Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Diskriminierung und Toleranz zwischen sozialen Gruppen

06.01.2009
DFG-Forschergruppe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena verlängert

Wie Menschen sich gegenüber ihren eigenen und fremden Gruppen verhalten und was ihre wechselseitige Ablehnung oder Akzeptanz prägt, das untersucht bereits seit sechs Jahren eine internationale Forschergruppe um Prof. Dr. Amelié Mummendey von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Ziel der Forschungen ist es u. a., "Möglichkeiten und Bedingungen für positive Beziehungen zwischen sozialen Gruppen zu identifizieren, Maßnahmen zu deren Unterstützung abzuleiten und deren Wirkung zu überprüfen", erläutert die Jenaer Sozialpsychologin. Nach sechs Jahren stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) üblicherweise die Förderung für solche Forschergruppen ein. Doch sie hat entschieden, die Forschergruppe "Discrimination and Tolerance in Intergroup Relations" für zwei weitere Jahre mit insgesamt rd. 1,34 Mio. Euro zu fördern. So können nun fünf Postdocs, sieben Doktorandinnen und Doktoranden, wissenschaftliche Hilfskräfte sowie die Forschungs-Professur von Andreas Beelmann weiter finanziert werden. Dadurch sind in neun Forschungsprojekten aus unterschiedlichen Bereichen der Psychologie zusätzliche Erkenntnisse zu Diskriminierung und Toleranz zwischen sozialen Gruppen zu gewinnen.

"Es ist sehr schön, dass in dieser Auslaufphase auch neue Projekte genehmigt wurden", sagt die Sprecherin Amelié Mummendey. Sie vermutet, dass die außerordentliche Verlängerung nicht zuletzt auch auf den Interventionsthemen beruht. In den kommenden Jahren soll v. a. versucht werden, möglichst viele der grundlegenden Erkenntnisse in die Anwendung zu überführen und Interventionsmodelle - etwa für die Grundschule - zu entwickeln.

So soll etwa das in einer Reihe der Projekte untersuchte Eigengruppenprojektionsmodell von Andersartigkeit für die Praxis nutzbar gemacht werden. Die Forscher können anhand ihres Modells bestimmen, wann und wie in Gruppen eine soziale Unterstützung für Entscheidungen entsteht und wann eine Abweichung nicht mehr tolerabel ist. Dies entscheidet über die Zuordnung zu - oder den Ausschluss aus - einer Gemeinschaft. Die Androhung von Folter in einem Verhör, nennt Prof. Mummendey als Beispiel, sei eine Handlung, die von manchen (im Gegensatz zu unserer Rechtslage) unter bestimmten Bedingungen noch hingenommen, von anderen absolut nicht akzeptiert wird. "Eine Orientierung auf ,Alles oder Nichts' erhöht die Akzeptanz dafür, jemanden auszuschließen", erläutert die Jenaer Psychologin - diese ist bei graduellen Einschätzungen weniger einmütig zu erreichen. Je mehr man nun eigene Eigenschaften oder Werturteile auf das Ganze projiziert, umso eher komme es allgemein zur Ablehnung von Abweichungen, erläutert Prof. Mummendey etwa an der Frage, was ein richtiger Deutscher ist. Und dies führe zu Gruppenbildungen und Ausschlüssen von Personen oder Gruppen aus anderen Gruppen.

"Phänomene des sozialen Ausschlusses haben wir täglich", weiß die Jenaer Psychologin. Ob es aber zu einem Ausschluss aus einer Partei oder einem Amt, zum Scheitern von Firmen- oder Schulfusionen oder zur Abschiebung von Zuwanderern kommt, das hänge stark von der Kompromissbereitschaft der Individuen und Gruppen und ihrer Toleranz ab. Problematisch werde es besonders, wenn die Einschätzung lautet: "Das sind wir, das sind die anderen", erläutert Mummendey.

Hilfreich gegen solche Ausgrenzungen ist es, das hat die Forschergruppe hinlänglich belegt, Gemeinsamkeiten zu betonen und neue Kategorien auf übergeordneter Ebene zu entwickeln. Wenn Vielfalt als Wert definiert und angenommen werde, dann sei ein wichtiger Schritt gegangen. "Positive Bewertungen der eigenen Gruppe müssen dabei nicht aufgegeben werden", betont Mummendey und weiß, dass "dann Toleranz erreicht werden kann".

Wie diese komplexen Prozesse grundlegend und vor allem im negativen Fall der Diskriminierung funktionieren und wie die Erkenntnisse in die Anwendung übertragen werden können, das wird die Forschergruppe bis Ende 2010 weiter erforschen, um zu einer "Verbesserung von Intergruppenbeziehungen und zur Prävention von Vorurteilen und Diskriminierung beizutragen", erhofft sich Amelié Mummendey.

Kontakt:
Prof. Dr. Amelié Mummendey
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
07737 Jena
Tel.: 03641 / 930400
E-Mail: amelie.mummendey[at]uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics