Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tiefseebergbau: Wie groß sind die Risiken?

29.01.2015

GEOMAR koordiniert europäisches Verbundprojekt zur Gefahrenabschätzung

50 Spezialisten für Tiefseeökologie, Meeresbergbau und Tiefseebeobachtung von 25 europäischen Forschungseinrichtungen treffen sich diese Woche am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Sie geben damit den Startschuss für ein dreijähriges Forschungsprojekt, das die Risiken von potenziellem Erzbergbau am Meeresboden untersuchen soll. Das Projekt mit dem Namen „JPI Oceans Ecological aspects of deep-sea mining“ wird am GEOMAR koordiniert.


Schon 1996 wurden mit dem Forschungsschiff SONNE (I) Untersuchungen an Manganknollenfeldern im DISCOL-Gebiet durchgeführt. Hier eine Meeresbodenprobe mit Manganknollen.

Foto: Matthias Haeckel, GEOMAR

Die Weltbevölkerung wächst. Das bedeutet auch, dass immer mehr Menschen ein Zuhause benötigen, mit Computern und anderen elektronischen Geräten arbeiten wollen und Energie verbrauchen. Zum Bau von Häusern, zur Herstellung von Elektronikartikeln, aber auch zur Produktion von Windkraftanlagen bedarf es großer Mengen verschiedenster Metalle.

Derzeit werden alle Metallerze auf einem knappen Drittel der Erdoberfläche gefördert – auf den Kontinenten. Doch in den vergangenen Jahrzehnten rückten immer wieder auch die anderen zwei Drittel, die Ozeane, in den Fokus von Regierungen und Rohstoffunternehmen. „Viele Fragen zu einem potenziellen Erzbergbau in der Tiefsee sind allerdings nach wie vor offen“, sagt Dr. Matthias Haeckel vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Er ist wissenschaftlicher Koordinator des Projekts „Ecological aspects of deep-sea mining“, das in den kommenden drei Jahren mögliche Umweltrisiken untersuchen soll. Ein Zusammenschluss von Forschungsministerien in elf europäischen Ländern fördert es im Rahmen der Joint Programme Initiative Healthy and Productive Seas (JPI Oceans) mit insgesamt 9,5 Millionen Euro. Diese Woche startet das Projekt mit einem Auftakttreffen am GEOMAR.

Insgesamt sind 25 Partnerinstitutionen aus diesen elf Nationen an dem Projekt beteiligt. Im Fokus stehen vor allem die sogenannten Manganknollen. Dabei handelt es sich um kugel- oder blumenkohlförmige Erzknollen, die meist in Tiefen unterhalb von 4000 Metern auf den großen Tiefseeebenen liegen. Sie bestehen nicht nur aus dem namengebenden Mangan, sondern enthalten auch Eisen sowie begehrte Metalle wie Kupfer, Kobalt oder Nickel. Schon in den 1970er Jahren gab es erste Pläne zum Abbau von Manganknollen aus der Tiefsee, die jedoch nie über Pilotversuche hinaus kamen. Die größten Vorkommen sind derzeit aus der Clarion-Clipperton-Fracture-Zone im zentralen Pazifik bekannt.

Als Folge dieser Aktivitäten in internationalen Gewässern wurde 1994 auf Grundlage des Internationalen Seerechtsabkommens (UNCLOS) die Internationale Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA) gegründet. Sie verwaltet den gesamten Meeresboden außerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszonen (200-Meilen-Zone) einzelner Staaten. Bis heute hat die ISA 13 Forschungslizenzen zur Erkundung von Manganknollenfeldern im Pazifik vergeben, darunter auch an Deutschland und andere europäische Länder. „Es gibt aber noch keine Abbaulizenzen, das wäre erst ein nächster Schritt“, betont Dr. Haeckel.

Da die ISA auch einen effektiven Schutz der Meeresumwelt vor möglichen Folgen des Meeresbergbaus sicherstellen soll, sind entsprechende Forschungen für die Lizenznehmer verpflichtend. „Natürlich werden industrielle Aktivitäten am Meeresboden Auswirkungen haben, denn sie stören den Boden und die Wassersäule darüber“, sagt Dr. Haeckel. Deshalb ist es von großer Bedeutung, die Ökosysteme am Meeresboden und ihre lokalen, regionalen und überregionalen Verbindungen und Wechselwirkungen genau zu kennen.

Schon in diesem Jahr sind mehrere Expeditionen des neuen deutschen Forschungsschiffs SONNE im Pazifik geplant. Die ersten Fahrten im März und April führen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu den deutschen, belgischen und französischen Lizenzgebieten und in ein von der ISA definiertes Schutzgebiet in der Clarion-Clipperton-Zone.

Weitere Fahrten von Juli bis Oktober haben dann das sogenannte DISCOL-Gebiet im Peru-Becken zum Ziel. Dort wurde schon 1989 ein eng begrenzter Bereich des Meeresbodens zu Forschungszwecken umgepflügt. „Ziel dieses Versuches ist es, die Langzeitfolgen von großflächigem Geräteinsatz auf Tiefseesedimenten zu erkennen“, erklärt Professor Dr. Jens Greinert vom GEOMAR, der eine der Ausfahrten ins DISCOL-Gebiet leiten wird. Jetzt, ein Vierteljahrhundert nach dem Störungsexperiment, werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die damals bearbeiteten Meeresbodengebiete genau untersuchen, sie mit benachbarten, ungestörten Gebieten vergleichen, um zu ermitteln, wie schnell sich gestörte Lebensgemeinschaften in der Tiefsee erholen können. „Wir sollten die Tiefsee einfach besser kennen lernen, bevor wir anfangen, großflächig in sie einzugreifen“, betont der Projektkoordinator Dr. Haeckel.

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://www.worldoceanreview.com/wor-3-uebersicht/mineralische-rohstoffe/mangankn... World Ocean Review 3 mit Informationen über Manganknollen
http://www.isa.org.jm Die Internationale Meeresbodenbehörde

Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Polarstern ab heute unterwegs nach Spitzbergen, um Rolle der Wolken bei Erwärmung der Arktis zu untersuchen
24.05.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e.V. (TROPOS)

nachricht Unterschiedliche Erwärmung von Arktis und Antarktis: Forscher sieht Höhenunterschied als Ursache
18.05.2017 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten