Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Berufliche Belastung von Lehrern ist hoch

16.10.2003


Lehrer haben einen schlechten Ruf. Sie gelten als "faul", freizeitverwöhnt, unterfordert. Zu unrecht, wie Bremer Schulforscher jetzt mit objektiven Fakten belegen.


In einer Studie im Auftrag des Senators für Bildung und Wissenschaft haben die Wissenschaftler vom Institut für Interdisziplinäre Schulforschung im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen den Arbeitsalltag von Lehrern analysiert und dabei ihren Verdacht bestätigt gefunden: Lehrerinnen und Lehrer sind hohen und nicht ausreichend kompensierten psychischen und körperlichen Anforderungen ausgesetzt; über wenige Berufs-Jahrzehnte hinweg führen diese Bedingungen zu einem Verschleiß an psychischer und physischer Leistungsfähigkeit und zwingt den größeren Teil aller Lehrkräfte zur vorzeitigen Beendigung des Berufslebens.

Die Bremer Wissenschaftler Professor Jörg Berndt, Professor Hans-Georg Schönwälder, Gerhart Tiesler und Frauke Ströver haben 178 Lehrer und Lehrerinnen an fünf Bremer Schulen eine bis zwei Wochen lang in ihrem Arbeitsalltag begleitet. Sie beobachteten den Unterrichtsverlauf und nahmen bei allen Testpersonen ein Langzeit-EKG auf, aus dem Beschleunigungen und Verlangsamungen der Herztätigkeit kontinuierlich ermittelt wurden; daraus wurden Aussagen über Anspannung und Entspannung gewonnen. Lehrerinnen und Lehrer stellten sich außerdem für eine medizinisch-psychologische Testbatterie zur Verfügung und füllten einen umfassenden Fragebogen aus, der sie danach befragte, durch welche Merkmale ihres Berufe sie sich mehr oder weniger stark belastet fühlen.


Weil sich bei dieser Befragung ergab, dass einer der wichtigsten Belastungsfaktoren "...der Lärm, den Schülerinnen und Schüler machen" ist, wurden in einigen Schulräumen (Klassenräume, Turnhalle, Pausenhalle, Lehrerzimmer) über ganze Schultage Schallpegel-Messungen während des normalen Schulbetriebs durchgeführt, um den "subjektiv empfundenen" mit dem "physikalisch gemessenen Lärm" vergleichen zu können.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen vor allem eines: Die Mehrheit der Lehrer leidet unter körperlichen und seelischen Belastungsfolgen und ist gesundheitlich beeinträchtigt. Auffällig ist der geringe Erholungswert von Unterrichtspausen, so dass die psychophysische Leistungsfähigkeit der Lehrer im Laufe des Tages erheblich abnimmt. Bei der Mehrzahl der Testpersonen treten dauernde gesundheitliche Schwierigkeiten auf, wie Ernährungsstörungen, Beschwerden im Bewegungsapparat oder Kreislaufprobleme. Hinzu kommen psychische Probleme wie erhöhte Reizbarkeit, Schlafstörungen und verminderte Konzentrationsfähigkeit. Bei vielen Lehrkräften summieren sich diese Probleme zum "Burnout-Syndrom", unter dem etliche Lehrerinnen und Lehrer so stark leiden, dass sie vor dem Eintritt in das Renten- oder Pensionsalter arbeitsunfähig sind.

Für die Bremer Uni-Forscher steht fest: Druck und unberechtigte Kritik - auch von offizieller Seite - sind ungeeignete Mittel, die berufliche Leistung von Lehrerinnen und Lehrern (also den Unterricht und seine Ergebnisse) zu verbessern. Gute pädagogische Arbeit setzt gute Arbeitsbedingungen voraus, die nach den Ergebnissen der Studie in vielen Details (zum Beispiel Organisation des Schultages, des Schuljahres und des Arbeitslebens, der Gesundheitsvorsorge, der Fort- und Weiterbildung) verbesserungsfähig und verbesserungsbedürftig sind.

Ohnehin ist es nicht besonders konstruktiv, nur die Lehrkräfte für das negative Abschneiden des gesamten Bildungssektors (PISA-Studie) verantwortlich zu machen. Allein die wenigen Untersuchungen zur Lärmbelastung, die im Rahmen der vorliegenden Studie vorgenommen wurden (eine ausführliche Analyse des "Schullärm-Problems" wird sich anschließen) haben gezeigt, dass manche Einschränkung schulischer Lernergebnisse unter anderem auf die schlechte akustische Qualität mancher Klassenräume zurückzuführen sind.

Was ist zu tun? Es kann kaum hingenommen werden, dass in einem für Erziehung und Bildung so zentralen Berufsstand die Mehrzahl der Berufstätigen das reguläre Ende des Arbeitslebens nicht erreicht. Soweit die Gründe dafür jetzt etwas besser bekannt sind, sollten sie beseitigt werden, mit den Lehrerinnen und Lehrern gemeinsam, nicht durch Maßnahmen "von oben herab". Dazu kann Hilfestellung notwendig sein, z.B. auf dem Gebiet des Zeitmanagements (Wie optimiert man einen Arbeitstag? Wie lange darf eine Unterrichtsstunde sein?) oder auf dem Gebiet der (psychischen und physischen) Gesundheitsvorsorge (Was muss ich tun, um meine Leistungsfähigkeit zu erhalten?).

Weitere Informationen:

Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften
Institut für interdisziplinäre Schulforschung
Universität Bremen/FB 11
Gerhart Tiesler
Tel. 0421 / 218 2900
E-Mail: tiesler@uni-bremen.de

Angelika Rockel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bremen.de

Weitere Berichte zu: Arbeitsalltag Klassenraum Lehrer Lehrerin Leistungsfähigkeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie