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Sozialpädagogin der Freien Universität Berlin untersucht Frauen, die ihren Partner getötet haben.
Wenn Frauen ihre Partner töten, reagiert die Gesellschaft mit Entsetzen. Denn das traditionelle Bild der Frau scheint unvereinbar mit den modernen Gewalttätern männlichen Geschlechts. In einer neuen Studie, die als Dissertation am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin entstanden ist, kommt Barbara Kiesling zu dem Schluss, dass es weit mehr Fälle gibt als die, die bekannt geworden sind, und dass der Tötung meist ein langer Leidensweg der Frauen vorangegangen ist.
Cäcilia C. ist gerade dabei, sich für die Arbeit fertig zu machen, als ihr Mann sie noch im Bett liegend beschimpft. Cäcilia, die den Familienunterhalt besorgt und sich gleichzeitig um Kinder und Enkel kümmert, fühlt sich von ihrem alkoholkranken Mann, der sie seit Jahren schlägt, bedroht, greift zur Waffe und erschießt ihn. Nach der Tat bedauert Cäcilia C. den Tod ihres jahrelangen Peinigers. Warum bleiben Frauen, die ihre Partnerschaft als unerträglichen Leidensweg schildern, bei ihrem Partner?
Dieser Frage geht Dr. Barbara Kiesling in ihrer jüngst erschienenen Studie "...einfach weg aus meinem Leben" nach, in der sie den Lebensweg von drei Frauen nachzeichnet, die ihre Männer getötet haben. Die Eheberaterin und Dipl.-Sozialpädagogin kommt dabei zu dem Schluss, dass Tötungsdelikte von Frauen meist Beziehungstaten und das Endglied einer langen Kette sind, in die beide Partner gleichermaßen verstrickt sind. "Die Beziehungstat einer Frau kann in der Regel vor dem Hintergrund einer Misshandlungsbeziehung gesehen werden", erzählt Barbara Kiesling.
"Ich hätte bis ich sterbe für mein Mann gearbeitet, is’ egal, was er gemacht hat", erzählte Cäcilia C. Diese scheinbar widersinnige Aussage wird nach Meinung Barbara Kieslings nachvollziehbar, wenn davon ausgegangen wird, dass die Frau bei sich und ihrem Partner Hass, Aggression, Wut und Trauer abspaltet. Der Vergewaltiger kann deshalb gleichzeitig als Aggressor und "lustiger und geselliger Mann" erlebt werden. Genau so wie die Frau sich meist selbst in einer an sich unvereinbaren Doppelrolle sieht, in der sie die Fliehende, Geschlagene, also das Opfer ist, gleichzeitig aber als selbstständige Frau, Familienernäherin und Täterin fungiert. Um diese Ambivalenz anschaulich zu machen, unternimmt die Sozialforscherin mit Hilfe von Tiefeninterviews und einer minutiösen Textanalyse den Versuch, sich dem Phänomen so weit wie möglich zu nähern. Kiesling hat sich dabei des Bühnenmodells von Brigitte Boothe (1994) bedient, dass heißt, sie hat die in den Ausführungen der Interviewpartnerinnen auftretenden Figuren auf eine imaginäre Bühne gestellt, deren "Kostüme", Rollenzuweisungen und Interaktionen beobachtet.
Bislang liegen keine konkreten Zahlen vor, wie viele Frauen in der Bundesrepublik Deutschland jährlich ihre Partner töten. Dabei muss von einer hohen Dunkelzifferzahl ausgegangen werden. Tötungsversuche von Frauen verlaufen viel seltener tödlich als Tötungsversuche von Männern, häufig wird von einer Strafanzeige abgesehen. Auch wird bei Frauen oftmals verminderte Schuldfähigkeit angenommen, beziehungsweise Frauen geraten auf Grund ihrer gesellschaftlichen Stellung seltener unter Tatverdacht als Männer.
"Bei Frauen, die ihren Partner töten, handelt es sich in der Regel um misshandelte Frauen, die unter geringem Selbstbewusstsein leiden und ein sehr traditionelles Frauenbild haben", erzählt Kiesling. Keine der befragten Frauen habe in ihrer Partnerbeziehung von Wertschätzung, Vertrauen oder emotionaler Verbundenheit gesprochen. Meist setzten die Frauen Sexualität mit Liebe gleich. Die Wurzeln für diese Entwicklung liegen häufig in einem dysfunktionalen Elternhaus, was von den meisten Frauen jedoch geleugnet wird. Konflikte können deshalb in der Regel nicht offen und verbal ausgetragen werden. Viele Frauen erleben sich gegenüber ihrem Mann deshalb in der Opferrolle und neigen eher zu selbstzerstörerischem Handeln.
Durch die gelungene Abspaltung erleben Frauen, die ihre Männer getötet haben, sich in der Regel nicht als Täterinnen. Auch Cäcilia C. will von der Tatausführung nichts mitbekommen haben und erklärt: "Und nachher war ich schon erschrocken" und habe ein Jahr unter Medikamenten gelebt.
Die perfekte Symbiose als Paar, die es erlaubt, jeden Partner seine Rolle spielen zu lassen, macht es den Frauen schwer, sich zu trennen beziehungsweise sich scheiden zu lassen. "Sobald sich die Frauen ernsthaft von ihrem Misshandlern trennen wollen, geraten sie unversehens in das heitere Bühnenstück ihres Lebens und dann entfällt plötzlich jeder Grund, die Trennung zu vollziehen", resümiert Barbara Kiesling.
Barbara Kiesling
E-Mail: Bera.Kiesling@t-online.de
Literatur:
Barbara Kiesling, "...einfach weg aus meinem Leben." Eine qualitative Studie über Frauen, die ihren Partner getötet haben, Gießen: Psychosozial-Verlag, 2002. 518 Seiten, Preis: 29,90 Euro
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