Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Extreme Jugend?

15.06.2011
Soziologen der Uni Jena erforschen die Auswirkungen von Totalitarismus auf junge Menschen

In Griechenland protestieren fast jeden Tag tausende Menschen gegen ihre Regierung. Oft sind es Jugendliche, die keine Perspektive für die Zukunft sehen. Ähnlich sieht es in Portugal aus.

In Spanien campieren tagelang tausende junge Menschen auf einem zentralen Platz, um auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen. Fast die Hälfte von ihnen ist arbeitslos trotz sehr guter Ausbildung. „In vielen europäischen Staaten fühlt sich die Jugend von der Politik ausgegrenzt und nicht mehr repräsentiert“, sagt Prof. Dr. Klaus Dörre von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Wenn es nicht gelingt, solche Proteste in demokratische Prozesse einzuhegen, kann eine Eigendynamik entstehen, die in den Extremismus führt.“ Das habe die Vergangenheit bewiesen.

In dem jetzt gestarteten EU-Projekt MYPLACE („Memory, Youth, Political Legacy and Civic Engagement”) wollen Sozialwissenschaftler von 14 europäischen Universitäten in den nächsten vier Jahren untersuchen, inwieweit Erfahrungen mit Totalitarismus und Extremismus junge Menschen von heute beeinflussen. „Dabei wird es zwar vor allem um Rechtsextremismus gehen, aber es sind z. B. baltische Staaten beteiligt, in deren Vergangenheit der Stalinismus eine große Rolle spielt“, erklärt der Soziologe Dörre, der den Jenaer Bereich leitet. Gemeinsam mit Kollegen von der Universität Bremen trägt er die Ergebnisse für Deutschland zusammen. Ost und West untersuchen die Sozialforscher getrennt.

Durch die nationalsozialistische Vergangenheit sei in Deutschland das Tabu noch sehr klar ausgeprägt, sagt Dörre. In der politischen Gegenwart spielten deshalb rechtsextreme Parteien kaum eine Rolle. Nichtsdestotrotz sei die Gefahr nicht gebannt. Man könne auch die Diskussion um Rechtsextremismus nicht auf die Frage der Bildung reduzieren. „Das ist kein Problem, das man einfach wegbilden kann“, sagt der Jenaer Soziologe. Oftmals steckten dahinter Interessenverletzungen, die auf extremes Gedankengut treffen.

Derzeit ist das in ganz Europa zu beobachten. Aus der Wirtschaftskrise gingen manche Staaten als Gewinner andere als Verlierer hervor. Die Bevölkerung der Verlierer wendet sich von ihren Regierungen ab und sucht teilweise Alternativen in Extremen. In den Gewinnerstaaten werden nationalistische Parteien stark, die sich von den Krisenverlierern abschotten wollen. Der europäische Einigungsprozess sei dadurch in Gefahr, schließlich sei er vor allem ökonomisch getrieben. „Derzeit hat eine rechtspopulistische Welle in verschiedenen europäischen Ländern – wie Finnland oder den Niederlanden – populistische Parteien in die Parlamente gespült“, sagt Prof. Dörre. „Dort ist es den Rechtsextremen gelungen, sich von der Geschichte zu distanzieren und auch kulturelle Themen, wie etwa die Islamdiskussion, für ihre Zwecke zu benutzen.“ Charismatische Führungspersönlichkeiten täten dann ein Übriges.

Deshalb hat die Europäische Union MYPLACE als sehr wichtig eingestuft und sich direkt unterstellt. Jede Universität erhält 400.000 bis 500.000 Euro. In Jena werden davon eine Postdoc- und eine Doktorandenstelle finanziert.

Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Dörre
Institut für Soziologie der Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 2, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945520
E-Mail: Klaus.Doerre[at]uni-jena.de

Sebastian Hollstein | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Extremismus MYPLACE Rechtsextremismus Soziologe Totalitarismus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften