Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forschung auf Schmugglerpfaden

24.06.2008
Wissenschaftlerin des Leibniz-Instituts für Länderkunde untersucht Kleinhandel und Schmuggel an der polnisch-russischen Grenze

Kleinhandel und Schmuggel gehören in vielen strukturschwachen Grenzregionen zur alltäglichen Praxis im Kampf gegen die Armut. Trotzdem liegen wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die Bedeutung des informellen Warenverkehrs über Grenzen hinweg bisher kaum vor.

Das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt "Grenze als Ressource" an der Universität Bielefeld soll dazu beitragen, diese Forschungslücke zu schließen. Bettina Bruns, die seit 2007 im Leibniz-Institut für Länderkunde arbeitet, beschäftigt sich im Rahmen des Projekts mit individuellen Bedeutungen und Motiven des Schmuggels in der polnisch-russisch Grenzregion. Zwischenergebnisse ihrer ungewöhnlichen Forschungsarbeit präsentierte die Kulturwissenschaftlerin jetzt im Rahmen eines Kolloquiums.

Nach den bisherigen Recherchen zu ihrer Dissertation gibt es drei Grundvoraussetzungen für "erfolgreichen" Schmuggel: die Verfügbarkeit von sozialen Netzwerken, die Aneignung von spezifischem lokalem Wissen und das Pflegen selektiver Vertrauensbeziehungen.

Weitere Ergebnisse aus Interviews und Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass der Schmuggel an der polnisch-russischen Grenze in besondere Rahmenbedingungen eingebettet ist: Der faktisch illegale Schmuggel erfährt durch lokale Autoritäten gewissermaßen eine moralische Legitimierung. Denn sie sehen in der Schmuggeltätigkeit vieler Einwohner letztlich auch eine Entlastung der Sozialsysteme. Dadurch erscheint die gesetzeswidrige Routine den Beteiligten als ganz normale Legalität.

Informationen zu bekommen, die solche Schlüsse erlauben, ist naturgemäß schwierig. Um dennoch etwas über die Funktionsweisen dieses Gewerbes zu erfahren, musste Bettina Bruns behutsam vorgehen: Fast ein Jahr verbrachte sie in einer Kleinstadt in der Woiwodschaft Warmi?sko-Mazurskie nahe der Grenze zu Russland. Dort versuchte sie durch Teilnahme am alltäglichen Leben Barrieren abzubauen und Kontakte zu den Akteuren des Schmuggelgewerbes aufzubauen: den Schmugglern selbst, aber auch zu lokalen Behörden und städtischen Einrichtungen, ortsansässigen Unternehmen und den Grenzautoritäten.

"Nur so konnte es gelingen, etwas über die Hintergründe des Schmuggels zu erfahren", erklärt Bettina Bruns die zeitintensive und mitunter diffizile Strategie. Trotz anfänglicher Zweifel führte die Methode schließlich zum Erfolg: Der Wissenschaftlerin gelang es, Schmuggler auf Busfahrten über die Grenze zu begleiten und so die für ihre Arbeit entscheidenden Einblicke zu bekommen.

Grenzüberschreitende ökonomische Praktiken stehen auch in einem zweiten aktuellen IfL-Projekt im Mittelpunkt des Interesses. Unter der Überschrift "Geographie[n] an den Außengrenzen des europäischen Projekts" führt derzeit ein Forscherteam um Judith Miggelbrink Fallstudien in finnisch-russischen, polnisch-belarussischen, polnisch-ukrainischen sowie ukrainisch-rumänischen Grenzregionen durch. Die Wissenschaftler wollen Erkenntnisse sowohl über die jeweiligen lokalen Bedeutungen der Grenze als auch über die Funktionsweise der EU-Außengrenze im Allgemeinen gewinnen. Dazu organisieren sie vor Ort Gruppendiskussionen mit Kleinhändlern und Unternehmern, beobachten systematisch Märkte und Grenzübergänge und führen Experteninterviews mit regionalen Entscheidungsträgern.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Bettina Bruns, Tel. 0341 255-6531, b_bruns@ifl-leipzig.de, oder an Judith Miggelbrink, Tel. 0341 255-6509, j_miggelbrink@ifl-leipzig.de.

Dr. Peter Wittmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifl-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Grenzregion Schmuggel Schmugglerpfad

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik