Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schutz für brasilianische Feuchtgebiete

09.09.2015

Eine Studie, an der Max-Planck-Forscher mitwirkten, schafft die Basis für neue Schutzregeln

Forschungsergebnisse von Max-Planck-Wissenschaftlern schaffen die Basis für neue Umweltschutzgesetze in Brasilien. Das dortige Umweltministerium hat Vorschläge für neue Bestimmungen ausgearbeitet, um die empfindlichen Ökosysteme der ausgedehnten Feuchtgebiete in der Amazonasregion, im Pantanal und an den Küsten zu erhalten. Die beabsichtigten Schutzmaßnahmen für die ökologisch und ökonomisch sehr bedeutenden Gebiete beruhen auf der Definition und Klassifizierung aus einer Studie, an der Forscher des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz beteiligt waren.


Die Feuchtgebiete Brasiliens wie hier am Amazonas könnten künftig besser geschützt werden. Das dortige Umweltministerium möchte neue Regeln durchsetzen, um die Ökosysteme zu bewahren. Die Vorschläge basieren unter anderem auf einer Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für Chemie.

© MPI für Biogeochemie - Jan Muhr

Feuchtgebiete gehören zu den fragilsten Ökosystemen der Erde. In vielen Ländern werden sie durch Abholzung, Grundwasserabsenkung und den Klimawandel bedroht. „In Brasilien wird die Bedeutung von Feuchtgebieten, die etwa 20 Prozent der Landfläche ausmachen, zwar für mehr und mehr Menschen offenkundig“, sagt Florian Wittmann, der in einer Forschungsstation im brasilianischen Manaus forscht und an der Studie zu den brasilianischen Feuchtgebiete mitgewirkt hat:

Sie dienen als Trinkwasserspeicher, schützen vor Überschwemmungen, regulieren das regionale Klima, dienen als Fischgründe, und sind durch ihren Reichtum an Tier- und Pflanzenarten als genetische Ressourcen sehr attraktiv. „Dennoch werden Jahr für Jahr viele Hektar der Ökosysteme durch Abholzung und Verschmutzung geschädigt oder gar zerstört, weil sich daraus ein kurzfristiger Profit schlagen lässt.“ Das führe dann zu extremen Trockenheiten einerseits und extremen Überschwemmungen andererseits, wie es die bevölkerungsreichen Großstädte im Süden und Südosten Brasiliens in jüngster Zeit immer wieder erlebt haben.

Um dem Schwinden der Feuchtgebiete entgegenzuwirken, stößt das brasilianische Umweltministerium derzeit neue Regelungen an, mit denen es die Feuchtgebiete des Landes schützen möchte. Die vor kurzem veröffentlichten Empfehlungen des Ministeriums sollen die Grundlage für neue Gesetze bilden. Diese Empfehlungen basieren maßgeblich auf einer wissenschaftlichen Studie, an der Florian Wittmann vom Max-Planck-Institut für Chemie mitwirkte.

Der maximale Hochwasserstand markiert die Grenze eines Feuchtgebietes

Das Forscherteam definierte zum einen, was Feuchtgebiete sind. „Bisher gibt es in Brasilien keine einheitlichen Kriterien, Feuchtgebiete als solche festzulegen. Daher gelten auch keine verbindlichen Schutzbestimmungen.“ Florian Wittmann hält in der Definition der aktuellen Studie den Passus für besonders wichtig, in dem die Grenzen von Feuchtgebieten beschrieben werden, vor allem solcher, in denen der Wasserstand wie im Amazonasgebiet regelmäßig stark schwankt. Demnach markiert dort der höchste Pegel den Rand des Ökosystems. Die vom Umweltministerium vorgeschlagenen Schutzbestimmungen sollen für entsprechend große Gebiete gelten.

Würden die Vorschläge tatsächlich in Gesetzen umgesetzt, machte die brasilianische Regierung rückgängig, was sie erst 2012 auf Druck der Agrarindustrie beschlossen hatte. Damals verlegte sie die Grenze von Feuchtgebieten vom maximalen auf den mittleren Hochwasserstand. Das klingt vielleicht nach einer Detailfrage, weicht die Schutzregeln aber massiv auf. Denn damit wurde die Grenze von Feuchtgebieten am Amazonas deutlich flusswärts verschoben, was die geschützte Fläche um bis zu 50 Prozent reduzierte. Im besten Fall würde das wieder zurück gedreht.

In ihrer Studie klassifizieren die Forscher die Ökosysteme zudem. Sie unterscheiden dabei nicht nur zwischen Feuchtgebieten an den Küsten, im Inland und künstlichen angelegten Feuchtgebieten, sondern verfeinern die Einteilung der Flächen auch anhand von geologischen, hydrochemischen, hydrographischen und botanischen Eigenschaften. So charakterisiert die Grasart Cyperus giganteus beispielsweise einige Sümpfe mit relativ stabilem Wasserstand. In den zumeist bewaldeten Weißwassergebieten des Amazonas, in denen der hohe Anteil an Schwebstoffen das nährstoffreiche Wasser hellbraun färbt, schwankt der Wasserstand dagegen um zehn Meter und mehr. „An den unterschiedlichen Eigenschaften muss sich auch der jeweilige Schutz der Gebiete orientieren“, sagt Florian Wittmann.

Die Interessen der Agrarindustrie stehen dem Schutz entgegen

Der Geograf hofft, dass die Empfehlungen zügig in eine nachhaltige Gesetzgebung umgesetzt werden. „Es ist einer der wenigen Momente, in der man die Politik beeinflussen kann“, sagt der Max-Planck-Forscher stolz. Das Bewusstsein für die ökologische und ökonomische Bedeutung der Feuchtgebiete wachse in Brasilien. „Ich bin daher zuversichtlich, dass die neuen Gesetze kommen werden“, sagt Wittmann. Wann das der Fall sein wird, lasse sich aber kaum abschätzen. Denn das Verfahren könne sich noch hinziehen, weil die Interessen der Agrarindustrie, die eine mächtige Lobby in der Politik besitzt, einer Ausweitung des Schutzes entgegenstehen.

Plantagenbesitzer und Viehzüchter sind auch mitverantwortlich, dass der Umwelt- und Naturschutz in jüngerer Vergangenheit immer wieder beschnitten wurde. Seit Jahren beobachtet Florian Wittmann, der in den Überschwemmungswäldern des Amazonas forscht, Verschlechterungen in den Feuchtgebieten. So erlaubt es die Gesetzesnovelle aus dem Jahr 2012, bisher geschützte Feuchtgebiete in landwirtschaftliche Nutzflächen umzuwandeln. Und genau das geschieht auch vielerorts. Viele Pflanzenarten seien zudem an den jahreszeitlichen Wechsel der Wasserstände angepasst. „Die zahlreichen Staudämme im Amazonasgebiet führen dazu, dass das natürliche Flutverhalten der Flüsse verändert wird“, erklärt der Forscher. „Dadurch werden für den Nährstoffhaushalt wichtige Schwebstoffe im Wasser zurückgehalten, wodurch wiederum viele Pflanzen- und Tierarten verschwinden.“

Die jetzigen Schutzbemühungen werden durch die Vereinten Nationen begünstigt, die Anfang Juni 2015 in Uruguay zur weltweiten Bestandsaufnahme von Feuchtgebieten mit internationaler Bedeutung tagte. Brasilien unterzeichnete die zugrunde liegende Ramsar-Konvention zum Schutz und der nachhaltigen Nutzung von Feuchtgebieten bereits 1993. Unter den 158 Staaten, die die Verpflichtung bisher unterschrieben haben, ist auch Deutschland.


Ansprechpartner

Dr. Florian Wittmann
c/o INPA, Manaus, Brasilien

Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz
Telefon: +55 92 3642-1503

E-Mail: f.wittmann@mpic.de


Dr. Susanne Benner
Press and Public Relations

Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz
Telefon: +49 6131 305-3000

Fax: +49 6131 305-3009

E-Mail: susanne.benner@mpic.de


Originalpublikation
W. J. Junk, M. T. F. Piedade, R. Lourival, F. Wittmann, P. Kandus, L. D. Lacerda, R. L. Bozelli, F. A. Esteves, C. Nunes da Cunha, L. Maltchik, J. Schöngart, Y. Schaeffer-Novelli und A. A. Agostinho

Brazilian wetlands: their definition, delineation, and classification for research, sustainable management, and protection

Aquatic Conservation: Marine and Freshwater Ecosystems, online veröffentlicht am 15. August 2013

Dr. Florian Wittmann | Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur
22.06.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

nachricht Ursuppe in Dosen
21.06.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie