Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Afrika vor demografischen Herausforderungen

15.09.2011
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, wie sich das Bevölkerungswachstum auf die Entwicklung Afrikas auswirkt und wo die demografischen Chancen liegen.

Bevölkerungswachstum: Gründe und Folgen

Die Weltbevölkerung hat eine Zahl von etwa sieben Milliarden erreicht, und sie wächst nach wie vor stark - um 79 Millionen Menschen im Jahr. Dieser Zuwachs findet fast ausschließlich in den weniger entwickelten Ländern statt.

Das anhaltende Bevölkerungswachstum dort ist auf drei Faktoren zurückzuführen: Erstens bekommen Frauen in den Entwicklungsländern deutlich mehr Kinder als in den entwickelten Regionen der Welt. Zweitens sind die Bevölkerungen in den Entwicklungsländern durch die hohen Geburtenraten im Schnitt sehr jung, das heißt, die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter ist hoch und wird künftig noch steigen. Und drittens werden die meisten Menschen in den armen Regionen dank einer verbesserten gesundheitlichen Versorgung und einer besser gesicherten Ernährung inzwischen älter.

Infolge dieser Entwicklung droht vielen Menschen Hunger, die Gesundheits- und Bildungssysteme stehen unter Druck, die Infrastruktur ist überlastet und Ressourcen sind knapp. Das alles steht der weiteren Entwicklung im Wege und birgt auch Konfliktpotenzial.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat in der Studie "Afrikas demografische Herausforderung" für 103 heutige und ehemalige Entwicklungsländer gezeigt, dass sich kein einziges Land sozioökonomisch entwickelt hat, ohne dass parallel dazu die Geburtenrate zurückgegangen ist. Der Entwicklungsstand eines Landes hängt also eng mit seiner Bevölkerungsstruktur zusammen.

Entwicklungsprobleme in Subsahara-Afrika

Entwicklungspolitisch bestehen heute in Subsahara-Afrika die meisten und größten Probleme. Von den weltweit 48 am wenigsten entwickelten Ländern befinden sich 33 in diesem Teil Afrikas. Gleichzeitig zeichnet sich die Region durch die weltweit höchsten Geburtenraten aus. Bis zum Jahr 2050 dürfte sich die Zahl der Menschen in Subsahara-Afrika verdoppeln, bis Ende des Jahrhunderts könnte sie sich vervierfachen.

Das Bevölkerungswachstum könnte sogar noch stärker ausfallen, etwa wenn Verhütung in Subsahara-Afrika keine deutlich stärkere Verbreitung findet als dies derzeit der Fall ist. Bei der Nutzung von modernen Mitteln zur Familienplanung hinkt vor allem Westafrika weit hinterher.

Was zu kleineren Familien führt

Das Bevölkerungswachstum und die hohen Geburtenraten sind keineswegs allein dem Wunsch nach großen Familien geschuldet. Sie lassen sich vielmehr teilweise darauf zurückführen, dass Frauen und Paaren effektive Möglichkeiten zur eigentlich gewünschten Familienplanung fehlen. Wenn Menschen ihr Recht auf sexuelle und reproduktive Gesundheit wahrnehmen können, wenn also Verhütungsmittel bereitgestellt, Sexualaufklärung angeboten und reproduktive Gesundheits- und Beratungsdienstleistungen ausgebaut werden, gehen die Kinderzahlen dem Wunsch der Menschen entsprechend deutlich zurück. Doch damit allein ist es nicht getan. Da sich Frauen in Entwicklungsländern im Durchschnitt weniger Kinder wünschen als Männer, führt der Weg zu niedrigeren Kinderzahlen vor allem über die Stärkung von Frauen.

Die Geburtenraten sinken nachweislich,

- wenn Frauen in Familie und Gesellschaft mehr Mitsprachemöglichkeiten erhalten und sich ihnen Alternativen zur reinen Mutterrolle eröffnen.

- wenn Mädchen und Frauen einen ungehinderten Zugang zu Sexualaufklärung, Familienplanung und Verhütungsmitteln haben.

- wenn Mädchen und Frauen eine bessere Bildung erlangen. Insbesondere der Besuch einer weiterführenden Schule führt dazu, dass Frauen später Kinder bekommen und Familienplanung aktiver betreiben.

- wenn sich neue Lebensperspektiven ergeben, etwa durch einen Umzug vom Land in die Stadt, durch bessere Verdienstmöglichkeiten oder durch neue Familienbilder, die von den Medien transportiert werden.

- wenn die Kindersterblichkeit sich verringert. Denn Paare sind erst bereit, weniger Nachwuchs zu bekommen, wenn sich die Überlebenschance für jedes einzelne Kind erhöht.

Chancen der demografischen Entwicklung

Wenn Mortalität und Fertilität sinken, kann eine junge Bevölkerung zu einem volkswirtschaftlichen Motor werden. Das lehren die Erfahrungen der asiatischen Tigerstaaten. Diese hatten zu Beginn ihrer beeindruckenden Entwicklung eine ähnliche demografische Ausgangslage wie viele subsaharische Staaten heute, und auch ihr damaliger Entwicklungsstand war ähnlich schlecht. Den Entwicklungsschub der asiatischen Tigerstaaten ermöglichten zwei grundlegende Veränderungen:

1. Es ist ein demografischer Bonus entstanden, weil sich die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter im Verhältnis zu den abhängigen jungen und alten Menschen erhöht hat. Damit solch eine günstige Altersstruktur zustande kommt, müssen die vielen Kinder und Jugendlichen erwachsen werden, die Sterblichkeit in der Altersgruppe der Erwerbsfähigen muss zurückgehen, und die Fertilität muss sinken, sodass die nachwachsenden Jahrgänge (und die damit verbundenen Belastungen) kleiner werden.

2. Der demografische Bonus konnte in eine demografische Dividende verwandelt werden, also in einen volkswirtschaftlichen Gewinn, weil die vielen Erwerbsfähigen auch die Chance bekamen, erwerbstätig zu werden. Dafür müssen die Menschen ausgebildet und Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die asiatischen Tiger haben gleichzeitig in Bildung und Familienplanung investiert, notwendige wirtschaftliche Reformen durchgesetzt und vor allem Arbeitsplätze für die große Zahl junger Erwerbsfähiger geschaffen. Zudem erkannten diese Gesellschaften, dass die Erwerbsbeteiligung von Frauen für den wirtschaftlichen Fortschritt unbedingt nötig und Bildung dafür eine zentrale Voraussetzung ist. Es war gerade der umfassende Ansatz, der den Tigerstaaten ihre Erfolge ermöglicht hat.

Auch wenn sich das Konzept der demografischen Dividende aufgrund von kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Unterschieden nicht einfach von den "asiatischen Tigern" auf die Länder Subsahara-Afrikas übertragen lässt, steht den afrikanischen Staaten der Weg der demografischen Dividende im Prinzip offen. Dafür muss die Politik allerdings die richtigen Weichen stellen.

Weitere Informationen zur demografischen Lage in Afrika und zu möglichen Entwicklungschancen der Region sowie konkrete politische Handlungsempfehlungen hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der Studie "Afrikas demografische Herausforderung" veröffentlicht. Der Studie liegt ein aktuelles Poster "Zur Lage der Weltbevölkerung" bei. Englischsprachige Fassungen von Studie und Poster werden in Kürze erscheinen. Weitere Informationen sowie die Studie als PDF zum kostenfreien Download finden Sie unter www.berlin-institut.org.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
- Dr. Tanja Kiziak, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 74 50, E-Mail: kiziak@berlin-institut.org
- Lilli Sippel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 74 50, E-Mail: sippel@berlin-institut.org

- Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org

Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info@berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare bestellen (Schutzgebühr 6 Euro, inklusive Versand innerhalb Deutschlands).

Die Studie wird im Rahmen der europäischen Öffentlichkeitskampagne "Africa's Demographic Challenges" herausgegeben. Die Kampagne wird von der Europäischen Union finanziell gefördert. Für den Inhalt dieser Veröffentlichung sind allein die Projektpartner verantwortlich; der Inhalt kann in keiner Weise als Standpunkt der Europäischen Union angesehen werden.

Dr. Margret Karsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Im Focus: Quantensensoren entschlüsseln magnetische Ordnung in neuartigem Halbleitermaterial

Physiker konnte erstmals eine spiralförmige magnetische Ordnung in einem multiferroischen Material abbilden. Diese gelten als vielversprechende Kandidaten für zukünftige Datenspeicher. Der Nachweis gelang den Forschern mit selbst entwickelten Quantensensoren, die elektromagnetische Felder im Nanometerbereich analysieren können und an der Universität Basel entwickelt wurden. Die Ergebnisse von Wissenschaftlern des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel sowie der Universität Montpellier und Forschern der Universität Paris-Saclay wurden in der Zeitschrift «Nature» veröffentlicht.

Multiferroika sind Materialien, die gleichzeitig auf elektrische wie auch auf magnetische Felder reagieren. Die beiden Eigenschaften kommen für gewöhnlich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Autonomes Fahren wirft viele Fragen auf

20.09.2017 | Veranstaltungen

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungen

Biowissenschaftler tauschen neue Erkenntnisse über molekulare Gen-Schalter aus

19.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Molekulare Kraftmesser

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Von der Weser bis zur Nordsee: PLAWES erforscht Mikroplastik-Kontaminationen in Ökosystemen

20.09.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strom im Flug erzeugen

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik