Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gerechtigkeit über Generationen - geht das?

21.12.2010
Wir wissen nicht wie künfitge Generationen leben und was ihre Interessen sein werden, doch sollten wir ihnen die Erde in einem Zustand hinterlassen, der gewisse Mindeststandards erfüllt. Dazu gehören saubere Luft, trinkbares Wasser, Nahrungsmittel, aber auch geordnete politisch-soziale Strukturen, die ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit ermöglichen.
„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.“ – Sprichworte dieser Art werden zitiert, wenn es um die Gerechtigkeit zwischen Generationen geht. Dem Appell zu mehr Verantwortungsbewusstsein mag sich wohl niemand verschließen. Und überhaupt scheint die Gerechtigkeit ein Ideal zu sein, auf das sich alle berufen – auch wenn sich die Meinungen über eine konkrete Umsetzung häufig widersprechen. Während Fragen sozialer Gerechtigkeit schon lange Gegenstand der Theoriebildung sind, steckt die wissenschaftliche Reflexion zur Generationengerechtigkeit noch in den Kinderschuhen. Wie zum Beispiel können wir gegenüber ungeborenen Menschen gerecht sein, wenn wir deren besondere Bedürfnisse und Wünsche nicht kennen und auch nicht kennen können? Diesen Grundsatzfragen widmet sich der Frankfurter Philosoph und Professor für Internationale Politische Theorie Stefan Gosepath in der soeben erschienenen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (3/2010).
„Über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit werden die meisten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ausgetragen“, betont Gosepath, Mitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und Leiter der Kolleg-Forschergruppe „Justitia Amplificata: Erweiterte Gerechtigkeit – konkret und global“. Öffentliche Kontroversen zur Gerechtigkeit zwischen Generationen sind gleichwohl ein relativ junges Phänomen. Denn diese Dimension der Gerechtigkeit ist seit Menschengedenken eine eher implizit praktizierte moralische Praxis – sei es bei traditionellem nachhaltigem Wirtschaften, bei der Vererbung oder bei der Alterssicherung im Kreise der Familie. Zudem hat sich die Lage zukünftiger Generationen oft durch den wirtschaftlichen, technischen, medizinischen und politisch-sozialen Fortschritt verbessert. Die politische wie wissenschaftliche Aktualität des Themas hat ihre Ursachen in neueren Konstellationen. Wohl zum ersten Mal in ihrer Geschichte scheint die Existenz der Menschheit als gesamte Gattung bedroht – durch Massenvernichtungswaffen, die Risiken der Atomenergie sowie die ökologischen Folgen von Klimawandel und Schadstoffen.
Gosepath unterscheidet zwischen zwei Bedeutungen des Begriffs Generationen: zum einen in der epochenübergreifender Hinsicht, zum anderen bezogen auf eine gemeinsame Zeitspanne: „Nur bei der ersten Bedeutung von ‚Generation‘, im Sinne der nicht gleichzeitig Lebenden, stellen sich spezifische Probleme, während die zweite Bedeutung, im Sinne der gleichzeitig Lebenden, ein weiterer Fall der Gerechtigkeit zwischen Gruppen ist, wie etwa bei der Geschlechter-, Rassen- oder Klassen-Gerechtigkeit“, so der politische Philosoph.

Bereits für das gesellschaftliche Miteinander unter gleichzeitig Lebenden existieren konkurrierende Gerechtigkeitstheorien. In fast allen dieser Theorien sind die qualifizierten Interessen oder das qualifizierte Wohlergehen der betroffenen Individuen der zentrale Aspekt, dem wir Achtung und Berücksichtigung schulden. Doch je später die zukünftigen Generationen leben, umso geringer ist unser Wissen um ihre Lebenssituation, ihre Möglichkeiten und ihre daran angepassten Interessen. „Die zentrale moralische Rücksicht auf die Interessen der Betroffenen bleibt also mit Bezug auf zukünftige Generationen wenn nicht unbestimmt, so doch unterbestimmt“, gibt Gosepath zu Bedenken. Auch sei es – zum Beispiel im Sinne einer strikten Gleichverteilung – praktisch unmöglich, für unbekannt viele Mitglieder unbekannt vieler zukünftiger Generationen gleiche Ressourcen bereitzustellen. „Damit bliebe für die jetzige Generation wohl sehr wenig zur Erfüllung der eigenen Lebensprojekte übrig.“ Eine oft vertretene Ansicht zum komplexen Thema der Generationengerechtigkeit beschränkt sich weitgehend auf die Forderung gleicher Mindeststandards für alle zukünftigen Generationen. „Eine meines Erachtens recht plausible Auffassung bestimmt Mindeststandards der intergenerationellen Gerechtigkeit so, dass mindestens die unvermeidlichen anthropologischen Bedürfnisse von Menschen erfüllt sein müssen“, sagt Stefan Gosepath. Dazu gehören ganz ohne Zweifel Luft, Wasser und Nahrungsmittel, aber auch geordnete politisch-soziale Strukturen, die ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit ermöglichen. Stefan Gosepath: „Der ungezügelte Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen, die zu wenig gebremste Treibhausgasemission, die steigende Staatsverschuldung in vielen Ländern und die große globale Ungleichheit sind damit nur schwer zu vereinbaren.“ Der politische Philosoph wird auch im Rahmen der maßgeblich vom Exzellenzcluster mitveranstalteten Reihe „Was heißt Gerechtigkeit heute?“ im Rahmen der 4. Frankfurter Bürger-Universität referieren. Sein Thema am 24. Januar 2011 um 19.30 Uhr im Depot der Frankfurter Rundschau (Karl-Gerold-Platz 1, 60594 Frankfurt am Main): „Rechnung auf morgen – Schuldenfalle und Zukunftsinvestitionen: Was schulden wir zukünftigen Generationen?“ Die soeben erschienene Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ enthält eine Vielzahl von Forschungsthemen, die sich aus dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen: Nachhaltigkeit in der Kunst, Klimawandel und Gesundheitsrisiken, Konsumverhalten, Bevölkerungsdynamik, alternative Energien, Mobilitätsforschung und vieles mehr…

Informationen: Prof. Stefan Gosepath, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und Kolleg-Forschergruppe „Justitia Amplificata“, Tel: (069) 798-25374, stefan.gosepath@normativeorders.net, www.normativeorders.net/organisation/
mitarbeiter-a-z/stefan-gosepath
Details zur Reihe „Was heißt Gerechtigkeit heute?“ im Rahmen der 4. Frankfurter Bürger-Universität: www.uni-frankfurt.de/informationen/BUERGER/bvl-ws2010/index.html

Kostenlose Bestellung von „Forschung Frankfurt“: ott@pvw.uni-frankfurt.de „Forschung Frankfurt“ online: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/2010/index.html

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn drittmittelstärksten und größten Universitäten Deutschlands. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Parallel dazu erhält die Universität auch baulich ein neues Gesicht. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht ein neuer Campus, der ästhetische und funktionale Maßstäbe setzt. Die „Science City“ auf dem Riedberg vereint die naturwissenschaftlichen Fachbereiche in unmittelbarer Nachbarschaft zu zwei Max-Planck-Instituten. Mit über 55 Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren nimmt die Goethe-Universität laut Stifterverband eine Führungsrolle ein.

Herausgeber: Der Präsident der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Redaktion: Ulrike Jaspers, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung Marketing und Kommunikation, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main,

Tel: (069) 798-23753, Fax: (069) 798-23266, jaspers@pvw.uni-frankfurt.de

Dr. Anne Hardy | idw
Weitere Informationen:
http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/dok/2010/2010-3/11Gosepath.pdf

Weitere Berichte zu: Generationengerechtigkeit Klimawandel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Im Focus: Achema 2018: Neues Kamerasystem überwacht Destillation und hilft beim Energiesparen

Um chemische Gemische in ihre Einzelbestandteile aufzutrennen, ist in der Industrie die energieaufwendige Destillation gängig, etwa bei der Raffinerie von Rohöl. Forscher der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) entwickeln ein Kamerasystem, das diesen Prozess überwacht. Dabei misst es, ob es zu einer starken Tropfenbildung kommt, was sich negativ auf die Trennung der Komponenten auswirken kann. Die Technik könnte hier künftig automatisch gegensteuern, wenn sich Messwerte ändern. So ließe sich auch Energie einsparen. Auf der Prozesstechnik-Messe Achema in Frankfurt stellen sie die Technik vom 11. bis 15. Juni am Forschungsstand des Landes Rheinland-Pfalz (Halle 9.2, Stand A86a) vor.

Bei der Destillation werden Flüssigkeiten durch Verdampfen und darauffolgende Kondensation des Dampfes in ihre Bestandteile getrennt. Ein bekanntes Beispiel...

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Im Focus: LZH showcases laser material processing of tomorrow at the LASYS 2018

At the LASYS 2018, from June 5th to 7th, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) will be showcasing processes for the laser material processing of tomorrow in hall 4 at stand 4E75. With blown bomb shells the LZH will present first results of a research project on civil security.

At this year's LASYS, the LZH will exhibit light-based processes such as cutting, welding, ablation and structuring as well as additive manufacturing for...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

23.05.2018 | Messenachrichten

Achema 2018: Neues Kamerasystem überwacht Destillation und hilft beim Energiesparen

23.05.2018 | Messenachrichten

PM des MCC: CO2-Entzug aus Atmosphäre für 1,5-Grad-Ziel unvermeidbar

23.05.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics