Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Seltener Weizenfund in bronzezeitlicher Lunch-Box aus dem Schweizer Hochgebirge

26.07.2017

In einem rund 4000 Jahre alten Holzbehälter, der 2012 in den Berner Alpen gefunden wurde, hat eine Forscherin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam Überreste früher Weizensorten aus der Bronzezeit entdeckt. Der Fund ist aus zwei Gründen bedeutend: Zum einen gab es bisher kaum Anhaltspunkte, wie Getreide in dieser Zeit genutzt und verbreitet wurde. Zum anderen haben die Wissenschaftler bei der Untersuchung einen neuen Weg gefunden, Getreide mithilfe eines Biomarkers nachzuweisen. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Forschung.

Schmelzende Gletscher geben immer öfter Funde aus vergangenen Zeiten preis. Nicht immer sind sie so aufsehenerregend wie „Ötzi“, die Gletschermumie aus der späten Jungsteinzeit, die Wanderer 1991 in den Ötztaler Alpen fanden. Aber auch weniger spektakuläre Entdeckungen aus leicht vergängliche Materialien wie Stoffen, Leder, Holz und anderen pflanzlichen Überresten, die im Eis Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauern, eröffnen Archäologen neue Perspektiven auf die Vergangenheit.


In den Schweizer Alpen wurde 2012 ein rund 2000 Jahre altes Holzgefäß mit Anhaftungen früher Getreidesorten gefunden.

Rolf Wenger, Marcel Cornelissen and Badri Redha (Archaeological Service of the Canton of Bern)


Das Holzgefäß an seinem Fundort in den Schweizer Alpen nahe des Lötschenpasses.

Rolf Wenger, Marcel Cornelissen and Badri Redha (Archaeological Service of the Canton of Bern)

Eine Dose aus der Bronzezeit

2012 gab das Eis nahe dem Lötschenpass, auf 2690 Metern Höhe in den Berner Alpen gelegen, ein außergewöhnliches Holzgefäß frei. Die runde Dose misst etwa 20 Zentimeter im Durchmesser. Der Boden besteht aus Zirbenholz, der gebogene Rand ist aus Weidenholz gefertigt, beides wurde mit einer Naht aus gespleißten Lärchenzweigen verbunden. Eine Radiokarbondatierung ergab, dass das Gefäß rund 4000 Jahre alt ist, also aus der frühen Bronzezeit stammt.

Besonders interessant waren für das Forschungsteam unter Beteiligung von Jessica Hendy vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Spuren, die sich auf der Oberseite der Dose fanden: Schon mit dem Mikroskop ließen sich dort Reste von Gerste sowie der frühen Weizenarten Dinkel und Emmer entdecken, einschließlich Samenschalen und Spreu. Aus Höhlen kennt man vielfach Getreidefunde aus der Bronzezeit. Gefäße, die Körner oder deren Überreste enthalten, waren jedoch bisher nicht bekannt. Für die Forschung sind sie von speziellem Interesse, denn sie geben Hinweise darauf, wie das Getreide damals verwendet wurde.

Händler, Hirten oder Jäger?

Die Wissenschaftler können nur mutmaßen, welche Geschichte sich hinter der Box vom Lötschenpass verbirgt. Man weiß, dass einige Alpentäler in der Gegend während der Bronzezeit besiedelt waren. In Gräbern im benachbarten Wallis hat man sogar Hinweise gefunden, dass die Menschen dort Waren von nördlich und südlich der Alpen importierten. Das Gefäß könnte ein Indiz dafür sein, dass der Lötschenpass damals als Übergang vom Berner Oberland ins Wallis diente. Möglicherweise war der Pass Teil einer Handelsroute zwischen den Regionen. Andere Erklärungen für den Fund wären, dass die Menschen schon damals Weidevieh in höhere Lagen trieben oder dass sie zum Jagen ins Hochgebirge wanderten.

„Auf jeden Fall wirft die Entdeckung neues Licht auf das Leben in den prähistorischen Gemeinschaften innerhalb der Alpenregion und auf den Umgang der Menschen mit den extremen Höhenverhältnissen“, sagt Francesco Carrer von der Universität Newcastle. „Die Leute haben auf ihrem Weg über die Berge Proviant mitgenommen, wie heutige Wanderer auch. Unsere Forschung trägt dazu bei, zu verstehen, welche Lebensmittel sie dafür nutzten.“

Substanzen wie in heutigen Vollkornprodukten

Eigentlich vermuteten die Wissenschaftler in dem Gefäß Überreste von Milch, zum Beispiel von Milchbrei. Daher unterzogen sie den Fund zusätzlich einer molekularen Analyse. Milchbestandteile fanden sie nicht, stattdessen aber sogenannte Alkylresorcine, wie sie in heutigen Vollkornprodukten vorkommen. „Von keinem archäologischen Fundstück wurde bisher über diese Stoffe berichtet“, erklärt André Colonese von der University of York, Hauptautor der Studie. „Aber es ist bekannt, dass sie in Weizen- und Roggenkleie reichlich vorhanden sind. Biomarker für Pflanzen gibt es sehr wenige, und sie bleiben auf historischen Fundstücken meist nur schlecht erhalten. Deswegen ist die Studie für uns so spannend.“

Die neue Methode eröffnet die Chance herauszufinden, wie die Menschen der Bronzezeit Getreide tatsächlich verwendeten. Als nächsten Schritt planen die Wissenschaftler, auf Überresten alter Keramikgefäße nach Alkylresorcinen zu suchen. „Der molekulare Marker für Getreide hilft uns auch, die Anfänge des Ackerbaus zu erforschen“, sagt Jessica Hendy vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. „Damit können wir Hinweise sammeln, wann und auf welchen Wegen sich Weizen, eine unserer wichtigsten Nutzpflanzen, in Europa verbreitet hat.“

Die Untersuchung der bronzezeitlichen Box war ein Kooperationsprojekt der Universität von York, des Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, des Archäologischen Dienstes des Kanton Bern, sowie der Universitäten Basel, Kopenhagen, Newcastle und Oxford. (MEZ)

Publikation

Andre Carlo Colonese, Jessica Hendy, Alexandre Lucquin, Camilla F. Speller, Matthew J. Collins, Francesco Carrer, Regula Gubler, Marlu Kühn, Roman Fischer, Oliver E. Craig: New criteria for the molecular identification of cereal grains associated with archaeological artefacts. Scientific Reports, DOI: 10.1038/s41598-017-06390-x

Informationen

Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte
Dr. Jessica Hendy
Kahlaische Str. 10
07745 Jena
Email: hendy@shh.mpg.de

Petra Mader | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History
Weitere Informationen:
http://www.shh.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Der Januskopf des südasiatischen Monsuns
15.06.2018 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Was das Eis der West-Antarktis vor 10.000 Jahren gerettet hat, wird ihr heute nicht helfen
14.06.2018 | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Im Focus: Overdosing on Calcium

Nano crystals impact stem cell fate during bone formation

Scientists from the University of Freiburg and the University of Basel identified a master regulator for bone regeneration. Prasad Shastri, Professor of...

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Hengstberger-Symposium zur Sternentstehung

19.06.2018 | Veranstaltungen

LymphomKompetenz KOMPAKT: Neues vom EHA2018

19.06.2018 | Veranstaltungen

Simulierter Eingriff am virtuellen Herzen

18.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rätselhaftes IceCube-Ereignis könnte von Tau-Neutrino stammen

19.06.2018 | Physik Astronomie

Automatisierung und Produktionstechnik – Wandlungsfähig – Präzise – Digital

19.06.2018 | Messenachrichten

Überdosis Calcium

19.06.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics