Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Spielsucht und Familienglück

01.09.2000


Schon im frühen neunzehnten Jahrhundert beschreibt E.T.A. Hoffmann in dem Roman Spielerglück typische Züge des pathologischen Glücksspielers und das Involviertsein seines familiären Umfeldes. Dennoch wurde die Rückwirkung von Beziehungsstrukturen auf problematisches Spielverhalten bislang kaum näher untersucht. Doch die Problematik kann durch eine Betrachtung der Person des Glücksspielers allein nicht ausreichend erfaßt werden, da das Beziehungsumfeld üblicherweise über Kommunikationsstrukturen, Interaktion und finanzielle Abhängigkeiten eingebunden ist. Zu diesem Ergebnis kommt Susanne Schmülling in einer an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln veröffentlichten qualitativen Einzelfallstudie.

Nach dem hier angewendeten systemischen Ansatz kommt den Beziehungsstrukturen in Spielerfamilien sogar eine entscheidende Bedeutung zu. Die Familienangehörigen oder Partner sind zu verstrickt in das Verhaltensmuster des Spielers, als dass von ihnen der entscheidende Impuls zu einer Veränderung ausgehen könnte. So können familiäre und partnerschaftliche Konflikte sowohl als Ursache als auch als Folge exzessiven Glücksspiels beschrieben werden. Aber auch auf übergeordneter Ebene lassen sich Strukturen feststellen, die die Spielsucht fördern. Nicht zuletzt der Staat steht in einem zwiespältigen Verhältnis zum Glücksspiel. Zwar hält er sich durch gesetzliche Beschränkungen nach dem Strafgesetzbuch Eingriffsmöglichkeiten offen, andererseits profitiert er finanziell von dem Glücksspielwesen.

Der pathologische Spieler ist zu über neunzig Prozent männlichen Geschlechts und beginnt mit etwa zwanzig Jahren exzessiv zu spielen, während Frauen erst mit etwas höherem Lebensalter zu spielen anfangen. An das Glücksspiel wird er über Bekannte oder Verwandte heran geführt, wobei die Spielsucht meist nach einer Lebenskrise einsetzt. Ein einheitliches Persönlichkeitsprofil für alle Spieler besteht nicht, wohl aber häufignarzisstische sowie Borderline - Persönlichkeitsstörungen. Eine aus der Literaturübersicht von Schmülling abgeleitete Gemeinsamkeit besteht darin,dass viele Suchtspieler massive Partnerschafts- beziehungsweise Familienprobleme haben, somit die Spielsucht also eine Funktion für das Beziehungssystem erfüllt.

Die idealtypische Spielerfamilie zeigt ein Verhaltensmuster, das wechselweise grenzüberschreitend einnehmend und dann wieder stark abgrenzend ist in Bezug auf den Partner. Einerseits sind die Familienmitglieder von einer großen Angst vor Trennung bestimmt, mit der häufig auch gedroht wird. Andererseits werden die Familien oder Paare durch die Spielsucht und deren Folgen - etwa Schulden - zusammengeschweißt. Das exzessive Glücksspiel ermöglicht dem Spieler, auf das Verhaltensmuster der Familie zu reagieren, indem er die Distanz zur Familie beim Spiel auslebt, gleichzeitig aber alle in sein Problem involviert und an sich bindet. An der Konstellation ändert sich kaum etwas, solange er seine Autonomiebestrebungen nur beim Glücksspiel auslebt.

Hierin liegt der neue von Schmülling abgeleitete Ansatz zur Veränderung der Problemsituation. Nicht nur das Verhalten des Suchtspielers muss eine Änderung erfahren, sondern die Beziehungsstruktur, die mit der Aufrechterhaltung der Situation verknüpft ist, muss aufgebrochen werden. Die Interaktionsmuster innerhalb einer typischen Spielerfamilie sind im Rahmen einer Familientherapie

veränderbar. Das symptomatische Verhalten des Spielers würde damit überflüssig.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Susanne Schmülling unter der Telefonnummer 0221/478-4035, der Faxnummer 0221/478-3482 und der Email-Adresse S.Schmuelling@pet.mpin-koeln.mpg.de zur Verfügung. Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html) . Für die Übersendung eines Belegexemplars wären wir Ihnen dankbar.

Gabriele Rutzen | idw

Weitere Berichte zu: Beziehungsstruktur Spielsucht Verhaltensmuster

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie