschland und Frauen mit Kindern nehmen im Vergleich zu Männern seltener an Fördermaßnahmen teil. Wenn sie aus dem Hilfebezug ausscheiden, liegt das häufig nicht daran, dass sie eine existenzsichernde Beschäftigung annehmen, sondern dass der Partner einen Job findet und das Einkommen für die Bedarfsgemeinschaft erarbeitet. Wie die Studie zeigt, ist jede zweite Beschäftigung, die von weiblichen Hilfebedürftigen aufgenommen wird, lediglich ein Minijob. Demgegenüber wechseln Männer häufig in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Insgesamt werden Männer sowohl stärker gefördert als auch gefordert.

Das wirkt sich, wie die Studie zeigt, auch auf die materielle Situation aus: Weil Minijobs meist "aufgestockt" werden müssen, kombinieren Frauen über einen längeren Zeitraum Hilfebezug und Erwerbstätigkeit. Durch die Freibeträge aus dem Erwerbseinkommen und weitere (nicht-anrechenbare) Transfers wie Elterngeld liegt das verfügbare Einkommen von weiblichen Hartz IV-Beziehern im Durchschnitt über dem der männlichen. Dennoch gaben Frauen häufiger an, auf wichtige Güter des Lebens aus finanziellen Gründen verzichten zu müssen. Eine Erklärung hierfür sieht das Forschungsteam darin, dass deutlich mehr als die Hälfte der weiblichen Hilfebedürftigen in Haushalten mit Kindern lebt, während dies nur auf ein Drittel der Männer zutrifft. Damit sind Frauen auch stärker davon betroffen, wenn die Regelsätze für Kinder zu niedrig sind, wie mehrere fachliche Expertisen ausweisen. Auch die bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen überdurchschnittlichen Sanktionsquoten dürften sich stärker auf die finanzielle Situation von Frauen auswirken, weil davon auszugehen ist, dass Kürzungen die gesamte Bedarfsgemeinschaft zum Sparen zwingen.

Die Ursachen für die unterschiedlichen Wege und die geringe Nachhaltigkeit der Arbeitsmarktintegration von Frauen und Männern sieht das Forschungsteam u. a. in den Arbeitsmarktstrukturen und tradierten Rollenmustern begründet. Eine Rolle spielen aber auch knappe personelle Ressourcen in den Jobcentern und ARGEn, widersprüchliche Zielvorgaben und zum Teil auch mangelnde Sensibilität im Umgang mit geschlechtsspezifischen Problemlagen. Kinderbetreuungsaufgaben etwa wurden eher den Frauen zugeschrieben und zeitliche Einschränkungen für deren Erwerbstätigkeit akzeptiert, anstatt gezielt bei der Suche nach Betreuungsmöglichkeiten zu helfen - obwohl dies von den ALG II-Beziehenden zum Teil gewünscht wurde. Minijobs wurden deshalb häufig als eine der Lebenssituation angemessene Form der Erwerbstätigkeit von Müttern angesehen.

Auch das haben die Fallstudien ergeben: Wenn Grundsicherungsstellen umfassendere Konzepte und Strategien zur Gleichstellung entwickeln, so geht das bislang vor allem auf einzelne Gleichstellungsbeauftragte oder Fachkräfte zurück, auf Leitungsentscheidungen oder auf Anstöße von außen (z.B. von kommunaler Politik oder der Bundesagentur für Arbeit).

Aktuelle Publikation:
IAQ / FIA / GendA (2009): Bewertung der SGB II-Umsetzung aus gleichstellungspolitischer Sicht. Abschlussbericht. Hauptband. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Berlin. (Forschungsbericht 396).

Online verfügbar unter http://www.bmas.de/portal/40196/f396__forschungsbericht.html

Weitere Informationen: Dr. Karen Jaehrling (IAQ), Tel. 0203/379-2635
Dr. Alexandra Wagner (FIA), Tel. 030/20647726
Dr. Clarissa Rudolph (GendA), Tel. 06421/28-28987
Redaktion: Claudia Braczko, Tel. 0170-8761608, presse-iaq@uni-due.de

Ulrike Bohnsack | idw
Weitere Informationen:
http://www.bmas.de/portal/40196/f396__forschungsbericht.html
http://www.iaq.uni-due.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Basis für neue medikamentöse Therapie bei Demenz

27.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Aus Potenzial Erfolge machen: 30 Rittaler schließen Nachqualifizierung erfolgreich ab

27.07.2017 | Unternehmensmeldung

Biochemiker entschlüsseln Zusammenspiel von Enzym-Domänen während der Katalyse

27.07.2017 | Biowissenschaften Chemie