Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn niemand regiert. Ein Forscherteam untersucht den Einfluss externer Akteure auf den afghanischen Staat

20.02.2007
Wird es gelingen, Afghanistan nach mehr als 20 Jahren Krieg zu stabilisieren? Können externe Akteure zur Entstehung eines leistungsfähigen afghanischen Staates beitragen?

Oder führt das internationale Engagement in Afghanistan sogar dazu, dass internationale Organisationen, Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und Friedenstruppen dauerhaft Staatsfunktionen übernehmen? Und: Welche Folgen hätte eine solche Staatlichkeit ohne Staat für die Weltpolitik?

Diese Fragen untersucht ein Forscherteam im Rahmen des Sonderforschungsbereichs (SFB) "Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit: Neue Formen des Regierens?" unter der Leitung von Professor Christoph Zürcher vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und Dr. Ulrich Schneckener von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Was die Forscher dabei besonders motiviert: Ihre Arbeit stößt auf großes Interesse in der Öffentlichkeit, aber auch in der Politik. "Wir kooperieren mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), weil wir an den selben Fragen interessiert sind", sagt Christoph Zürcher. "Diese Kooperation ist für beide Seiten fruchtbar. Dank der Unterstützung des BMZ können wir trotz schwierigen Bedingungen unsere Feldforschung durchführen und erhalten Zugang zu wichtigen Daten. Auf der anderen Seite ist das BMZ an unseren Ergebnissen interessiert." Deutschland, als viertgrößtes Geberland, unterstützt den Wiederaufbau Afghanistans maßgeblich, und die Bundeswehr stellt das drittgrößte Truppen-Kontingent im Land.

... mehr zu:
»Afghanistan »Akteure »BMZ »Pakistan

Welche Formen der Unterstützung tragen denn überhaupt wirksam zum Wiederaufbau von Staatlichkeit bei? Um diese Fragen zu klären, wird das Forscherteam in diesem Frühjahr 2000 afghanische Haushalte befragen. "Wir konzentrieren uns dabei auf Haushalte im ländlichen Raum, weil wir denken, dass unterstützende Maßnahmen vor allem auch der ländlichen Bevölkerung zu Gute kommen sollten. Diese stellt über 80 Prozent der Bevölkerung, und wenn es nicht gelingt, diese große Gruppe am 'Projekt afghanischer Staat' zu interessieren, dann werden die Bemühungen der Geberländer scheitern."

Diese Umfragen werden die Forscher nach einigen Jahren wiederholen, um Veränderungen zu dokumentieren. Positive oder auch negative Veränderungen können durch Entwicklungszusammenarbeit herbeigeführt werden. Aber natürlich können auch andere Faktoren die Situation vor Ort beeinflussen, etwa Arbeitsmigration und Drogenhandel, Umweltkatastrophen, oder die destabilisierende Aktivität von Warlords oder Taliban-Kämpfern. Die methodische Herausforderung, vor welcher das Forscherteam steht, liegt darin, den Einfluss des internationalen Engagements auf diese Veränderungen festzustellen. Dazu muss der Einfluss anderer Faktoren gewissermaßen "herausgerechnet" werden.

Das Forscherteam setzt aber nicht nur auf quantitative, statistische Methoden, sondern setzt ergänzend auch qualitative Methoden ein. "Ohne solide empirische Feldforschung, welche die quantitative Forschung unterstützt, lassen sich diese Fragen gar nicht beantworten", sagt Jan Koehler, der für das Forscherteam die Feldarbeit in Afghanistan koordiniert, und auf langjährige Erfahrung in Afghanistan zurückblicken kann. Gute Kontakte vor Ort helfen dabei und sorgen nebenbei für Beschäftigung und Fortbildung des afghanischen Forschernachwuchses: Die vorgesehenen Befragungen werden überwiegend von Afghanen durchgeführt, die dafür von dem Forscherteam ausgebildet und angeleitet werden.

Den Einfluss externer Akteure auf die Stabilität und Sicherheit eines Landes untersucht das Forscherteam nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Tadschikistan und Pakistan. Federführend für die Untersuchungen zu Pakistan ist der Pakistan-Experte Boris Wilke von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Den Forschern geht es aber nicht nur darum, zu diesen drei Ländern Fallstudien anzufertigen: "Letztlich verfolgen wir drei übergeordnete Ziele", sagt Christoph Zürcher. "Wir wollen erforschen, durch welche Maßnahmen internationale Akteure zur Stärkung von schwachen Staaten generell beitragen können. Zweitens beobachten wir, dass die dabei entstehenden politische Gebilde mit dem klassischen souveränen Nationalstaat nicht mehr viel gemein haben, da wichtige Staatsaufgaben dauerhaft von zumeist informellen Partnerschaften zwischen Internationalen Organisationen, NGO und Akteuren vor Ort wahrgenommen werden. Wir wollen untersuchen, welche Auswirkungen diese Tendenz auf internationale Politik hat. Und drittens brauchen wir ein innovatives Methodenbündel, um diese komplexen Probleme überhaupt erforschen zu können."

Den Forschern wird die Arbeit nicht ausgehen, denn funktionierende Staaten sind seltener, als gemeinhin angenommen wird. Je nach Kriterienraster müssen bis zu einem Drittel aller Staaten als gefährdet gelten. Fragile Staaten aber sind, sagt Ulrich Schneckener von der SWP, ein zentrales Problem der Weltpolitik: "Solche Staaten können kein legitimes Gewaltmonopol aufrechterhalten und ihre Bürger nicht mehr vor inneren und äußeren Bedrohungen schützen, sie können politische Ziele nicht mehr durchsetzen und sie sind nicht mehr in der Lage, den Menschen ein gewisses Maß an materieller Grundversorgung ? Infrastruktur, Gesundheit, Bildung und soziale Sicherung ? zu garantieren."

Besonders problematisch ist es, dass solche Staaten auch nicht mehr in der Lage sind, Institutionen zur gewaltfreien Bearbeitung von Konflikten innerhalb der Gesellschaft oder zwischen Gesellschaft und Staat zur Verfügung zu stellen. Die Folge: Solche Staaten werden anfällig für Bürgerkriege.

Im vergangenen Herbst hat das Forscherteam Reisen nach Pakistan und Afghanistan unternommen, um die Feldforschungsaufenthalte vorzubereiten, welche im Frühjahr 2007 beginnen sollen. Natürlich beobachten die Wissenschaftler sehr genau, wie sich die Sicherheitslage in Afghanistan und Pakistan entwickelt. "Es gibt Probleme. Doch die sind vor allem logistischer Natur. Dank guter Kontakte zu den vor Ort tätigen Organisationen lassen sich diese aber bewältigen", sagt Boris Wilke, der die Feldforschung in Pakistan organisiert. Und auch die Situation in Afghanistan sehen die Forscher gelassen. "Das BMZ unterstützt uns logistisch, und wir übernehmen selbstverständlich die Sicherheitsbestimmungen der vor Ort tätigen deutschen Organisationen", sagt Christoph Zürcher. Zudem sei die Lage insbesondere im Norden des Landes nach wie vor stabil. Deshalb sind auch andere deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen weiterhin vor Ort tätig. Nicht zuletzt dadurch wird das andauernde internationale Interesse an Afghanistan dokumentiert, was gerade für die Afghanen wichtig ist, die sich für Demokratisierung und Stabilisierung in ihrem Heimatland einsetzen.

Von Cornelius Graubner

Am 23./24. Februar 2007 findet die Eröffnungskonferenz des SFB 700 in Berlin statt.

Die Veranstaltungen des zweiten Konferenztages sind öffentlich:
http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2007/fup_07_038

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2007/fup_07_038
http://www.sfb-governance.de

Weitere Berichte zu: Afghanistan Akteure BMZ Pakistan

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise