Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Arbeitsmarkt für Menschen mit geistiger Behinderung

06.04.2010
Für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist es äußerst schwer, auf dem normalen Arbeitsmarkt unterzukommen. Welche Methoden geeignet sind, ihnen auf ihrem Weg zu helfen, stand im Mittelpunkt einer Tagung, die der Lehrstuhl für Sonderpädagogik IV der Universität Würzburg organisiert hatte. Träume spielen dabei eine überraschend wichtige Rolle.

Die Frage, wie Menschen mit einer geistigen Behinderung den Wechsel von ihrer jeweiligen Förderschule ins Berufsleben bewältigen, beschäftigt Erhard Fischer schon seit Langem. Fischer ist Inhaber des Lehrstuhls für Sonderpädagogik IV - Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Universität Würzburg.

Gemeinsam mit der Diplompädagogin Manuela Heger leitet er seit 2008 eine wissenschaftliche Begleitstudie zum Thema "Übergang Förderschule - Beruf". Ziel ist es, Schulabgängern des Förderzentrums mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung eine Perspektive zur Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu eröffnen.

"Seit einiger Zeit wird die Forderung immer lauter, den häufigen Automatismus eines Übergangs von der Förderschule in eine Werkstatt für behinderte Menschen zu durchbrechen", sagt Manuela Heger. Aus diesem Grund sollte die vom Lehrstuhl für Sonderpädagogik IV organisierte Fachtagung "Perspektiven - Projekte zur beruflichen Integration für Menschen mit geistiger Behinderung" Konzepte und Ideen vorstellen, wie Schulen und nachschulische Einrichtungen Menschen mit geistiger Behinderung individuell auf den Übergang in den Beruf vorbereiten und sie beim Verbleib dort unterstützen können. Eine Möglichkeit dazu heißt: Träume verstehen.

Träume sind wichtige Wegweiser

"Arbeit ist dann gut, wenn sie einen Menschen weder unterfordert, noch seine Möglichkeiten übersteigt. Dies gilt gerade auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung." Mit dieser Prämisse begann Elisabeth Tschann ihren Vortrag für die rund 250 Tagungsteilnehmer. Die Sonderpädagogin arbeitet im Institut für Sozialdienste im österreichischen Vorarlberg. Dort bilden Träume der behinderten Jugendlichen den Ausgangspunkt für die Arbeitsplatzfindung: "In diesen Träumen steckt Kraft, sie sind wichtige Wegweiser", sagte Tschann. Aufgabe der Integrationsberater sei es, die Träume der jungen Menschen zu "übersetzen".

Beispiel: Ein Jugendlicher träumt davon, Arzt zu werden. Mit einer geistigen Behinderung ist das natürlich nicht möglich. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die einfühlsame Art jener Ärzte, die der junge Mann einst im Krankenhaus erlebt hatte, seinen Berufswunsch speiste. Er selbst war ebenfalls äußerst einfühlsam und konnte gut zuzuhören. Dieses Talent brachte er nach der Phase der Berufsorientierung schließlich in einem Pflegeheim ein.

Nischenjobs für die speziellen Bedürfnisse

Dass oft "verrückte" Ideen durch die Köpfe der Förderschulabgänger geistern, bestätigte Rolf Behncke, Geschäftsführer der "Hamburger Arbeitsassistenz". Auch bei dieser 1992 ins Leben gerufenen Initiative kommt den Träumen der Jugendlichen ein hoher Stellenwert zu. Behncke erläuterte dies am Beispiel einer jungen Frau aus Hamburg. Diese wünschte sich sehnlichst, in einem Schönheitsstudio zu arbeiten. Erst durch ein Praktikum in einem Nagelstudio merkte sie, dass der Job "Schönheit" in Wirklichkeit gar nicht so "traumhaft schön" ist, wie sie erwartet hatte.

Wer auf dem ersten Arbeitsmarkt nach Jobs Ausschau hält, die individuell auf Menschen mit einer geistigen Behinderung zugeschnitten sind, sucht meist vergeblich. Gefragt sind laut Behncke Nischenjobs, die "neu erfunden" werden müssen. Die Arbeitsassistenten aus dem Hamburger Projekt sind denn auch äußerst findig darin, derartige Nischen in Betrieben aufzuspüren. Für eine junge Frau mit kognitiven Einschränkungen und einer starken Sehbehinderung etwa schufen sie in einem Unternehmen eine bis dato nicht vorgesehene Stelle als Bürobotin. Der Job stellte sich als überaus sinnvoll heraus, die junge Frau bewährte sich hervorragend.

Auch Werkstätten für behinderte Menschen sind dabei, Arbeitsplätze außerhalb der Werkstätten selbst zu organisieren. In den in Würzburg beheimateten Mainfränkischen Werkstätten etwa wurden in den vergangenen 15 Jahren zahlreiche Außenarbeitsplätze geschaffen. 30 Menschen mit Behinderungen arbeiten in einem Wildpark nahe Würzburg, 140 Mitarbeiter haben Außenarbeitsplätze im Garten- und Landschaftsbau. 25 Menschen mit geistiger Behinderung sind "solo" in einem Betrieb des ersten Arbeitsmarktes integriert, wobei sie vertraglich an die Werkstatt angebunden sind.

Lebenslanges Lernen auch für Menschen mit Behinderungen

Eine Lösung steht noch aus, was die Nachqualifizierung der außerhalb der Werkstätten tätigen Mitarbeiter betrifft, legte Michael Wenzel von den Mainfränkischen Werkstätten dar. Eine neue Maschine, neue Kollegen oder eine Umstrukturierungsmaßnahme drohen, die Beschäftigten aus der Bahn zu werfen. Am lebenslangen Lernen, unterstrich Harald Ebert, Leiter der Würzburger Don Bosco-Berufsschule, geht auch in der Behindertenhilfe kein Weg vorbei. Fazit: "Die Tagung wurde von den Teilnehmern als wertvolle Anregung mit vielen vielfältigen Impulsen empfunden", sagt Manuela Heger. Aber auch für die Organisatoren sei sie ein voller Erfolg gewesen. 250 Anmeldungen sprächen für die Aktualität und den Informationsbedarf, der im Bereich der beruflichen Integration besteht.

Kontakt
Manuela Heger, T: (0931) 31-89124; E-Mail: manuela.heger@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln zweidimensionalen Kristall mit hoher Leitfähigkeit

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein neuer Indikator für marine Ökosystem-Veränderungen - der Dia/Dino-Index

21.08.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Kieler Wissenschaft entwickelt exzellentes Forschungsdatenmanagement

21.08.2017 | Informationstechnologie