Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gehirnstimulation unterbindet Norm-geleitete Fairness

09.09.2014

Forscher der Universitäten Maastricht und Bonn beeinflussen Gehirnaktivierung und erhöhen damit die Verletzung sozialer Normen

Die Fähigkeit, das Verhalten an Normen und Werte anzupassen, ist eine wichtige Voraussetzung für das Zusammenleben in menschlichen Gesellschaften. Wissenschaftler der Universitäten Maastricht und Bonn wiesen nun direkt nach, wie der rechte dorsolaterale präfrontale Kortex im Gehirn die Verletzung sozialer Normen in Schach hält.

Mit Hilfe von Transkranieller Magnetstimulation (TMS) konnten sie die Aktivität dieser Gehirnstruktur hemmen und dadurch unfaires Verhalten in den Probanden hervorrufen. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift “Social Cognitive and Affective Neuroscience” erschienen. 

Wer in menschlichen Gesellschaften zurechtkommen will, muss auf andere Rücksicht nehmen und das Verhalten an die geltenden sozialen Normen anpassen. Wer nur auf das eigene Wohlergehen bedacht ist und auf andere keine Rücksicht nimmt, steht rasch als Außenseiter da. Damit dies nicht passiert, eignen sich die meisten Menschen eine Strategie der Fairness an.

Schon seit längerem sehen Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen fairem Verhalten und einer Gehirnstruktur, die „dorsolateraler präfrontaler Kortex“ genannt wird und im Stirnlappen des Gehirns angesiedelt ist. „Diese Gehirnregion ist für die Selbstkontrolle verantwortlich und es scheint dass wir ohne Selbstkontrolle zum Eigennutz neigen“, sagt Arno Riedl. Riedl ist einer der Autoren der Studie und Ökonom am Department of Economics der Universität Maastricht. 

Riedl ist es mit den Kollegen Jörg Gross, Alexander Sack und Teresa Schuhmann der Universität Maastricht und Kollegen der Universität Bonn (Deutschland) gelungen, den direkten funktionalen Zusammenhang zwischen dem rechten dorsolateralen präfrontalen Kortex und norm-geleitetem fairem Verhalten in einem Experiment nachzuweisen. Dabei nutzte das Forscherteam die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Menschen eher bereit sind sich an Normen zu halten, wenn ihnen ansonsten Sanktionen drohen. 

17 Probanden schlüpften in die Rolle von „Diktatoren“  

Im Labor der Universität Maastricht führten die Wissenschaftler ein sogenanntes „Diktator-Spiel“ durch. Insgesamt 17 Probanden schlüpften in die Rolle der Diktatoren: Sie durften frei entscheiden, welchen Anteil eines vorher festgelegten Geldbetrags sie mit ihren Mitspielern teilen wollten. Als „Empfänger“ fungierten 60 weitere Probanden. Die Spielsituation wurde in zwei verschiedenen Varianten durchgeführt: In einer Version mussten die Empfänger schlicht hinnehmen, welche Entscheidung die Diktatoren trafen.

In der zweiten Variante hatten sie dagegen die Möglichkeit, die Diktatoren zu bestrafen. Wenn ihrer Meinung nach der zugeteilte Geldbetrag zu gering ausgefallen war, konnten sie den Diktator mit einer Geldstrafe sanktionieren. Wenn die Diktatoren keine Sanktionen zu befürchten hatten, waren sie – wie erwartet – deutlich knausriger, als wenn die „Empfänger“ sie für ihren Geiz bestrafen konnten. 

Kurz bevor die Probanden die zwei Varianten des Diktatorspiels gespielt haben, schalteten die Forscher den rechten dorsolateralen präfrontalen Kortex mit Hilfe der Transkraniellen Magnetstimulation kurzfristig aus. Dabei wird mit einer Spule von außen durch die Schädeldecke der Probanden hindurch ein Magnetfeld erzeugt, das die Aktivität bestimmter Hirnregionen hemmen kann.

„Diese Methode ist für die Testpersonen ungefährlich und nach wenigen Minuten reversibel“, sagt Schumann. Wenn die Diktatoren mit gehemmter Gehirnregion an die Verteilung der Geldbeträge gingen, war das Ergebnis deutlich: Sie handelten egoistischer und waren schlechter darin, ihr Verhalten den drohenden Sanktionen anzupassen, als wenn der rechte dorsolaterale präfrontale Kortex aktiv war. 

Egoistisches Handeln wider besseres Wissen  

„Obwohl die Probanden genau wussten, dass ihr unfaires Verhalten zu einer Geldstrafe führen würde, konnten sie offensichtlich aufgrund der eingeschränkten Aktivität der Hirnstruktur nicht mit angemessenen Strategien reagieren“, sagt Riedl der Universität Maastricht. Es sei ganz erstaunlich, dass sich ein solch komplexes Verhalten möglicherweise auf eine einzige Gehirnstruktur zurückführen lässt. Norm-geleitetes Verhalten sei eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Gesellschaften, der dorsolaterale präfrontale Kortex scheint ein Schlüssel dazu zu sein, so die Forscher. Sack schränkt allerdings ein: „Es gibt noch keine Möglichkeit, die Gehirnstruktur bei einer Unterfunktion langfristig zu steigern, um faires Verhalten zu befördern“. 

Publikation: Be Nice if You Have to – The Neurobiological Roots of Strategic Fairness, “Social Cognitive and Affective Neuroscience” http://enews.nieuwskiosk.nl/instance/0/enews/files/501/504/A.Riedl(BeNice)_online_2014.pdf

Vojislav Miljanovic | KAM3 GmbH

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise