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Spektakulärer Fossilfund: Rätselhafter Urzeit-Räuber aus dem Hunsrück

06.02.2009
Sie waren die größten Räuber der Weltmeere: Mit einer Länge von bis zu zwei Metern, zwei großen, mit Stacheln bewehrten Greifarmen und einer runden Mundöffnung boten die sogenannten Anomalocariden einen furchterregenden Anblick.

Vor 500 Millionen Jahren verliert sich die fossile Spur dieser ungewöhnlichen Jäger. Seitdem galten sie als ausgestorben. Forscher der Universität Bonn und der US-amerikanischen Yale University sind nun unter Fossilien aus dem Hunsrück auf einen nahe verwandten Urzeit-Jäger gestoßen.


So könnte Schinderhannes bartelsi ausgesehen haben. Zeichnung: Dr. Elke Gröning, TU Clausthal


Das Fossil aus dem Hunsrück. Foto: Alexandra Bergmann und Georg Oleschinski

Erstaunlich daran ist das geringe Alter des Fundes von etwa 400 Millionen Jahren. Die Wissenschaftler berichten in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift Science über ihre Ergebnisse.

Sie waren die größten Räuber der Weltmeere: Mit einer Länge von bis zu zwei Metern, riesigen Augen, zwei großen, mit Stacheln bewehrten Greifarmen am Kopf und einer runden, mit Platten umsäumten Mundöffnung, boten die sogenannten Anomalocariden einen furchterregenden Anblick. Spektakuläre Fossilfunde sind unter anderem aus Fundstellen in Kanada, China und Grönland bekannt. Doch vor 500 Millionen Jahren verliert sich die Spur dieser ungewöhnlichen Jäger.

Seitdem galten sie als ausgestorben. Forscher der Universität Bonn und der US-amerikanischen Yale University haben nun eine überraschende Entdeckung gemacht: Unter Fossilien aus dem Hunsrück stießen sie auf einen nahe verwandten Urzeit-Jäger. Erstaunlich daran ist das geringe Alter des Fundes von etwa 400 Millionen Jahren. Im Fossilbericht der Raub-Arthropoden scheint also eine unschöne Lücke zu klaffen.

Schinderhannes bartelsi heißt der neu entdeckte Urzeit-Räuber aus dem Hunsrück - so benannt nach dem berühmten Banditen, der im 18. Jahrhundert in eben diesem Gebiet sein Unwesen trieb. Sein "Nachname" bartelsi ist dagegen eine Hommage an einen der besten Kenner der Hunsrück-Fossilien, Dr. Christoph Bartels. Der Mitarbeiter des Bergbau-Museums in Bochum hatte das Fossil aus dem Schieferstück präpariert, in dem es verborgen war. Von Bochum ging der Fund dann an das Naturhistorische Museum in Mainz. Worum es sich dabei genau handelte, erkannte jedoch niemand.

Es war die Bonner Doktorandin Gabriele Kühl, die dieses Rätsel lüften sollte. Für ein Forschungsprojekt zur Entwicklungsgeschichte der Gliederfüßer hatte sich die Bonner Universität jede Menge Material aus Mainz geliehen. Darunter war auch das rätselhafte Fossil eines gerade einmal zehn Zentimeter langen Tieres mit bizarr vergrößerten Vordergliedmaßen. In dem Präparat war neben zwei riesigen kugelförmigen Augen auch der kreisrunde Mund mit den Zähnen zu erkennen.

Schinderhannes auf dem Röntgentisch

Gabriele Kühl analysierte Röntgenaufnahmen, fertigte Zeichnungen von dem Fund an und rekonstruierte das Tier in einem Wachsmodell. Ihre Ergebnisse diskutierte sie unter anderem mit dem Anomalocariden-Experten Derek E. G. Briggs. Der Professor aus Yale verbrachte gerade ein Humboldt-Forschungstipendium bei den Bonner Paläontologen. "Briggs erkannte sofort, wie sehr Schinderhannes den anderen Anomalocariden ähnelte", erinnert sich Kühl. In EDV-gestützten Stammbaumanalysen bestätigte sich das. "Es handelt sich ohne Zweifel um einen räuberischen, gut schwimmenden Gliederfüßer", erklärt die Paläontologin. "Seine Beute spürte er mit seinen großen Augen auf und packte sie mit seinen Greifarmen. Diese sind ebenso wie die mit Platten umsäumte ovale Mundöffnung und die riesigen Augen Merkmale, die Schinderhannes mit den Anomalocariden teilt." Einzigartig ist das große Paar flügelähnlicher Anhänge. Sie verleihen Schinderhannes bartelsi ein sehr ungewöhnliches Aussehen.

So interessant die Entdeckung ist, wirft sie doch auch einige Fragen auf. So nahm man bislang an, dass die Urzeit-Jäger zum Ende des Kambriums vor 500 Millionen Jahren komplett ausgestorben seien. Doch nun ist klar, dass ähnliche Organismen auch in den 100 Millionen Jahren zwischen dem Kambrium und dem Schinderhannes-Fund existiert haben müssen. "Der Fund dokumentiert damit schmerzlich, wie lückenhaft der Fossilbericht teilweise ist", erklärt Kühls Doktorvater Professor Dr. Jes Rust. "Fehlende Fossilien müssen nicht unbedingt bedeuten, dass es damals die entsprechenden Tiere nicht gab. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen."

Viele Tiere hätten aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit kaum fossile Spuren hinterlassen. Entsprechend wichtig sei die Erforschung so genannter Konservat-Lagerstätten. Darunter verstehen Paläontologen Fundstellen, in denen sich auch Weichteile erhalten. Auch die letzte Ruhestätte von Schinderhannes bartelsi, der Hunsrück-Schiefer, ist eine solche Konservat-Lagerstätte. Die Entdeckung unterstreicht damit das herausragende Potenzial des Hunsrückschiefers, der als einer der weltweit bedeutendsten Fossilfundstellen gilt.

Kontakt:
Gabriele Kühl
Steinmann Institut der Universität Bonn, Bereich Paläontologie
Telefon: 0228/73-4843
E-Mail: goltmann@uni-bonn.de
Prof. Dr. Jes Rust
Steinmann Institut der Universität Bonn, Bereich Paläontologie
Telefon: 0228/73-4842
E-Mail: jrust@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

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