Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ist unser Erbrecht noch zeitgemäß? Wissenschaftlerin untersucht Folgen des demographischen Wandels

12.08.2010
Auf dem weitläufigen Feld des Erbrechts scheint der fortschreitende demographische Wandel auf den ersten Blick keine allzu großen Konsequenzen zu haben. So macht der Umstand, dass in Zukunft weniger potentielle Erben in den Kindergenerationen zu finden sein werden, zunächst kaum Probleme.

In einer Studie hat Prof. Dr. Inge Kroppenberg von der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Regensburg aber nun darauf hingewiesen, dass auch die Erblasser – also die Personen, die vererben – immer älter werden, und dass dies weitreichende Folgen für das Erbrecht hat.

Im Jahr 2050 wird voraussichtlich jeder dritte Einwohner in Deutschland älter als 60 sein; fast jeder siebte wird das 80. Lebensjahr vollendet haben. Für das Erbrecht birgt dieser Befund neben den rein quantitativen Aspekten auch qualitative Herausforderungen. Erblasser verfügen zum einen wegen der längeren Lebensläufe häufig erst spät und aufgrund geänderter Lebensentwürfe auch mehrmals über ihren Nachlass. Der Gesetzgeber hat hier über eine Reform des Erbrechts – die am 1. Januar 2010 in Kraft getreten ist – erstmals reagiert und sich auf die Fahnen geschrieben, den Gestaltungsspielraum des Erblassers bei der Regelung des eigenen Testaments zu stärken.

Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass mit zunehmendem Alter auch die Demenzerkrankungen zunehmen, so dass die Erblasser keine selbstbestimmten Entscheidungen treffen können und die Gefahr der Einflussnahme von dritter Seite zunimmt. „Gegenwärtig“, so Kroppenberg, „reagiert unser Erbrecht darauf nur punktuell, so zum Beispiel mit einem Verbot, Testamente zugunsten von Heimpersonal zu schreiben, sofern der Erblasser Heimbewohner oder –bewerber ist“. Allerdings liegt auf der Hand, dass von einer Demenz betroffene Erblasser nicht nur Menschen sind, die bereits im Heim leben. Die erbrechtliche Auseinandersetzung mit dieser Problematik steckt nach Ansicht von Kroppenberg noch in den Kinderschuhen.

Das Thema „alternde Gesellschaft“ mache sich in der gesetzlichen Erbfolge aber auch bei der Frage der Ausgleichung von Pflegeleistungen bemerkbar, die ein naher Angehöriger dem Erblasser über Jahre oder gar Jahrzehnte erbracht hat. Der Reformgesetzgeber hat mit Beginn dieses Jahres erstmals das Recht eingeräumt, die erbrachte Pflegeleistung gegenüber Miterben – etwa Geschwistern, die den Vater oder die Mutter nicht gepflegt haben – bei der Erbauseinandersetzung zur Ausgleichung zu bringen. Das ist „ein Schritt in die richtige Richtung“, wie Kroppenberg betont. Er bedeute zudem auch ein Stück Teilhabegerechtigkeit für Frauen, die in Deutschland einen großen Teil der Familienpflege leisten. Doch sei der Gesetzgeber auf halbem Weg stehen geblieben. Gegenwärtig wird zwar diskutiert, die Regelung auch für andere Personen, die den Erblasser zu dessen Lebzeiten gepflegt haben, zu öffnen: so zum Beispiel für die Partnerin einer nicht ehelichen Lebensgemeinschaft. In diesem Zusammenhang sind aus Sicht der Regensburger Rechtswissenschaftlerin allerdings noch eine ganze Reihe von Anpassungen oder Neuregelungen notwendig.

Kroppenbergs Einschätzungen sind vor kurzem in der Fachzeitschrift „ErbR – Zeitschrift für die gesamte erbrechtliche Praxis“ erschienen. Die weitreichenden Konsequenzen einer alternden Gesellschaft für die verschiedenen Bereiche des Erbrechts werden zudem während des 68. Deutschen Juristentags, der im September in Berlin stattfindet, im Rahmen der zivilrechtlichen Sektion erstmals unter dem Stichwort „Ist unser Erbrecht noch zeitgemäß?“ öffentlich diskutiert.

Literaturhinweis:
Inge Kroppenberg, Erbrechtliche Herausforderungen des demographischen Wandels, ErbR – Zeitschrift für die gesamte erbrechtliche Praxis 7 (2010), S. 206-216
Ansprechpartnerin für Medienvertreter:
Prof. Dr. Inge Kroppenberg
Universität Regensburg
Fakultät für Rechtswissenschaft
Tel.: 0941 943-2280/2281
Inge.Kroppenberg@jura.uni-regensburg.de

Alexander Schlaak | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-regensburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Goldmedaille für die praktischen Ergebnisse der Forschungsarbeit bei Nutricard

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Nachwuchs knackt Nüsse - Azubis der Friedhelm Loh Group für Projekte prämiert

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen

11.12.2017 | Medizin Gesundheit