Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sturmflut oder Palmenstrand – Wie Klimarisiken wahrgenommen und verarbeitet werden

01.10.2012
Die Städte Rostock und Lübeck trennen nur ungefähr 100 Kilometer, ihre naturräumliche Lage an der Ostseeküste ist nahezu identisch.
Vergleichbar müssten daher auch die Einschätzung der Gefahren durch den Klimawandel und die daraus abgeleiteten Maßnahmen sein. Weit gefehlt, berichten IRS-Wissenschaftler in einem Artikel in der „Zeitschrift für Zukunftsforschung“: Soziale und kulturelle Unterschiede lassen stark differierende Wahrnehmungen des Klimawandels entstehen.

Die Untersuchung ist Teil eines Forschungsprojekts im Rahmen des Potsdamer Forschungs- und Technologieverbundes für Naturgefahren, Klimawandel und Nachhaltigkeit (PROGRESS). Die Sozialwissenschaftler um PD Dr. Gabriela Christmann wollten dabei herausfinden, wie das globale, abstrakte Phänomen des Klimawandels lokal wahrgenommen und interpretiert wird.

Sturmflut in Bremerhaven – eine mögliche Folge der globalen Klimaveränderungen in deutschen Küstenstädten. Foto: Wikimedia Commons, Garitzko

Dahinter steht die Vorstellung, dass eine bestehende Gefährdungssituation nicht automatisch als eine Bedrohung, angesehen werden muss. „Bedrohungen werden erst dann zu eine gesellschaftlichen Realität, wenn sie von den Menschen als solche erkannt werden“, erklärt Christmann. „Dabei kann es sogar passieren, dass eine scheinbare Gefahr als harmlos wahrgenommen wird, weil man sich ihrer bewusst geworden ist und man sich als gut vorbereitet fühlt.“ Die Wissenschaftler sprechen daher nicht von objektiv gegebenen Vulnerabilitäten (Verwundbarkeiten oder Verletzlichkeiten), sondern von gesellschaftlich konstruierten Vorstellungen einer Vulnerabilität.

Um Vulnerabilitätsvorstellungen in Bezug auf Folgen des Klimawandels im südlichen Nord- und Ostseeraum zu bestimmen, haben sie mehr als 1.000 Experten aus Politik, Planung, Wirtschaft und Wissenschaft zu künftigen Klimarisiken befragt. Zugleich haben sie in Lübeck und Rostock knapp 3.000 Presseartikel zwischen 2003 und 2010 ausgewertet, um herauszufinden, wie die Vulnerabilitäten im öffentlichen Diskurs dargestellt werden. „Obwohl beide Städte quasi dieselben natürlichen Risiken hinsichtlich Hochwasser- oder Dürreereignisse aufweisen, sind die Vulnerabilitätswahrnehmungen sehr unterschiedlich“, berichtet Christmann. Es lassen sich verschiedene stadtkulturelle Verarbeitungsformen des Klimawandels feststellen. In Lübeck werden die Gefahren des Klimawandels zwar gesehen und vor allem für die Altstadt thematisiert, aber als bewältigbar dargestellt.

„Man verweist auf die Erfahrungen, die man schon in der Geschichte mit Sturmfluten und Hochwasser gemacht hat und denen man in hanseatischer Manier erfolgreich trotzen konnte“. In Rostock spielen Klimathemen nur eine geringe Rolle. Sofern sie thematisiert werden, werden sie nicht mit historischen Wissensmustern und Traditionen der Hansestadt verbunden. Im lokalen Diskurs stehen ganz andere Bedrohungen wie Arbeitslosigkeit oder Abwanderung im Vordergrund. „Der Klimawandel hingegen wird als eine Chance gesehen, diesen Trends begegnen zu können“, so Christmann. Mit der globalen Erwärmung werden Hoffnungen verbunden, den Tourismus, den Ausbau erneuerbarer Energien und damit die Wirtschaft vorantreiben zu können.

Wie stark die kulturellen Traditionen und lokalen Wissensmuster die Einschätzung von Gefahren beeinflussen, zeigt auch ein weiteres Ergebnis der Studie. Im internationalen Vergleich sehen in niederländischen Städten nur ein Drittel der Befragten den Anstieg des Meeresspiegels als großes Problem an. In Polen sind es hingegen fast 57 Prozent. Dies steht der naturräumlichen Bedrohungslage diametral entgegen und belegt, dass Vulnerabilitätswahrnehmungen nur zu einem geringen Teil durch faktisches oder potenzielles Ausgesetzt sein einer Gefahr zu erklären sind. „Da der Hochwasserschutz und die Landgewinnung in den Niederlanden seit Jahrhunderten praktiziert wird, werden steigende Meeresspiegel – zurecht – als machbare Herausforderung angesehen“, erklärt Christmann. „In Polen existiert dieses tradierte Wissen nicht und die Bedrohung erscheint viel dramatischer.“ Eine hohe Sensibilität für die Bedrohung wie in den Niederlanden ist oft gleichbedeutend mit einem hohen Vertrauen in die Bewältigung.

„Diese Erkenntnisse zeigen, dass bei der Erarbeitung von Gesamtstrategien zum Umgang mit Klimarisiken die lokalen Vulnerabilitäts-Wahrnehmungen viel stärker einbezogen werden müssen“, schließt Christmann. „Ignoriert man diese historischen, kulturellen und sozialen Differenzen, läuft man Gefahr, zu unterschiedlichen Problemdefinitionen und damit auch zu widersprüchlichen Handlungsempfehlungen zu kommen.“

Vulnerabilitätsforschung am IRS
Von 2010 bis Ende 2012 arbeiten mehrere Abteilungen des IRS am Brückenprojekt „Vulnerabilität und Resilienz in sozio-räumlicher Perspektive“. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Wahrnehmung und Verarbeitung von Gefahren sowie die Strategien zum Umgang mit diesen Gefahren aus sozial- und raumwissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen. Dabei werden die vor allem von der Ökologie und Entwicklungsländerforschung geprägten Begriffe „Vulnerabilität“ (Verwundbarkeit) und „Resilienz“ (Handeln zur Verringerung der Verwundbarkeit) mittels theoretischer und empirischer Forschung neu gefasst. Die untersuchten Kontexte umfassen neben dem Klimawandel auch Images von Städten und Regionen (No-Go-Areas, Armutsviertel) und die Arbeitswelt von Musicaldarstellern.
Weitere Informationen zum Brückenprojekt finden Sie unter folgender Webadresse: http://www.irs-net.de/forschung/abteilungsuebergreifend/index.php

Kontakt

PD Dr. Gabriela B. Christmann
Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“
Tel. 03362/793-299
Christmann@irs-net.de

Jan Zwilling
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 03362/793-159
zwilling@irs-net.de

Über das IRS

Das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) forscht am Schnittpunkt von Raum- und Sozialwissenschaften. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung von Städten und Regionen. In fünf Abteilungen untersuchen Wissenschaftler die Dynamiken von Wirtschafts¬räumen, institutionelle Arrangements und Governance-Formen für kollektiv genutzte Güter, die Rolle von Kommunikation und Wissen bei Raumentwicklungsprozessen sowie den Strukturwandel und die Regenerierung von Städten. Die Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS bilden die einzige auf die Bau- und Planungsgeschichte der DDR spezialisierte Sammlung in der Bundesrepublik Deutschland.

Jan Zwilling | idw
Weitere Informationen:
http://www.irs-net.de
http://www.irs-net.de/forschung/abteilungsuebergreifend/index.php

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät
21.09.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Der Salzwasser-Wächter auf der Darßer Schwelle
19.09.2017 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie