Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Blick hinter die Kulissen von Wikipedia

14.07.2008
Mit der Methode der Netzwerkanalyse - Wie soziale Prozesse das Handeln Einzelner bestimmen

Wikipedia, die größte Online-Enzyklopädie, gibt Rätsel auf: Was treibt so viele Menschen an, in ihrer Freizeit an einem virtuellen Lexikon mitzuarbeiten?

Wie kommt es, dass das Niveau der meisten Beiträge so hoch ist und Fehler so schnell korrigiert werden, zumal der Zugang für jeden ohne Ausweis seiner Qualifikation frei ist? Mithilfe der Netzwerkanalyse, einem hochpotenten Instrument der empirischen Sozialforschung, lässt sich nachweisen, dass schon die Einbindung in ein solches Netzwerk wie Wikipedia das Handeln bestimmt und auch die Motivation beeinflusst, wie Privatdozent Dr. Christian Stegbauer, Soziologe an der Goethe-Universität, in seinem Beitrag in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt (2/2008) eindrücklich beschreibt.

Wenn man die Teilnahme nicht aus Eigennutz erklären kann, dann bleiben zwei für Soziologen interessante Motive dafür übrig, bei Wikipedia einzusteigen: die generalisierte Reziprozität und die hinter dem Wikipedia-Projekt stehende Ideologie. Was verbirgt sich hinter dem Phänomen der "generalisierten Reziprozität"?

... mehr zu:
»Netzwerkanalyse »Soziologe

Wenn jemand die Online-Enzyklopädie häufiger ohne Bezahlung nutzt und er sich vorstellen kann, dass andere viel Arbeit hineingesteckt haben, mag diese Person eher gewillt sein, der Allgemeinheit etwas zurückzugeben. Ähnliche Motive findet man bei anonymen Spendern für gemeinnützige Einrichtungen. Hinter Wikipedia verbirgt sich die Ideologie, Wissen aus Zwängen des Copyrights zu befreien und es allen Benutzern kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Wenn alle auf die Wissensbestände Zugriff haben, wird ein Stück Chancengleichheit hergestellt. Und zur Produktion der Inhalte fügt Stegbauer an: "Es kristallisiert sich die von vielen getragene Vorstellung heraus, man könne das Wissen der Menschheit zusammenstellen, wenn jeder ein Stück seines Wissens beiträgt. Durch Wikipedia weht also der Wind der Aufklärung."

Sicher sind diese Motive besonders für Einsteiger von Bedeutung. Doch reichen sie für ein länger andauerndes Engagement aus? Dazu Stegbauer: "Unsere Untersuchung hat die Hypothese bestätigt, dass die Beteiligung über die Einbindung in einen sozialen Zusammenhang reguliert wird. Es dominiert nicht die individuelle Motivation, sondern die Mitarbeit durch die Beziehungen und die Struktur der Beziehungen, die die Teilnehmer untereinander verbindet." Das bedeutet, dass es nicht von einem wie auch immer gearteten vorausgehenden Motiv abhängig ist, ob die Personen kooperieren, diese Bereitschaft entwickelt sich vielmehr aus dem sozialen Zusammenhang. Wikipedia wird dabei als gut zu untersuchendes Beispiel für das weite Feld der Kooperation zwischen Menschen angesehen.

"In unserem Projekt können wir an zahlreichen Beispielen nachweisen, dass die Teilnehmer sich durch weitgehend für sie nicht erkennbar abspielende Prozesse plötzlich an einer anderen Position wiederfinden, als ursprünglich von ihnen beabsichtigt war. Hieran zeigt sich, wie durch die Netzwerke, in denen wir gebunden sind, unser Handeln beeinflusst wird und wie innerhalb der Beziehungen Handlungsweisen und Motivationen entstehen", erläutert Stegbauer die Eigendynamik solcher Netzwerke.

Durch die Netzwerkanalyse, die in der empirischen Sozialforschung in den USA eine weitaus größere Rolle als in Europa spielt, können die Soziologen einen anderen Blick auf die Struktur sozialer Beziehungen werfen. Neu ist vor allem die Blickrichtung - dazu der Frankfurter Sozialwissenschaftler: "Wir interessieren uns dafür, was es bedeutet, dass die Menschen in Beziehung zu anderen stehen.

Neu sind aber auch zahlreiche Analyseverfahren, die erst durch Methodenentwicklungen und die im Internet verfügbaren Daten möglich werden. Erhebt man für ein bestimmtes Kollektiv die Beziehungen, so kann man diese in einer Beziehungsmatrix anordnen." Solche "Beziehungsmatrizen" sind jedem aus Entfernungstabellen bekannt. So wie dort die Entfernung zwischen zwei Städten angegeben wird, steht in einer Beziehungsmatrix, wer mit wem in Beziehung steht, eventuell auch, wie stark diese Beziehung ist und ob es sich um eine gerichtete oder eine ungerichtete Beziehung handelt.

Soeben erschienen:
Wissenschaftsmagazin
Forschung Frankfurt 2/2008
Schwerpunktthema "Mathematik"
Informationen:
Dr. Christian Stegbauer, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Bockenheim,

Tel. (069) 798 - 22473, E-Mail stegbauer@soz.uni-frankfurt.de

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt am Main. Vor 94 Jahren von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn größten Universitäten Deutschlands. Am

1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht derzeit für rund 600 Millionen Euro der schönste Campus Deutschlands. Mit 45 eingeworbenen Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren nimmt die Goethe-Uni den deutschen Spitzenplatz ein. In drei Forschungsrankings des CHE in Folge und in der Exzellenzinitiative zeigt sich die Goethe-Universität als eine der forschungsstärksten Hochschulen Deutschlands.

Herausgeber: Der Präsident
Abteilung Marketing und Kommunikation, Postfach 11 19 32,
60054 Frankfurt am Main
Redaktion: Ulrike Jaspers, Referentin für Wissenschaftskommunikation
Telefon (069) 798 - 2 32 66, Telefax (069) 798 - 2 85 30,
E-Mail jaspers@ltg.uni-frankfurt.de

Dr. Anne Hardy | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de
http://www.muk.uni-frankfurt.de/Publikationen/FFFM/2008/index.html

Weitere Berichte zu: Netzwerkanalyse Soziologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Methode für die Datenübertragung mit Licht

Der steigende Bedarf an schneller, leistungsfähiger Datenübertragung erfordert die Entwicklung neuer Verfahren zur verlustarmen und störungsfreien Übermittlung von optischen Informationssignalen. Wissenschaftler der Universität Johannesburg, des Instituts für Angewandte Optik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) präsentieren im Fachblatt „Journal of Optics“ eine neue Möglichkeit, glasfaserbasierte und kabellose optische Datenübertragung effizient miteinander zu verbinden.

Dank des Internets können wir in Sekundenbruchteilen mit Menschen rund um den Globus in Kontakt treten. Damit die Kommunikation reibungslos funktioniert,...

Im Focus: Strathclyde-led research develops world's highest gain high-power laser amplifier

The world's highest gain high power laser amplifier - by many orders of magnitude - has been developed in research led at the University of Strathclyde.

The researchers demonstrated the feasibility of using plasma to amplify short laser pulses of picojoule-level energy up to 100 millijoules, which is a 'gain'...

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebensdauer alternder Brücken - prüfen und vorausschauen

29.05.2017 | Veranstaltungen

49. eucen-Konferenz zum Thema Lebenslanges Lernen an Universitäten

29.05.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz an der Schnittstelle von Literatur, Kultur und Wirtschaft

29.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligente Sensoren mit System

29.05.2017 | Messenachrichten

Geckos kommunizieren überraschend flexibel

29.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

1,5 Millionen Euro für vier neue „Innovative Training Networks” an der Universität Hamburg

29.05.2017 | Förderungen Preise