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Erwachsen werden in der Schweiz

26.08.2008
Das NFP 52 legt den Bericht "Kindheit und Jugend in der Schweiz" vor

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Kinder und Jugendliche wachsen in der Schweiz unter ungleichen Bedingungen auf. Sowohl der Erziehungsstil der Eltern als auch die soziale und kulturelle Herkunft prägen die schulische und berufliche Biographie und entscheiden massgeblich über das Gelingen eines Lebens.


Dies weist der neueste Bericht des Nationalen Forschungsprogramms "Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel" (NFP 52) nach.

Wie leben Kinder und Jugendliche in der Schweiz? Welche Umstände behindern ihre Entwicklung, unter welchen Bedingungen können sie sich entfalten? Was bis vor kurzem kaum erforscht war, lässt sich nun bestimmen: Das Buch "Kindheit und Jugend in der Schweiz" des Nationalen Forschungsprogramms "Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel" (NFP 52) fasst die Ergebnisse von 29 Projekten zusammen und ergänzt sie mit demographischen Analysen der Volkszählung und Sozialberichterstattung.

Der Kindheits- und Jugendbericht erfüllt die Forderung der UNO, repräsentative Daten über die Lebensumstände von Heranwachsenden zu erheben. Zudem liefert er den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern Informationen und Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Schweizer Kinder- und Jugendpolitik.

Aufmerksamer und weniger aggressiv

Entscheidend für die Entwicklung des jugendlichen Verhaltens und für die Herausbildung der emotionalen, kognitiven und sozialen Kompetenzen ist in erster Linie der Erziehungsstil der Eltern. Die repräsentative Langzeitstudie des Schweizerischen Kinder- und Jugendsurveys "Competence and Context" (Cocon), der die Lebensverhältnisse und Lebenserfahrungen von mehr als 3000 Heranwachsenden untersucht, weist nach, dass eine mit Bestrafungen und Sanktionen operierende Erziehung nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt.

Eine eigenständige und gefestigte Persönlichkeit entwickeln im Gegenteil solche Kinder, deren Eltern einen Erziehungsstil pflegen, der sich durch hohe emotionale und kognitive Qualität auszeichnet, die Entdeckung neuer Lebenswelten unterstützt und die Kinder an Entscheidungen teilhaben lässt. Diese Kinder sind aufmerksamer und weniger aggressiv, können ihr Verhalten besser kontrollieren und richten es auf das Wohlergehen anderer aus. In der Schweiz wachsen jedoch rund 44 Prozent der Sechsjährigen und 20 Prozent der Fünfzehnjährigen unter grosser strenger Kontrolle auf.

Negative Auswirkungen sind bei jungen Frauen stärker

Wie das Buch nachweist, kann ein gleichgültiger oder nur fordernder, nicht aber fördernder Erziehungsstil bei Jugendlichen zu gesundheitlichen Problemen, vermehrtem Cannabis- und Tabakkonsum sowie der Empfindung führen, das Leben sei sinnlos, was sich in Suizidgedanken und -versuchen äussert. Die negativen Effekte dieses Erziehungsstils sind bei jungen Frauen stärker. Sie leiden häufiger unter körperlichen und psychischen Störungen.

Geschlechtstypische Unterschiede zeigen sich auch beim Freizeitverhalten und der Beschäftigung mit politischen Fragen. So spielen sechsjährige Mädchen lieber bei sich oder anderen Zuhause, während sich gleichaltrige Knaben bevorzugt auf Quartierstrassen aufhalten. Bei der Aneignung öffentlicher Räume sind sie den Mädchen einen Schritt voraus. Zwar diskutiert die Mehrheit der 15-jährigen Jugendlichen unabhängig vom Geschlecht mehrmals pro Monat mit ihren Eltern über politische und soziale Fragen. Doch bedeutend mehr männliche Jugendliche lesen täglich die Zeitung. Bei ihnen ist das Interesse an politischen Fragen stärker ausgebildet.

Erziehung im gesellschaftlichen Kontext

Elterliche Erziehungsstile sind immer in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Sie werden durch die Arbeitsteilung zwischen den Eltern, deren Bildungshintergrund, das Einkommen der Familie und die Wohnverhältnisse geprägt. Die Eltern tragen also die moralische Verantwortung für das Wohl des Kindes nicht allein. Politik und Gesellschaft sind dafür mitverantwortlich, die Reproduktion sozialer Ungleichheit zu durchbrechen. Denn Kinder aus armen und bildungsfernen Haushalten haben in der Regel schlechtere Zukunftschancen.

Jedes fünfte Kind in der Schweiz ist von "Armut" betroffen, also dem Mangel an finanziellen Mitteln, dem fehlenden Zugang zu öffentlichen und privaten Dienstleistungen sowie einer kulturell bereichernden Freizeitgestaltung. Besonders betroffen sind Kinder unter sechs Jahren. Die Einkommensarmut der Eltern rührt oft von einer prekären Situation auf dem Arbeitsmarkt her, die wiederum durch Bildungsarmut bedingt ist. Diese Gemengelage ist am häufigsten bei Alleinerziehenden sowie Migrantinnen und Migranten anzutreffen. Ein Migrationshintergrund wirkt sich daher in der Regel negativ auf die Aufstiegsmöglichkeiten der Kinder aus.

Das Kindeswohl politisch realisieren

Das NFP 52 empfiehlt folgende Massnahmen, um die Chancengleichheit unter Kindern und Jugendlichen zu realisieren:

* Senkung der Kosten für die Kinderbetreuung ökonomisch schlecht gestellter Eltern;

* Entschärfung der sozialen Segregation des Schulsystems, indem die Ausbildungswege später getrennt werden und ihre Durchlässigkeit erhöht wird;

* Abfederung des Übergangs von der Schule in den Beruf; so lässt sich die Ausgrenzung und Prekarisierung der Jugendlichen eher vermeiden.

Ferner empfiehlt das NFP 52, dass in Zukunft alle fünf Jahre ein Kindheits- und Jugendbericht erarbeitet wird, der den politischen Entscheidungsträgern und -trägerinnen die notwendigen Informationen bereitstellt.

Publikation:
Franz Schultheis, Pasqualina Perrig-Chiello, Stephan Egger (Hg.): Kindheit und Jugend in der Schweiz. Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms "Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel". Beltz Verlag, Basel, Weinheim 2008.
(Französische Ausgabe erscheint Januar 2009 im Beltz-Verlag.)

Kontakt:
Prof. Franz Schultheis
Soziologisches Seminar
Universität St. Gallen
Tigerbergstrasse 2, CH-9000 St. Gallen
Tel.: +41 71 224 29 30, Tel.: +41 71 672 76 39
E-Mail: franz.schultheis@unisg.ch

Prof. Pasqualina Perrig-Chiello
Institut für Psychologie
Universität Bern
Muesmattstrasse 45, CH-3000 Bern 9
Tel.: +41 61 331 75 19, Tel.: 079 750 45 72
E-Mail: Pasqualina.perrigchiello@psy.unibe.ch

Nationales Forschungsprogramm "Kindheit, Jugend und
Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel" (NFP 52)

Das NFP 52 nahm seine Arbeit im Jahr 2003 auf, um über die aktuellen und zukünftigen Lebensverhältnisse und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen neue Erkenntnisse zu gewinnen. Besonderes Augenmerk galt intergenerationellen und rechtlichen Aspekten.

Mit insgesamt 12 Millionen Franken konnten 29 Forschungsprojekte realisiert werden, deren Schlussberichte inzwischen vorliegen. Sie arbeiten die Lebensverhältnisse von Familien in der Schweiz und den Zusammenhang von Erziehung und psychosozialer Gesundheit auf, klären die Generationenfragen in der Sozial- und Migrationspolitik und beleuchten den Alltag in Schule und Freizeit.

Vor wenigen Tagen legte das NFP 52 den "Generationenbericht Schweiz" vor. 2007 erschienen die "Impulse für eine politische Agenda aus dem Nationalen Forschungsprogramm Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen". In dieser politischen Agenda bündelt die Leitungsgruppe des NFP 52 die Impulse und Vorschläge aus allen Projekten.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.snf.ch
www.nfp52.ch

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