Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zwei Vulkane lösen spätantike Krisen aus

19.04.2016

Baumringe und zeitgenössische Chroniken zeugen von klimatischen Veränderungen und damit einhergehenden gesellschaftlichen Krisen in den Jahren ab 536 n. Chr. Neue Daten aus Eisbohrkernen legen den Schluss nahe, dass zwei große Vulkanausbrüche die Ursache waren. Ein Team von Klimaforschern unter Leitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der Universität Oslo haben die Auswirkungen in einem Klima-Aerosol-Modell rekonstruiert. Wie sie jetzt in der Fachzeitschrift Climatic Change und auf der Jahrestagung der EGU in Wien voröffentlichen, handelte es sich bei der Doppeleruption um den stärksten vulkanischen Klimaeinfluss der vergangenen eineinhalb Jahrtausende.

Kalte Sommer, Missernten, Krankheiten – das Jahrzehnt zwischen dem Jahr 536 n. Chr. und Mitte der 540er Jahr war im Mittelmeerraum und wahrscheinlich auf der gesamten Nordhalbkugel geprägt von Krisen und Katastrophen. Zahlreiche Indizien zeugen davon.


Simulierte Sommerdurchschnittstemperaturen im Jahr 536 n. Chr. als Folge der Aerosol-Wolke rekonstruiert nach zeitgenössischen Berichten und Daten aus Eisbohrkernen.

Grafik: Matt Toohey, GEOMAR

So berichten zeitgenössische Chronisten wie der Byzantiner Prokopius von einer mysteriösen Wolke, die das Licht der Sommersonnen über dem Mittelmeer verdunkelte. Auch die Jahresringe von Bäumen belegen schlechte Wachstumsbedingungen in jenen Jahren. Soziale Krisen bis hin zur Pest-Pandemie ab 541 werden mit dem Phänomen in Verbindung gebracht.

Die vorhandenen Hinweise sprechen für einen Vulkanausbruch als Ursache, doch konkrete Belege gab es lange nicht. Erst kürzlich konnten Wissenschaftler in neu datierten Eisbohrkernen aus Grönland und aus der Antarktis Hinweise auf zwei große Eruptionen mit globalen Auswirkungen in den Jahren 536 und 540 finden.

Ein internationales Team von Klimaforscherinnen und Klimaforschern unter Leitung von Dr. Matthew Toohey vom GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und von Prof. Dr. Kirstin Krüger von der Universität Oslo hat mit finanzieller Unterstützung durch das Center for Earth Evolution and Dynamics (CEED) an der Universität Oslo jetzt den entsprechende Zeitraum mit Hilfe der neuen Daten und der historischen Quellen in einem Klima-Aerosol-Modell der Erde genauer untersucht.

Wie sie jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Climatic Change veröffentlichen, war das vulkanische Doppelereignis von 536/540 stärker als jedes andere dokumentierte Ereignis der vergangenen eineinhalb Jahrtausende. „Schon einer der Ausbrüche hätte zu einer deutlichen Abkühlung der Erdoberfläche geführt. Beide so kurz hintereinander haben wahrscheinlich das kühlste Jahrzehnt der vergangenen 2000 Jahre verursacht“, sagte Dr. Matthew Toohey vom GEOMAR, Erstautor der Studie, heute während einer Pressekonferenz auf dem Jahrestreffen der European Geosciences Union EGU in Wien.

Um den Einfluss der Ereignisse von 536 und 540 zu simulieren, haben die Wissenschaftler die zur Verfügung stehenden Daten aus den Eisbohrkernen und die Hinweise aus Chronistenberichten gesammelt und so die Stärke und den ungefähren Ort der Eruptionen abgeschätzt. Anschließend haben sie im Computermodell die Ausbreitung und den Einfluss der Aerosol-Wolke rekonstruiert, die nach den Eruptionen in der Atmosphäre entstanden war. Dabei kam heraus, dass nach den Ausbrüchen die Sonneneinstrahlung über der Nordhalbkugel für mehrere Jahre reduziert war und die Durchschnittstemperaturen in der Atmosphäre um bis zu zwei Grad Celsius sanken.

Der Zusammenhang zwischen der „Geheimnisvollen Wolke“ und den Krisen am Übergang von der Spätantike zum Mittelalter wird schon lange in der Forschung diskutiert. Welchen Einfluss große Vulkaneruptionen auf menschliche Gesellschaften haben können, zeigen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit. Der indonesische Vulkan Tambora schleuderte beispielsweise 1815 so viel Asche und Aerosole in die Atmosphäre, dass das Jahr 1816 in Europa und Nordamerika als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichtsbücher einging. Unwetter und ungewöhnlich niedrige Temperaturen führten zu Missernten und Hungersnöten. Für ältere Ereignisse ist der Zusammenhang zwischen den Eruptionen und gesellschaftlichen Auswirkungen weniger klar.

Daher nutzten Toohey und seine Kollegen die Klimamodellsimulationen auch, um die Auswirkungen der Eruptionen auf die Landwirtschaft abzuschätzen. Demnach waren Nordeuropa und insbesondere Skandinavien wahrscheinlich die Regionen, die am meisten unter den kalten Bedingungen nach den Ausbrüchen 536/540 gelitten haben. Dieses Ergebnis unterstützt die Theorie einer Verbindung zwischen den Eruptionen und archäologischen Beweise für eine schwere gesellschaftliche Krise in Skandinavien im 6. Jahrhundert. „Jede der Eruptionen von 536/540 hat menschliche Gesellschaften wohl beeinflusst. – und das gleich zweimal kurz hintereinander", sagt Co-Autorin Prof. Dr. Kirstin Krüger von der Universität Oslo.

Rätselhaft bleibt bisher allerdings noch, welche Vulkane damals konkret ausgebrochen sind. „Es werden verschiedene Kandidaten diskutiert, unter anderem in Indonesien, Nord- und Mittelamerika. Aber das müssen zukünftige Untersuchungen zeigen“, sagt Dr. Toohey.

Originalarbeit:
Toohey, M., K. Krüger, M. Sigl, F. Stordal, H. Svensen (2016): Climatic and societal impacts of a volcanic double event at the dawn of the Middle Ages. Climatic Change, http://dx.doi.org/10.1007/s10584-016-1648-7

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://www.uio.no Universität Oslo
http://www.mn.uio.no/ceed/english/ CEED an der Universität Oslo
http://media.egu.eu/press-conferences/#Civilisations Livestream der EGU-Pressekonferenz am 19 April 2016

Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Eine Atomfalle für die Wasserdatierung
28.02.2017 | Universität Heidelberg

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Künstlicher Intelligenz das Gehirn verstehen

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas über den Schaltplan des Gehirns bekannt.

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas...

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nebennierentumoren: Radioaktiv markierte Substanzen vermeiden unnötige Operationen

28.02.2017 | Veranstaltungen

350 Onlineforscher_innen treffen sich zur Fachkonferenz General Online Research an der HTW Berlin

28.02.2017 | Veranstaltungen

23. VDMA-Arbeitsberatung „Engineering und Konstruktion“ am 2. März 2017 an der TH Wildau

28.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Atomfalle für die Wasserdatierung

28.02.2017 | Geowissenschaften

Zellen passen sich ultraschnell an die Schwerelosigkeit an

28.02.2017 | Medizin Gesundheit

Maus-Stammzellen auf Chip könnten Tierversuche ersetzen

28.02.2017 | Biowissenschaften Chemie