Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie könnte der Klimawandel auf 1,5 Grad begrenzt werden?

21.05.2015

Eine neue Studie zeigt, was für klimapolitische Maßnahmen nötig wären, um die weltweite Erwärmung bis zum Jahr 2100 auf weniger als 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Grundsätzlich wäre eine solche Begrenzung machbar, so die jetzt in Nature Climate Change veröffentlichte Studie eines Teams von Forschern unter anderem des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Das 1,5-Grad-Ziel wird von mehr als hundert Ländern für sicherer gehalten als das international vereinbarte Ziel von 2 Grad Celsius – obwohl auch dieses etwas weniger ehrgeizige Ziel bereits eine starke Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen erfordern würde.

„Um die weltweite Erwärmung bis 2100 auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen sind ganz ähnliche Maßnahmen erforderlich wie für das Ziel einer Begrenzung auf 2 Grad“, sagt Joeri Rogelj vom IIASA, einer der Leit-Autoren.

„Allerdings lässt das ambitioniertere 1,5-Grad-Ziel keine Zeit für weitere Verzögerungen bei der weltweiten Emissionsreduktion, und die Verringerung der Treibhausgase müsste in den kommenden Jahrzehnten sehr rasch hochgefahren werden.“

Die Autoren weisen darauf hin, dass bereits für das Einhalten des 2-Grad-Ziels die ökonomischen, politischen und technologischen Voraussetzungen nicht einfach zu erfüllen sind. Ihr Ziel ist es, im Vorfeld der Klimaverhandlungen in Paris Ende des Jahres die Entscheider möglichst umfassend zu informieren über mögliche Klimaziele und Strategien, diese zu erreichen.

Maßnahmen: Schnelle Steigerung der Energie-Effizienz, und CO2-Abscheidung

Die Studie hat eine Reihe von Maßnahmen identifiziert, die für das Einhalten des 1,5-Grad-Ziels bis 2100 unverzichtbar sind. Von fundamentaler Bedeutung ist die enge Begrenzung künftiger CO2-Emissionen. „In Szenarien zum 1,5-Grad-Ziel wird das verbleibende Emissionsbudget für CO2 im Vergleich zu 2-Grad-Szenarien fast halbiert“, erklärt Gunnar Luderer vom PIK, gleichfalls einer der Leit-Autoren.

„Entsprechend müssten in allen Wirtschaftssektoren tiefere Einschnitte bei den Emissionen erreicht werden, und weltweit müsste die CO2-Neutralität zehn bis zwanzig Jahre früher erreicht werden als in den 2-Grad-Szenarien.“

Eine schnelle Steigerung der Energie-Effizienz hat sich in der Studie ebenfalls als Schlüsselfaktor für das 1,5-Grad-Ziel erwiesen. Zudem zeigen alle Szenarios zu diesem Ziel, dass irgendwann in diesem Jahrhundert die Emissionen unter Null sinken müssen – was bedeutet, dass erhebliche Mengen CO2 aus der Atmosphäre entzogen werden müssen.

Dies könnte etwa durch die Kombination von Energie aus Biomasse mit dem Abscheiden und Verpressen von Treibhausgasen geschehen (Carbon Capture and Storage, CCS) – diese Technologie ist bislang aber im großen Maßstab noch nicht erprobt, sie kann den Druck auf die Nahrungsmittelerzeugung erhöhen, und sie ist teils gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Eine andere Möglichkeit wäre Aufforstung, denn Wälder speichern CO2 in Baumstämmen und Blättern. Auch Auforstung aber müsste, genau wie der Anbau von Energiepflanzen, sorgfältig ausbalanciert werden mit der Nutzung von Flächen insbesondere für die Erzeugung von Nahrungsmitteln.

Die Grenze kurzfristig überschreiten, um sie langfristig einzuhalten

Im Gegensatz zu vielen bislang untersuchten Szenarien, in denen die 2-Grad-Grenze als absolute Grenze gesetzt wird, die zu keinem Zeitpunkt überschritten werden darf, beziehen sich die 1,5-Grad-Szenarien auf das langfristige Ziel. Untersucht wird, wie nach einem zwischenzeitlichen Überschreiten die Temperaturen bis 2100 wieder auf das Zielniveau gesenkt werden könnten. „Im Grunde überschreiten alle unsere 1,5-Grad-Szenarien gegen Mitte des Jahrhunderts diese Temperaturgrenze, bevor sie dann wieder absinken, wenn mehr und mehr CO2 aktiv aus der Atmosphäre herausgeholt wird,“ erklärt Rogelj.

Der jüngste Bericht des Weltklimarats IPCC hat noch nicht in allen Einzelheiten darlegen können, was genau nötig wäre, um die weltweite Erwärmung unter 1,5 Grad zu halten. Dabei haben mehr als 100 Länder weltweit – die Mehrheit der Länder der UN Klimarahmenkonvention (UNFCCC), darunter die Allianz der Kleinen Inselstaaten (AOSIS) und die am wenigsten entwickelten Länder (LDC) – ihre Unterstützung für das 1,5 Grad-Ziel erklärt. Dieses Ziel liegt also bei den Klimaverhandlungen mit auf dem Tisch. Die neue Studie füllt jetzt diese Informationslücke.

Die Autoren machen klar, dass nur mit einer klaren Steigerung der internationalen Bemühungen eine Verringerung der Treibhausgase das 1,5-Grad-Ziel erreichbar ist. „Dieses Ziel lässt sehr wenig Spielraum,“ so Luderer. „Jede Einschränkung – sei es eine weitere Verzögerung bei der internationalen Klimapolitik oder ein Scheitern von großtechnischen Verfahren, um der Atmosphäre CO2 zu entziehen – würden das 1,5-Grad-Ziel in diesem Jahrhundert unerreichbar machen.“

Artikel: Rogelj, J., Luderer, G., Pietzcker, R.C., Kriegler, E., Schaeffer, M., Krey, V., Riahi, K. (2015): Energy system transformations for limiting end-of-century warming to below 1.5°C. Nature Climate Change [DOI: 10.1038/NCLIMATE2572]

Link zum Artikel, sobald er veröffentlicht ist: http://dx.doi.org/10.1038/NCLIMATE2572

Kontakt für Medienanfragen:

Jonas Viering, Sarah Messina, Mareike Schodder
PIK Pressestelle
Telefon: +49 331 288 25 07
E-Mail: presse@pik-potsdam.de
Twitter: @PIK_Klima

Katherine Leitzell
IIASA Press Office
Telefon: +43 2236 807 316
Mobil: +43 676 83 807 316
E-Mail: leitzell@iiasa.ac.at

Jonas Viering | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie