Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wandel des Leistungsbegriffs: Zwischen Selbstentfaltung und ökonomischem Kalkül

21.01.2008
Teamfähige, kreative, eigenverantwortliche Mitarbeiter, denen Leistung Spaß macht, sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Selbstverwirklichung im Beruf, einst als wirklichkeitsfremde Utopie belächelt, ist heute offizielle Doktrin.

Gleichzeitig werden jedoch Leistungen immer mehr nach Output und ökonomischen Erfolgskriterien bewertet. Tatsächlich sind es häufig dieselben Prozesse, die auf der einen Seite ein Mehr an Befriedigung und Erfüllung in der Arbeit versprechen, bei denen jedoch auf der anderen Seite neue Formen der (Selbst-)Ausbeutung entstehen. Wissenschaftler des Instituts für Sozialforschung haben diese Entwicklungen in den letzten fünf Jahren breit untersucht.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Projekt "'Leistung' in der Marktgesellschaft - Erosion eines Deutungsmusters?" wurde unter Leitung von Prof. Dr. Sighard Neckel (Frankfurt/Wien) von Kai Dröge M.A. und Dr. Irene Somm im Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt durchgeführt.

In den neuen Idealen einer "subjektivierten Arbeitswelt", wo sich jeder mit seiner Individualität selbstgesteuert einbringen soll, hat der Spaß an der Arbeit einen hohen Wert. Trotzdem werden Mühe und Anstrengung keineswegs tabuisiert: Übervolle Terminkalender, extreme Ausweitung der Arbeitszeit und das ständig klingende Mobiltelefon sind moderne Symbole und Rituale, in denen die individuelle Verausgabung sozial sichtbar gemacht wird.

Doch wenn es um die Beurteilung der Leistung geht, steht nicht der Aufwand, sondern das Resultat im Vordergrund. Zielvereinbarungen und ähnliche Formen der indirekten Steuerung orientieren sich an der Ergebnisverantwortung des jeweiligen Mitarbeiters oder Teams. Aus der Sicht des Unternehmens ist es letztlich irrelevant, wie viel Zeit, Mühe und Aufwand der Einzelne investiert. Unerwartet auftretende Probleme müssen durch eigene Mehrarbeit kompensiert werden.

Verschärft wird dieser Trend dadurch, das marktbezogene Kriterien für die Leistungsbewertung immer wichtiger werden - und dies auch in solchen Unternehmensbereichen, die nicht unmittelbar mit Verkauf und Marketing zu tun haben. Viele neue Steuerungs- und Managementkonzepte setzen darauf, den Markt in die Organisation hinein zu holen: Abteilungen werden in Cost- oder Profitcenter umgewandelt, die untereinander und zum Teil auch mit externen Anbietern konkurrieren; rendite- oder umsatzorientierte Prämiensysteme koppeln die Entlohnung der Mitarbeiter direkt an den ökonomischen Erfolg des Gesamtunternehmens. Heutige Beschäftigte sollen sich nicht primär als Arbeitnehmer, sondern als "interne Unternehmer" begreifen, die ihr Leistungshandeln unmittelbar auf den Markterfolg ausrichten.

Bei den Interviews, die im Rahmen des Forschungsprojektes geführt wurden, stießen die Frankfurter Wissenschaftler häufig auf Widersprüche zwischen Selbstentfaltung und ökonomischem Kalkül: Personen scheitern in ihrem Wunsch, sich beruflich selbst zu verwirklichen, an den Flexibilitätsanforderungen heutiger Arbeitsmärkte. Doch die Forscher erkennen in diesen zunächst widersprüchlichen Tendenzen einen inneren Zusammenhang: "Weiche" Faktoren machen die Leistungsdefinitionen noch diffuser, als sie immer schon waren. Demgegenüber sind Umsatzstatistiken, Kostenrechnungen und Renditemaßzahlen von einem Nimbus der Objektivität umgeben.

Mit der Subjektivierung der Leistungsdefinitionen wächst das Bedürfnis nach objektiver Messbarkeit und Vergleichbarkeit - und zwar ganz offensichtlich sowohl auf der Seite der Unternehmensleitung als auch bei den Beschäftigten. Diesem Bedürfnis trägt inzwischen eine ganze Armada von Consultingfirmen, Controllern und Softwarespezialisten Rechnung, die einzig damit befasst ist, das betriebliche Geschehen bis in die letzten Winkel quantifizierend zu erfassen. Komplexe Kennziffernsysteme werden entworfen, Betriebsabläufe von der Lagerhaltung bis zu den Kundenretouren in Computermodellen nachgebildet und das interne Controlling massiv ausgebaut. Der enorme Aufwand, mit dem diese kalkulatorische Durchdringung organisatorischer Abläufe betrieben wird, weist jedoch gleichzeitig darauf hin, dass die scheinbar objektive Realität der Zahlen immer auch eine sozial konstruierte ist.

Nähere Informationen: Kai Dröge M.A., Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Telefon: 069/75 61 83 -44, E-Mail: K.Droege@em.uni-frankfurt.de

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.muk.uni-frankfurt.de/Publikationen/FFFM/2007/index.html

Weitere Berichte zu: Leistungsdefinition Sozialforschung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kameratechnologie in Fahrzeugen: Bilddaten latenzarm komprimiert

21.02.2018 | Messenachrichten

Mit grüner Chemie gegen Malaria

21.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Periimplantitis: BMBF fördert zahnärztliches Verbund-Projekt mit 1,1 Millionen Euro

21.02.2018 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics