Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fair Play – eine Frage des Selbstbilds?

27.07.2011
Max-Planck-Forscher klären, unter welchen Bedingungen Menschen zu fairem Verhalten bereit sind

Warum verhalten sich Menschen eigennützig und nehmen negative Konsequenzen für andere in Kauf?


Fair gehandelte Produkte könnten von der Bereitstellung von Informationen profitieren, da sie das Verhalten der großen Gruppe variabel Entscheidender maßgeblich beeinflusst. S. Hofschlaeger/pixelio.de

Dieser Frage sind Astrid Matthey und Tobias Regner vom Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik in einem Laborexperiment nachgegangen. Ihr Ergebnis: Verhalten hängt oft davon ab, ob Informationen über die Konsequenzen für Dritte ausgeblendet werden können. Nach Ansicht der Forscher lassen die Ergebnisse Rückschlüsse darauf zu, wie sich beispielsweise fair gehandelte Produkte besser vermarkten lassen.

Die Forscher ließen 90 Probanden in jeweils vier Runden Geldbeträge zwischen sich und anonymen Mitspielern aufteilen. Dabei erhielten die Probanden in einigen Durchgängen genaue Informationen darüber, wie sich ihre Entscheidungen auf die Auszahlungen an ihre unbekannten Mitspieler auswirken würden. In anderen Durchgängen konnten die Probanden selbst entscheiden, ob sie sich über die Konsequenzen ihrer Aufteilungsentscheidung für ihre Mitspieler informieren wollten, oder ob sie diese Informationen lieber ausblendeten. „Wir fanden, dass es zwar Menschen gibt, die unter allen Bedingungen eigennützig oder fair agieren“, erläutert Tobias Regner die Ergebnisse. „Viele Menschen aber bewegen sich in der Grauzone: Sie agieren fair, wenn ihnen die Konsequenzen ihres Handelns für andere klar sind. Bietet sich jedoch die Möglichkeit, diese Konsequenzen auszublenden, dann tun sie dies, und handeln eigennützig.“

Welche Beweggründe stecken dahinter? Die Jenaer Experimentalökonomen haben im psychologischen Konzept der „kognitiven Dissonanz“ eine Erklärung für dieses Verhalten gefunden: Demnach treffen Menschen bevorzugt Entscheidungen gemäß ihrem Selbstbild. Halten sie sich z.B. für „fair“ oder „großzügig“, vermeiden sie Handlungen, die eindeutig egoistisch sind, um nicht in Widerspruch zum eigenen Selbstbild zu geraten. Ist es ihnen jedoch, wie im vorliegenden Experiment, möglich, Informationen zu den Konsequenzen für Dritte zu ignorieren, lässt sich ein positives Selbstbild auch bei egoistischem Verhalten leichter aufrechterhalten. „Wenn die Konsequenzen klar ersichtlich sind, entscheiden sich viele Teilnehmer für faires Verhalten“, berichtet Astrid Matthey: „Besteht jedoch die Möglichkeit, die Konsequenzen auszublenden, fällt eine „großzügige“ Entscheidung deutlich schwerer, viele wechseln dann zu der egoistischen Alternative.“

Politiker sollten bei diesen Ergebnissen aufhorchen. Denn nach Meinung der Forscher lassen sich diese direkt auf die Entwicklung von politischen Förderinstrumenten zum Beispiel von nachhaltigem Konsumverhalten anwenden: „Wir glauben, dass die Bereitstellung von Informationen von zentraler Bedeutung für das Verhalten der großen Gruppe variabel Entscheidender ist“, so Regner. Der Rat der Forscher: Würden beispielsweise die Bedingungen der Kaffee- oder Bekleidungsproduktion unübersehbar auf der jeweiligen Verpackung abgedruckt, würde es vielen Menschen schwerer fallen, sich für ein unfair gehandeltes, aber billigeres Produkt zu entscheiden. „Unter diesen Bedingungen würden wir einen höherer Absatz zum Beispiel von Produkten mit „Fairtrade“-Siegel erwarten“, so Regners Kollegin Matthey.

Originalpublikation:

Astrid Matthey und Tobias Regner
Do I Really Want to Know? A Cognitive Dissonance-Based Explanation of Other-Regarding Behavior

Games, 2, 114-135 (2011); doi: 10.3390/g2010114

Kontakte:

Dr. Astrid Matthey
Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena
Telefon: +49 3641 686-644
Fax: +49 3641 686-667
Tobias Regner, Ph.D.
Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena
Telefon: +49 3641 686-635
Fax: +49 3641 686-667
E-Mail: regner@econ.mpg.de
E-Mail: matthey@econ.mpg.de

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten