Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sommer waren im Mittelalter feuchter als heute

17.03.2010
Wissenschaftler analysieren Sommertrockenheit vom hohen Mittelalter bis in die Gegenwart anhand der Jahrringe von Eichenhölzern

Der "Schwarze Tod", eine schwere Pestepidemie, hat im 14. Jahrhundert in Europa ein Drittel der Bevölkerung dahingerafft. Dass es zu einer solchen Katastrophe kommen konnte, lag wahrscheinlich auch an den damaligen klimatischen Bedingungen.

"Das späte Mittelalter war in klimatischer Hinsicht einzigartig", erklärt Dr. Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im schweizerischen Birmensdorf. "Vor allem gab es ausgeprägte Phasen, in denen die Sommer feuchter waren als heute."

Was sich klimatisch damals genau abgespielt hat, können Wissenschaftler heute anhand von Jahrringen historischer Eichenhölzer rekonstruieren. "Die Jahrringe liefern uns präzise Anzeichen über die Sommertrockenheit für jedes einzelne Jahr bis ins hohe Mittelalter zurück", ergänzt Prof. Dr. Jan Esper von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Büntgen und Esper ist es zusammen mit Kollegen der Universitäten in Bonn, Gießen und Göttingen zum ersten Mal gelungen, anhand von Baumringen die Sommertrockenheit während der letzten 1000 Jahre für weite Teile Deutschlands zu rekonstruieren. Ihre Ergebnisse haben sie in der renommierten Fachzeitschrift Quaternary Science Reviews publiziert.

Der Firstbalken aus einem alten Fachwerkhaus in Kassel beispielsweise muss im Jahr 1439 gefällt worden sein - dies ergab die Altersbestimmung mit Hilfe der Dendrochronologie. Dabei wird das Muster der Jahrringe mit bereits datierten Hölzern verglichen. "So können wir für jeden Balken auf das Jahr genau feststellen, wie alt er ist", beschreibt Büntgen das Vorgehen. Auch Klimainformationen, ob vergangene Sommer in Kassel feucht oder trocken waren, sind in dem Firstbalken enthalten. "Wenn es in einem Sommer eher feucht war, zeigen die Bäume ein generell gutes Wachstum und breitere Jahrringe", so Esper. Aber für eine verlässliche Aussage, wie das Klima 1439 in Kassel tatsächlich gewesen ist, reicht ein Balken alleine nicht aus. Dazu ist eine Vielzahl von Holzproben nötig.

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 953 unterschiedliche Eichenhölzer untersucht, teils von lebenden Bäumen für die jüngere Vergangenheit, teils von altem Bauholz aus Fachwerkhäusern, Schlössern und Kirchen für die letzten rund 1000 Jahre. Alle Proben stammen von Nordhessen und Südniedersachsen, die lebenden Hölzer aus der Region Nationalpark Kellerwald-Edersee. "Die Eichen reagieren hier besonders sensitiv auf Klimaveränderungen", erklärt Büntgen die Standortauswahl. Die älteste Holzprobe, welche in der vorliegenden Studie berücksichtigt wurde, datiert bis ins Jahr 996 n. Chr. zurück, eine Zeit, als sich gerade das Heilige Römische Reich deutscher Nation auszubilden begann. 135.000 einzelne Jahrringbreiten-Messungen ergeben ein detailliertes Bild der deutschen Niederschlagsgeschichte und spiegeln wichtige Etappen vom Mittelalterlichen Klimaoptimum (feucht-warm) über die Kleine Eiszeit (trocken-kalt) bis zur Industriellen Erwärmung (trocken-warm) wider.

Sommerniederschlag zwischen 1350 und 1370 erhöht

Zwei markante Feuchtperioden im 13. und 14. Jahrhundert kennzeichnen das späte Mittelalter in Zentraleuropa, unterbrochen von trockenem Sommerwetter zwischen etwa 1300 und 1340. "Auffallend ist der erhöhte Sommerniederschlag zwischen 1350 und 1370, also genau zu der Zeit, als die Pest ausgebrochen ist und sich über den ganzen europäischen Kontinent verbreitet hat", konstatiert Büntgen. Es folgt eine generell trockenere Phase vom späten 15. Jahrhundert bis ins frühe 18. Jahrhundert. Feuchte Sommer sind nochmals zu Beginn und Ende des 18. Jahrhunderts nachgewiesen und werden dann von einem tendenziell trockeneren Klima während der letzten 200 Jahre abgelöst.

"Wir denken, dass unsere Ergebnisse auch für die Geschichtswissenschaft hilfreich sind, wenn es darum geht, Trockenheit mit Hungersnöten und vielleicht sogar Völkerwanderungen in Verbindung zu bringen", sind sich die Klimaforscher Büntgen und Esper einig. Die Wissenschaftler hoffen, dass interdisziplinäre Forschungsprojekte zwischen Natur- und Sozialwissenschaften künftig weitere Erkenntnisse über den Zusammenhang von klimatischen und gesellschaftlichen Prozessen liefern. Sie selbst werden der mittelalterlichen Pestepidemie, dem Schwarzen Tod, in weiteren Untersuchungen nachgehen.

Originalpublikation:
Büntgen U, Trouet V, Frank D, Leuschner HH, Friedrichs D, Luterbacher J, Esper J (2010) Tree-ring indicators of German summer drought over the last millennium. Quaternary Science Reviews, doi:10.1016/j.quascirev.2010.01.003
Kontakt und Informationen:
Dr. Ulf Büntgen
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Tel. +41 44 7392-679 oder 7392-111
E-Mail: ulf.buentgen@wsl.ch
Univ.-Prof. Dr. Jan Esper
Geographisches Institut
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel.: +49 6131 39-22296
E-Mail: j.esper@geo.uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.wsl.ch/
http://www.geo.uni-mainz.de/esper/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

6. Internationale Fachkonferenz „InnoTesting“ am 23. und 24. Februar 2017 in Wildau

22.02.2017 | Veranstaltungen

Wunderwelt der Mikroben

22.02.2017 | Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt

22.02.2017 | Medizin Gesundheit

Möglicher Zell-Therapieansatz gegen Zytomegalie

22.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Meeresforschung in Echtzeit verfolgen

22.02.2017 | Geowissenschaften