Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zeugen der Gletscherschmelze

10.08.2012
Meeresforscher untersuchen an Grönlands Westküste den Einfluss des rasant gestiegenen Süßwassereintrages auf die Meeresalgen
Grönland erlebt in diesem Jahr einen der wärmsten Sommer seiner jüngeren Geschichte. Diese Hitzewelle versetzte ein internationales Forscherteam in die einmalige Lage, wichtige Klimadaten aus der sich wandelnden Arktis zu sammeln.

Die deutschen und US-amerikanischen Wissenschaftler untersuchten bis heute von Bord des Forschungsschiffes MARIA S. MERIAN, inwiefern der starke Eintrag von Schmelzwasser in die Fjorde entlang der grönländischen Westküste die chemische Zusammensetzung des Meerwassers und damit die Lebensbedingungen für Algen und andere Kleinstlebewesen verändert.

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Allan Cembella vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft befuhren Wissenschaftler der Universität Oldenburg, der US-amerikanischen Woods Hole Oceanographic Institution sowie des Alfred-Wegener-Institutes bis heute 16 Tage lang die Gewässer an der Westküste Grönlands. Dabei wurden die Biologen, Chemiker, Physiker und Ozeanografen Zeugen einer voranschreitenden Eisschmelze: „Das Gletschereis schmilzt momentan in einem nie vorher gesehenen Tempo und setzt auf diese Weise Süßwasser und Inhaltsstoffe frei, die über Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende hinweg im arktischen Eis eingeschlossen waren“, sagt Allan Cembella.

Das Forschungsschiff Maria S. Merian im Perlerfiup-Fjord, Foto: Daniela Voss, Universität Oldenburg

Veränderungen beobachten die Wissenschaftler auch bei der Wassertemperatur, die sie in den Fjorden von der Meeresoberfläche bis in eine Tiefe von 700 Metern messen. „Eine erste Analyse unserer Messdaten aus der Disko-Bucht zum Beispiel hat vorhergehende Untersuchungen bestätigt. Demnach ist die Wassertemperatur in einer Tiefe von 200 Metern durch Änderungen der Meeresströmungen in den 90er Jahren deutlich angestiegen. Dieses warme Wasser gelangt vermutlich unter die Gletscherzungen und kann dort die Gletscherschmelze zusätzlich antreiben“, so Allan Cembella.

Hitzewellen, Gletscherschmelze, Meereisrückgang: Die großflächigen Veränderungen in der Arktis stellen ihre Bewohner vor große Herausforderungen – vor allem an der Westküste Grönlands. Allan Cembella: „Wir gehen davon aus, dass sich im Zuge der Erwärmung die Lebensräume vieler Meereslebewesen verschieben werden. Dieser Wandel wird besonders jene Arten treffen, die in den flachen Küstengewässern leben, denn deren Sommereisdecke taut neuerdings immer auf. Das heißt, Fischbestände werden ebenso betroffen sein wie das Plankton, die vielen am Meeresboden lebenden Arten, die Seevögel und Meeressäuger – und letztendlich auch der Mensch.“

Mit der heute endenden Expedition auf dem Forschungsschiff MARIA S. MERIAN unternehmen die Wissenschaftler erstmals den Versuch, mögliche Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung des Fjordwassers und der Wassermassen in den küstennahen Bereichen Grönlands und Islands zu dokumentieren und Rückschlüsse über mögliche Auswirkungen auf die Lebensgemeinschaften im Ozean zu ziehen. „Unser Ziel ist es, herauszufinden, inwiefern sich der hohe Eintrag von Schmelzwasser und die dadurch veränderten Wassereigenschaften speziell auf den Lebenszyklus des Phytoplanktons auswirken. Dazu haben wir Wasserproben in Gletscher- und Küstennähe sowie im Übergangsbereich zum offenen Meer genommen“, erzählt Allan Cembella.

Diese Daten hätten gerade angesichts von Gletscherabbrüchen wie jenem kürzlich erfolgten am Petermann-Gletscher in Nordgrönland einen unschätzbaren wissenschaftlichen Wert. „In vielen verschiedenen Zukunftsszenarien wird bisher davon ausgegangen, dass es im Zuge der Erwärmung in der Arktis künftig öfter zu gesundheitsgefährdenden Algenblüten kommt. Unsere aktuellen Untersuchungen werden uns helfen zu verstehen, ob und inwiefern großflächige Gletscherschmelzen die chemischen und physikalischen Grundlagen für solche Blüten bilden“, sagt Allan Cembella.

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 18 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Ralf Röchert | idw
Weitere Informationen:
http://www.awi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Der Salzwasser-Wächter auf der Darßer Schwelle
19.09.2017 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

nachricht Zeppelin, Drohnen und Forschungsschiffe untersuchen Wattenmeer und Elbe
19.09.2017 | Helmholtz-Zentrum Geesthacht - Zentrum für Material- und Küstenforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Im Focus: Quantensensoren entschlüsseln magnetische Ordnung in neuartigem Halbleitermaterial

Physiker konnte erstmals eine spiralförmige magnetische Ordnung in einem multiferroischen Material abbilden. Diese gelten als vielversprechende Kandidaten für zukünftige Datenspeicher. Der Nachweis gelang den Forschern mit selbst entwickelten Quantensensoren, die elektromagnetische Felder im Nanometerbereich analysieren können und an der Universität Basel entwickelt wurden. Die Ergebnisse von Wissenschaftlern des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel sowie der Universität Montpellier und Forschern der Universität Paris-Saclay wurden in der Zeitschrift «Nature» veröffentlicht.

Multiferroika sind Materialien, die gleichzeitig auf elektrische wie auch auf magnetische Felder reagieren. Die beiden Eigenschaften kommen für gewöhnlich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungen

Biowissenschaftler tauschen neue Erkenntnisse über molekulare Gen-Schalter aus

19.09.2017 | Veranstaltungen

Zwei Grad wärmer – und dann?

19.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zentraler Schalter der Immunabwehr gefunden

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Materialchemie für Hochleistungsbatterien

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie