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Zukunft mit mehr Kindern

14.11.2003


Gutachten zu einer nachhaltigen Familienpolitik vorgestellt


Der Wirtschaftssachverständige Prof. Dr. Bert Rürup und die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt, haben ein Gutachten mit Eckpunkten für eine nachhaltige Familienpolitik vorgestellt. Das Gutachten "Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung" überprüft die Bedingungen für die Familiengründung in Deutschland. Vor dem Hintergrund der demographischen Trends und ökonomischen Auswirkungen werden Leitlinien einer nachhaltigen Familienpolitik entwickelt. Nachhaltige Familienpolitik umschließt das Erreichen zweier Ziele: Erstens eine steigende Kinderzahl und zweitens die Erhöhung der Frauenerwerbstätigenquote. Familienfreundlichkeit wird aus einer ökonomischen Perspektive als bedeutender Faktor der wirtschaftlichen Entwicklung definiert.

"Wenige Kinder und eine geringe Erwerbsbeteiligung der Frauen vergrößern die volkswirtschaftlichen Probleme, die das Älterwerden unserer Gesellschaft mit sich bringt. Alternde Gesellschaften sind aller Erfahrung nach wenig dynamisch und damit wachstumsschwach", warnt Prof. Rürup, der das Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellt hat. "In der langen Frist entlastet uns nur eine Trendumkehr in der Geburtenentwicklung." Bundesministerin Schmidt unterstützt diese Sicht: "Als Deutschland jung war, wurde viel in die sozialen Sicherungssysteme investiert, so dass insbesondere den alten Menschen ein gesichertes Einkommen ermöglicht wurde. Heute, da Deutschland altert, sollten wir primär in Kinder und ihre Familien investieren."


Der internationale Vergleich zeigt: In anderen - in sozialer und kultureller Hinsicht vergleichbaren - europäischen Ländern gibt es deutlich mehr Kinder. Gleichzeitig weisen diese Länder eine geringere Familienarmut, bessere Bildungsergebnisse und eine höhere Frauenerwerbsquote auf. Dabei liegt Deutschland, was die öffentlichen Ausgaben für Familien betrifft, unter den OECD-Staaten auf einem der vorderen Ränge. Anders als in familienpolitisch erfolgreicheren Ländern fließt der Großteil der Mittel allerdings in direkte Transfers, deutlich weniger in Dienstleistungen für Familien. Die Aufwendungen für Bildung, Betreuung und Erziehung zählen international zu den eklatant niedrigen.

Prof. Rürup entwickelte ein ökonomisches Modell, wie Kinderwünsche besser realisiert werden können und was Familienpolitik dafür tun soll: "Wer Kinder bekommt, kann andere Tätigkeiten und den damit verbundenen Nutzen nicht wahrnehmen und hat langfristig beträchtliche Einkommensverluste. Je leichter der Wiedereinstieg in den Beruf nach der Geburt eines Kindes ist, desto geringer fallen diese Opportunitätskosten aus." Einen Lösungsansatz sieht das Gutachten in der intelligenten Kombination von unterstützender Infrastruktur durch Kinderbetreuung und einer besseren Balance von Familie und Arbeitswelt. Mehr Zeit für Kinder, insbesondere eine optimale Gestaltung der Elternzeit, sind ein wesentliches Element dieser Balance.

Bundesfamilienministerin Renate Schmidt kommentiert das in ihrem Auftrag erstellte Gutachten: "Der Charme der Familie für jeden Einzelnen von uns bedarf keiner Begründung. Das Neuartige an Prof. Rürups Gutachten ist, dass es den ökonomischen Charme der Familie herausarbeitet. Unsere Gesellschaft braucht mehr Kinder. Die von Prof. Rürup vorgeschlagene Mischung aus verbesserter Infrastruktur und Zeitpolitik könnte entscheidend dazu beitragen, dass wir in Zukunft mehr Kinder, weniger Armut in den Familien und mehr erwerbstätige Frauen in Deutschland haben."

Prof. Bert Rürup und Renate Schmidt sind sich darin einig, dass insbesondere der Ausbau der Kinderbetreuung entscheidend dazu beitragen wird. Bundesfamilienministerin Renate Schmidt verweist auf die Initiativen der Bundesregierung: "Der vom Bund geförderte Ausbau der Kinderbetreuung mit Milliardeneinsatz ist grundlegende Voraussetzung für eine Zukunft mit mehr Kindern." Für den Ausbau der Betreuung der unter Dreijährigen stellt die Bundesregierung ab 2005 aufwachsend jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro bereit. Der Ausbau der Ganztagsschulen wird mit einem Investitionsprogramm von insgesamt 4 Mrd. Euro gefördert. "Was die Anzahl der Plätze und die Qualität betrifft, wollen wir bis 2010 den Anschluss an das Niveau in den meisten anderen OECD-Ländern erreichen." Prof. Rürup fügte hinzu, dass auf mittlere Sicht, eine verkürzte und besser ausgestattete Elternzeit, wie es sie in Schweden schon gibt, eine zusätzliche interessante Perspektive für Deutschland darstellen sollte.

Das Gutachten soll nach Ansicht der Bundesfamilienministerin den Ausgangspunkt eines neuartigen Ansatzes markieren: "Junge Menschen wollen Kinder. Wir brauchen mehr Kinder. Beides lässt sich vereinbaren. Familienpolitik kann eine höhere Geburtenrate durch bessere Rahmenbedingungen ermöglichen. Langfristig werden so höhere Wachstumsraten (BIP) erreicht, die wiederum die sozialen Sicherungssysteme stabilisieren und dazu beitragen die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes zu sichern."

Zentrale Aussagen des von Prof. Bert Rürup im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellten Gutachtens "Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung"

1. Es gibt nicht zu viele Ältere, sondern zu wenig Junge

Vorschläge zur Bewältigung des demographischen Wandels betreffen bislang zu einseitig die Alterung unserer Gesellschaft und die daraus erwachsenden Konsequenzen. Erforderlich ist stattdessen eine strategische Kombination aus drei Komponenten: Wir brauchen neue, auch betriebliche Konzepte, welche ältere Menschen und deren Kompetenzen nicht ausgrenzen, sondern gezielt einsetzen. Eine gesteuerte Zuwanderung sowie eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen können ebenfalls helfen, den Arbeitskräftebedarf und die Produktivitätsentwicklung auf mittlere Sicht abzusichern. Langfristig sind diese Maßnahmen kein Ersatz für eine wirksame Familienpolitik. Es ist nötig, eine Trendumkehr in der Geburtenentwicklung zu versuchen.

2. Unsere Gesellschaft braucht mehr Kinder

Für den Staat bzw. die Gesellschaft sind die sogenannten externen Effekte von Kindern relevant. Mehr Kinder bedeuten mehr Wirtschaftswachstum und damit mehr gesellschaftlichen Wohlstand. Das einzelne Individuum mag keine Kinder "brauchen", die Gesellschaft benötigt sie aber. Durch das Aufziehen und Erziehen ihrer Kinder bewirken Eltern positive und verhindern negative externe Effekte. An diesen Leistungen hat sich der Staat angemessen zu beteiligen. Es führt kein Weg an einer Familienpolitik vorbei, die auf dem Grundsatz der Chancengleichheit von Frauen und Männern basiert und die sich an den Lebenswünschen der überwiegenden Mehrheit orientiert, die Familie und Erwerbsarbeit verbinden möchten.

3. Sinkende Geburtenraten sind kein Schicksal

Die Ursache der Geburtenentwicklung liegt in einer Geburtenzahl, die seit 30 Jahren unter dem bestandserhaltenden Niveau liegt. Ein ähnlicher Trend liegt in den meisten Industrieländern vor, das Ausmaß ist gleichwohl sehr unterschiedlich. In einigen Ländern liegt die Marge wesentlich näher am bestandserhaltenden Niveau. Politische Maßnahmen beeinflussen immer - positiv oder negativ - das Reproduktionsverhalten von Menschen. Diese Einflussnahme kann gewollt oder ungewollt, als Begleiterscheinung anderer Maßnahmen, erfolgen. Andere OECD-Staaten, skandinavische Länder vor allem, Frankreich oder die Niederlande, erreichten durch eine konsequent familienfreundliche Politik über viele Jahre höhere Geburtenzahlen, eine höhere Frauenerwerbstätigkeit, weniger Familienarmut und einen besseren Bildungsstand als Deutschland.

4. Nicht kinderfeindlich, aber kinderfern

Was die öffentlichen Ausgaben für Familien angeht, liegt Deutschland auf einem respektablen Rang im vorderen Drittel der OECD-Länder. Insofern und auch gemessen am subjektiven Wohlbefinden der Familien und ihrer unterschiedlichen Angehörigen ist unser Land nicht familienfeindlich. Anders als in familienpolitisch erfolgreicheren Ländern - mit mehr Kindern, mit weniger Familienarmut - war die deutsche Familienpolitik bislang ausgesprochen transferfixiert. Die öffentlichen Aufwendungen für Erziehung, Bildung und Betreuung unserer Kinder zählen zu den niedrigen im internationalen Vergleich. In der Folge fehlt unseren Familien der notwendige Rückhalt einer guten Infrastruktur. Deutschland ist ein kinderfernes Land geworden.

5. Förderung der Infrastruktur statt zusätzliche Geldleistung

Mit der Schwerpunktsetzung auf direkte finanzielle Transfers verband sich die Idee, "Einkommensgerechtigkeit" zwischen Familien und Kinderlosen zu schaffen, damit sie sich Kinder "leisten" können. Der Vergleich mit anderen OECD-Staaten zeigt unbefriedigende Ergebnisse. In einem wachsenden Segment erhöhen in Deutschland Kinder das Armutsrisiko von Familien, weil die Infrastruktur fehlt und die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht möglich ist. Solange die Balance von Familie und Arbeitswelt in Deutschland nicht gegeben ist, schieben junge Paare den Kinderwunsch lange heraus bzw. verzichten ganz auf Kinder.

6. Kinderlosigkeit als eigentliches Problem

Das Ausmaß der Kinderlosigkeit stellt bei uns das eigentliche demographische Problem dar. Von allen EU-Ländern hat Deutschland die höchste Kinderlosenquote, insbesondere bei gut- bis hochqualifizierten Frauen. Etwa ein Drittel aller 1965 geborenen Frauen wird aller Voraussicht nach dauerhaft kinderlos bleiben. Die Entscheidung zwischen Karriere und Kind stellt sich für Frauen insbesondere beim ersten Kind. Familien- und Erwerbstätigkeit lassen sich in Deutschland nur mit großem Kraftaufwand und unter erheblichem Verzicht vereinbaren. Da Kinderlosigkeit in Deutschland das eigentliche demographische Problem darstellt, sollte die Familienpolitik versuchen, die Entscheidung für das erste Kind positiv beeinflussen.

7. Senkung der Opportunitätskosten

Die Fokussierung auf ökonomische Aspekte rückt die Determinanten in den Mittelpunkt, die politisch beeinflussbar sind. Wer Kinder bekommt und aufzieht, kann andere Tätigkeiten und den damit verbundenen Nutzen nicht wahrnehmen und hat regelmäßig beträchtliche Einkommensverluste. Eine Verringerung dieser Opportunitätskosten im Zusammenhang mit eine Realisation des Kinderwunsches kann insbesondere durch eine relativ gut bezahlte (kürzere) Elternzeit in Kombination mit einer gut ausgebauten Kinderbetreuung erfolgen. Der zum Beispiel in Schweden praktizierte Weg kann mittelfristig auch für Deutschland attraktiv sein. Opportunitätskosten fallen vor allem an, wenn mit der Geburt eines Kindes ein komplettes Einkommen wegfällt. Diese Kosten gilt es zu verringern. Folglich sollten familienpolitische Maßnahmen insbesondere auf die Senkung der Opportunitätskosten durch eine unterstützende Infrastruktur und eine familienfreundliche Arbeitswelt abzielen.

8. Mehr Kinder und hohe Frauenerwerbstätigkeit sind vereinbar

Von unseren Nachbarländern kann man lernen, dass ein hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen nicht mit einer geringen Geburtenrate einher gehen muss. Hohe Geburtenzahlen und hohe Erwerbsquoten können sogar als Komplemente aufgefasst werden. Auch wenn man familienpolitische Maßnahmen, die in anderen Ländern als erfolgreich eingestuft wurden, nur bedingt und mit Vorsicht auf Deutschland übertragen kann, verdeutlichen diese Erfahrungen, dass es ein realistisches Ziel ist, eine hohe Frauenerwerbstätigkeit mit einer höheren Geburtenrate zu vereinbaren. An diesen Ländern sollte sich die künftige Ressourcenverteilung auch in Deutschland orientieren.

9. Gute Betreuung und mehr Zeit für Kinder

Ein gutes Angebot an Kindertagesbetreuung erleichtert die Balance zwischen Familien- und Erwerbsarbeit und senkt die Opportunitätskosten für die Eltern. Ein Arbeitsangebot, welches den zeitlichen Präferenzen von Eltern entgegen kommt, hilft, flexible Lösungen zwischen Tätigkeiten am Arbeitsplatz und Tätigkeiten zu Hause zu entwickeln. Die Nachfrage nach solchen Arbeitsplätzen ist eindeutig höher als das Angebot. Möglichkeiten für Teilzeitbeschäftigung zu schaffen, sowohl für Niedrigqualifizierte und Hochqualifizierte, ist daher dringend geboten. Über die "normale" Teilzeitbeschäftigung (halbtags oder Drei-Tage-Woche) lässt sich die Arbeitszeit noch weiter flexibilisieren. Allerdings muss nicht nur die Arbeitszeit flexibilisiert werden, genauso wichtig ist, dass auch die Öffnungszeiten der Einrichtungen flexibler gestaltet werden.

10. Familienfreundlichkeit bringt Gewinn

Nachhaltige Familienpolitik umschließt das Erreichen zweier Ziele: Erstens eine steigende Kinderzahl und zweitens die Erhöhung der Erwerbsquote der Frauen. Beide Ziele korrespondieren in hohem Maße mit den Wünschen der überwiegenden Mehrheit, Männer wie Frauen. Eine nachhaltige Veränderung braucht einen Zeithorizont, der deutlich über die Agenda 2010 hinausweist sowie einen breiten gesellschaftlichen Konsens über Ziele, Maßnahmen und gemeinsame Verantwortung. Trotz ermutigender neuer Beweglichkeit sind die Tarifpartner noch immer zu zurückhaltend, was arbeitsteilige Absprachen über familienfreundliche Arbeitszeiten, Organisation, Personalentwicklung angeht. Von einer nachhaltigen Familienpolitik profitieren alle: Familien, Unternehmen, Staat und Gesellschaft.

| BMFSFJ
Weitere Informationen:
http://www.bmfsfj.de

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