Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gewalt: Auffällige Jugendliche in Vereine integrieren

29.07.2010
Gewalttätige Jugendliche auf einen anderen Weg bringen, indem man sie mittels Kampfsport und Körpererfahrungen in Vereine integriert. Darauf zielt das neue Projekt „Socius“ des Instituts für Sportwissenschaft ab. Ein erster Würzburger Verein ist als Kooperationspartner bereits gefunden.

Ausgerechnet mit Kampfsport sollen jugendliche Gewalttäter von aggressivem Verhalten abgebracht werden? Professor Harald Lange sieht darin keinen Widerspruch. Der Leiter des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Würzburg ist überzeugt: „Pädagogisch gelenktes Kämpfen kann dazu führen, dass Jugendliche den Gegner als Partner respektieren lernen, dass sie am eigenen Leib den Zusammenhang spüren zwischen dem, was sie tun, und dem, was sie damit bewirken. Es ist ein Weg zur Gewaltprävention.“

Doktorand Christoph Ritz sieht das auch so. Ihm zufolge liegen die Ursachen für Gewalt vor allem in familiären Situationen begründet: emotionale Unterversorgung, wenig Zuwendung, keine Geborgenheit. „Gewaltauffällige Kinder und Jugendliche haben zu wenige oder keine positiven Vorbilder; ihnen fehlen Möglichkeiten, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Sozial verträgliche Umgangsformen und eine Streitkultur, das müssen sie erst lernen“, so Ritz. Für diesen Lernprozess biete Kampfsport – ohne dem anderen zu nahe zu treten oder ihn gar zu verletzen – einen geeigneten Rahmen: Die Jugendlichen können mit Hilfe klarer Regelwerke zwischenmenschliche Körpererfahrungen sammeln, Körperkontakt aufnehmen, sich miteinander messen und ihre Grenzen erfahren.

Kampfsport, Gesprächsgruppen und Zuwendung

Auf Kampfsportübungen alleine setzt das Socius-Projekt der Würzburger Sportpädagogen allerdings nicht. Ergänzt wird es von Gesprächsgruppen, therapeutischen Lauftrainings und anderen bewegungspädagogischen Maßnahmen. „Durch Sport bekommt man sehr gut Zugang zu schwierigen Jugendlichen“, sagt Christoph Ritz. Das weiß er aus Erfahrung, denn er hat in der Würzburger Justizvollzugsanstalt eine Zeit lang die U-Haft-Sportgruppen betreut und darüber seine Diplomarbeit geschrieben.

„Wenn die Leute nach einem intensiven körperlichen Training richtig ausgepowert sind, sind sie zugänglicher für Gespräche.“ Wie lebst du und warum lebst du so? Wie handelst du in heiklen Situationen? Solche Themen kommen dann auf den Tisch. Das bringt die Jugendlichen zum Nachdenken und stößt bei ihnen etwas an.

Eigens Taekwondo-Abteilung gegründet

Wie läuft das Projekt „Socius“ genau ab? Der kooperierende Verein, die Freien Turner, hat eigens eine Taekwondo-Abteilung gegründet. Zusammen mit den Übungsleitern werden Christoph Ritz und sein Kollege Carlos Luis Granados versuchen, gewaltauffällige Jugendliche dort zu integrieren. Beide sind lizenzierte Trainer: Christoph für Boxen und Muay-Thai-Boxen, Carlos für Taekwondo.

Pro Woche zwei Mal Kämpfen, ein Mal Laufen. Dazu kommen Gesprächsgruppen im Sportzentrum der Uni in der Mergentheimer Straße, gleich neben den Vereinsräumen der Freien Turner. 25 bis 30 Jugendliche im Alter von 11 bis 19 Jahren kann das Projekt aufnehmen. Sie müssen aus freien Stücken mitmachen. Das Projekt läuft jetzt an, die ersten Teilnehmer stehen fest. Auch Mädchen sind darunter. Mit ersten Ergebnissen ist voraussichtlich Mitte 2011 zu rechnen.

Eltern der Jugendlichen mit einbinden

„Den Kontakt zu den Jugendlichen gestalten wir sehr eng“, sagt Christoph Ritz. Dazu gehöre auch, dass man sie zu den Sportterminen von zu Hause abholt. Sofern die Jugendlichen mit ihren Eltern in Verbindung stehen, sollen auch diese eingebunden werden. Das kann die Beziehung zwischen Kindern und Eltern stärken und verbessern.

Doktorarbeit begleitet das Projekt

Was die Maßnahmen am Ende bewirken, wird Christoph Ritz wissenschaftlich untersuchen. Wie ändert sich das Erleben und das soziale Verhalten der Jugendlichen? Das soll durch Fragebogen und Interviews mit den Betroffenen, ihren Eltern, den Sportübungsleitern und anderen Beteiligten klar werden.

Der Würzburger Sportwissenschaftler schreibt seine Doktorarbeit über das Projekt. Im Verbund mit einer schulbezogenen Studie, dem Promotionsprojekt von Thomas Leffler, markiert es einen weiteren Eckpfeiler des Institutsschwerpunkts „Kämpfen-lernen und Gewaltprävention“: „Weil hier einerseits viele grundlegende sport- und bewegungspädagogische Fragen sichtbar werden und andererseits handfeste Praxisperspektiven gegeben sind, wird sich dieser Forschungsschwerpunkt sicherlich bald ausweiten. Es sind also für Studierende auch Bachelor-, Master- oder Zulassungsarbeiten drin“, meint Professor Harald Lange.

Netzwerk als Hilfe für Jugendliche

Komplex ist das Netzwerk, das die Sportwissenschaftler für ihr Projekt knüpfen. Nach den Freien Turnern sollen weitere Sportvereine gewonnen werden. Auch der Bayerische Landessportverband und nationale Kampfsportverbände machen mit – denn für die Jugendlichen kann es ein großer Anreiz sein, beispielsweise einmal mit Olympiasiegern trainieren zu dürfen.

Wohl am wichtigsten aber ist die Teilnahme sozialer Einrichtungen, die den Kontakt zu gewaltauffälligen Jugendlichen anbahnen und begleiten: Schulamt, Jugendamt, Allgemeiner Sozialdienst, Bewährungshilfe, Jugendgerichtshilfe, Polizei und andere Partner haben die Sportwissenschaftler bereits gewonnen.

Kontakt

Prof. Dr. Harald Lange & Christoph Ritz, Institut für Sportwissenschaft der Universität Würzburg, T (0931) 31-80777,
christoph.ritz@uni-wuerzburg.de
harald.lange@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte