Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Entwicklungsland Deutschland: Prävention könnte psychische Störungen bei Kindern verhindern

07.10.2009
Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter sind weit verbreitet. Mittlerweile leidet fast jedes dritte Kind im Laufe seiner Entwicklung unter einer seelischen Erkrankung.

Auf der Fachtagung "Seelisch gesund groß werden" an der Technischen Universität Braunschweig stellten Psychologen, Ärzte und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Präventionsmaßnahmen vor, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist.

Sie forderten, dass insbesondere Erziehende in einem gesundheitsfördernden Erziehungsstil geschult werden sollten, damit mehr Kinder seelisch gesund groß werden können.

In Deutschland spielt der Einsatz wirksamer Erziehungsprogramme und Präventionsstrategien eine untergeordnete Rolle. Vor allem in den angelsächsischen Ländern hingegen wird Frühprävention vom Staat unterstützt. "Es gibt keine Lobby bei uns, die sich für Prävention kindlicher psychischer Störungen starkmacht. Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird gehandelt. Wir appellieren an die Politik, die Zugänglichkeit wissenschaftlich evaluierter Elternprogramme zu unterstützen", forderte Prof. Kurt Hahlweg, Klinischer Psychologe an der TU Braunschweig.

Die seelische Gesundheit von Kindern fördern

Auslöser für psychische Störungen bei Kindern können biologische Faktoren (z. B. Vererbung, geringes Geburtsgewicht, Geburtskomplikationen), psychosoziale Bedingungen, (wie schlechte Wohnverhältnisse, Armut etc.) aber auch fehlende erzieherische Kompetenzen der Eltern und Bezugspersonen sein. Dabei sind Gene und psychosoziale Bedingungen nur schwer zu verändern. Erfolgreiche Maßnahmen zur Vorbeugung psychischer Störungen im Kindesalter setzen daher an der Verbesserung von Erziehungskompetenzen von Eltern und Bezugspersonen an. Übereinstimmend zeigt sich in zahlreichen Studien weltweit, dass Erziehungstrainings, die einen autoritativen Erziehungsstil vermitteln - ein Erziehungsstil, der durch hohe Wertschätzung und klare Verhaltensregeln gegenüber dem Kind gekennzeichnet ist - zur Verbesserung des seelischen Befindens von Kindern beitragen. Zudem konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass ein positiver Erziehungsstil insbesondere bei Kindern mit biologischen Risiken zur Verbesserung ihrer psychischen Gesundheit beiträgt und somit das biologische Risiko "abpuffern" kann.

Was leisten erfolgreiche Erziehungstrainings?

Erfolgreiche Trainings sind durch klare Handlungsanweisungen und das gezielte Einüben neuen Erziehungsverhaltens charakterisiert. Eltern oder Erziehungspersonen üben in solchen Trainings:

o positive Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen durch gemeinsame wertvolle Eltern-Kind-Zeiten, Zuneigung und Gespräche

o positives Verhalten des Kindes durch Loben und Aufmerksamkeit zu fördern;

o Verhalten zu ändern durch Lernen am Modell und systematische Beachtung von neuem Verhalten

o klare, ruhige Anweisungen; ignorieren von problematischem Verhalten, konsequentes Verhalten nach Fehlverhalten.

In einer Studie der Technischen Universität Braunschweig konnte auch für Deutschland gezeigt werden, dass mit solchen Trainings langfristig die Erziehungskompetenzen der Eltern sichtbar verbessert und die Rate von Verhaltensauffälligkeit bei Kindern reduziert werden konnten.

Verwirrende Vielfalt in Deutschland

Problematisch ist, dass es in Deutschland zwar ein großes Angebot familienbezogener Maßnahmen gibt, die oftmals Erziehungsthemen beinhalten. Nur selten aber kommen Programme zur Anwendung, deren Effektivität wissenschaftlich geprüft bzw. belegt ist. Anders als bei Medikamenten und anderen medizinischen Behandlungen wird für psychologische Maßnahmen weder Wirksamkeit noch Sicherheit geprüft, bevor sie in die praktische Anwendung kommen. Die Sichtweise, dass psychologische Interventionen immer nur Gutes tun und nicht schaden können, ist nachweislich falsch und bedarf dringend der Korrektur in der Öffentlichkeit. "Für wirksame Elterntrainings bedeutet dies, dass sie überprüft sein müssen und nur durch speziell geschulte und zertifizierte Psychologen und Pädagogen durchgeführt werden dürfen. Auch müssen die Ausbilder an regelmäßigen Maßnahmen zur Qualitätssicherung teilnehmen", betont die Klinische Kinder- und Jugendpsychologin, Silvia Schneider, Professorin an der Universität Basel.

Eltern sind oft überfordert

Für Eltern und Erziehungspersonen ist es nahezu unmöglich, zwischen wissenschaftlich bewährten und unerprobten Hilfen zu unterscheiden. Dabei wünschen sich Eltern dringend Erziehungshilfen. 68 Prozent der Eltern sehen sich in einer Umfrage des Lehrstuhls für Klinische Psychologie der TU Braunschweig mit Erziehungsfragen überfordert. Sie möchten konkrete und umsetzbare Handlungsanweisungen für ihren täglichen Umgang mit ihren Kindern. Dafür sind sie auch bereit, einen finanziellen Beitrag zu leisten.

Für die Wissenschaftler ist es wichtig, raus aus dem Elfenbeinturm hinein in die breite Anwendung zu gehen. Mit dem Kongress haben sie einen Dialog angestoßen zwischen Wissenschaftlern, Ärzten und Psychologen, aber auch mit Politikern und Entscheidungsträgern von Präventionsmaßnahmen. Ihr Ziel ist es, die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen für evidenzbasierte Prävention zu verbessern, mehr Transparenz zu schaffen und ein Engagement der gesundheitspolitisch Verantwortlichen zu verstärken, "weil wir nur so weite Teile der Eltern, insbesondere Eltern aus sogenannten "bildungsfernen" Gruppen mit qualifizierter Hilfe erreichen", resümierte Prof. Hahlweg.

Die Forderungen der Wissenschaftler:
1. Qualitätssicherung bei Präventionsprogrammen
2. Transparente Darstellung und Bewertung solcher Programme im Internet
3. Ausbildung von 10.000 Trainern
4. Investitionen in Prävention und mehr Kinder- und Jugendtherapeuten
Kontakt:
TU Braunschweig
Prof. Dr. Kurt Hahlweg
T. 0531-391-3623
k.hahlweg@tu-braunschweig.de
Pressekontakt:
Kongress-Presseteam
Sieglinde Schneider
T. 0611/ 40 80 610
sieglinde.schneider@accente.de

Ulrike Rolf | idw
Weitere Informationen:
http://www.praeventionskongress-bs.de
http://www.klaus-grawe-stiftung.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie