Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

EU-Projekt: Vitalitätsbarometer für die Sprachen Europas soll Minderheitensprachen vor dem Aussterben schützen

15.10.2009
European Language Diversity for All (ELDIA) wird von EU mit 2,7 Millionen Euro finanziert - Acht Universitäten beteiligt, Koordination liegt in Mainz

Ein Vitalitätsbarometer für die Sprachen Europas soll uns in einigen Jahren zuverlässig anzeigen, welche Sprachen akut vom Aussterben bedroht sind oder aber auch als Minderheitensprachen eine gute Überlebenschance haben.

Unter der Leitung von Prof. Anneli Sarhimaa, Expertin für die nordischen und baltischen Sprachen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, werden im Auftrag der EU ab März 2010 Wissenschaftler an acht Universitäten in sechs europäischen Ländern ein solches Vitalitätsbarometer erarbeiten. Die Europäische Kommission misst dem Projekt große Bedeutung bei und stellt für die 42-monatigen Forschungen 2,7 Millionen Euro bereit.

Die Wissenschaftler werden 14 finnougrische Sprachen genauestens untersuchen. "Diese Sprachen eignen sich besonders gut, weil sie das ganze Spektrum der verschiedenen Minderheitensprachen abdecken, angefangen von autochthonen Sprachen wie die der Meänkieli-Sprecher in Schweden bis zur Sprache neuer Arbeitsmigranten, beispielsweise der Esten in Deutschland", erklärt Projektleiterin Sarhimaa. Die Ergebnisse sollen ein europäisches Sprachvitalitätsbarometer ergeben, das so universell ist, dass es prinzipiell überall für alle Minderheitensprachen eingesetzt werden kann. Das European Language Vitality Barometer "EuLaViBar" wäre so etwas wie die Rote Liste gefährdeter Arten: ein Gradmesser für den aktuellen Stand und das Ausmaß der Gefährdung. Es wäre damit auch ein Instrument für die EU, um zu überprüfen, wie die EU-Politik zum Schutz von Minderheiten umgesetzt wird.

12 Wissenschaftler sowie 20 Doktoranden und Postdocs aus Deutschland, Finnland, Österreich, Schweden, Estland, Russland und Slowenien werden für das Projekt zahlreiche Interviews vor Ort führen und Textdokumente der 14 Minderheitensprachen und der entsprechenden Mehrheitssprachen analysieren. Linguisten werden die Sprache der Seto im Osten von Estland genauso unter die Lupe nehmen wie die der Ungarn in Slowenien. Juristen prüfen die rechtliche Stellung der Minderheiten im Hinblick auf die EU-Gesetzgebung. Soziologen beurteilen die öffentliche Wahrnehmung der Volksgruppen. Statistiker erarbeiten die methodischen Grundlagen für die Materialerhebung und Auswertung.

"Mehrsprachigkeit ist ein Teil unseres großen europäischen Erbes", sagt Sarhimaa. "Auch in Europa wachsen 46 Millionen Menschen mit der Sprache einer Minderheit und zugleich mit der gängigen Verkehrssprache auf." Dieses Erbe zu erhalten und zu schützen, ist Ziel des Projekts. Gefährdet ist diese Hinterlassenschaft außerhalb der EU zum Beispiel auch in Russland, unter anderem weil ehemals naturgebundene Völkergruppen vom Aussterben bedroht sind und mit ihnen auch die Sprache. Das Projekt European Language Diversity for All (ELDIA) erstreckt sich auch auf Karelier, Wepsen und Seto in Russland sowie die Nordsámi in Norwegen, die im grenznahen Bereich zur EU leben. Dass Minderheiten und Mehrheiten nicht im Wettbewerb stehen müssen und ihre Sprachen Seite an Seite bestehen können, auch dies hofft das Vitalitätsbarometer aufzuzeigen und damit zentrale Faktoren für den Spracherhalt herauszufiltern. Fest steht schon jetzt: Alle Sprachen, die von weniger als einer Million Menschen gesprochen werden, haben kaum eine Zukunft.

Das Projekt ist das budgetmäßig größte Projekt innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften, das an der Universität Mainz beheimatet ist, und stellt somit einen wichtigen Baustein für die Initiative "Pro Sozial- und Geisteswissenschaften" dar. International gesehen ist ELDIA das umfangreichste Einzelprojekt zur Erforschung der finnougrischen Sprachen aller Zeiten. Beteiligt sind die Universitäten von Helsinki, Oulu, Tartu, Wien, Maribor und Mainz, die Hochschule Mälardalen sowie das Friedensinstitut der Ålandinseln. Es sollen aber auch die Betroffenen und ein breites Publikum mit einbezogen werden, darunter Nicht-Regierungsorganisationen, lokale Sprecher und Vertreter von Interessengruppen.

Koordinatorin des Projekts ist Anneli Sarhimaa, die selbst finnland-russische Wurzeln hat und heute zur kleinen Minderheit der Finnen in Deutschland gehört, acht Sprachen spricht und seit den 80er Jahren über finnougrische Minderheitensprachen forscht. Sarhimaa leitet seit 2002 als Universitätsprofessorin in Mainz den Forschungs- und Lehrbereich Sprachen Nordeuropas und des Baltikums (SNEB), in dem wertvolle Vorarbeiten geleistet wurden, ohne die das jetzige Forschungsprojekt nicht möglich geworden wäre. Die SNEB-Verantwortlichen streben an, das seit Langem bestehende, in Deutschland und der EU einzigartige Lehrprogramm für die Sprachen Nordeuropas und des Baltikums in einen Master-Studiengang zu überführen.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. phil. Anneli Sarhimaa
Northern European and Baltic Languages and Cultures
Department of English and Linguistics
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. +49 6131 39-23081
Fax +49 6131 39-23973
E-Mail: sarhimaa@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.sneb.uni-mainz.de/
http://www.eldia-project.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise