Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Satellitentrio zur Erforschung des Erdmagnetfeldes

22.11.2013
SWARM-Satelliten mit Bilderbuchstart ins All gebracht

Im dichten Nebel hob eine russische Rockot-Rakete am 22.11.2013 pünktlich um 13 Uhr 02 Minuten und 15 Sekunden Mitteleuropäischer Zeit vom Kosmodrom Plesetsk ab. In der Spitze der Rakete: drei baugleiche Satelliten zur Messung des Erdmagnetfelds.


SWARM-Konstellation (Abbildung: ESA/AOES Medialab)

Nach gut anderthalb Stunden, um 14:37:48 MEZ konnte Erfolg gemeldet werden: alle drei Satelliten trennten sich problemlos von der Trägerrakete und es konnte über die Bodenstationen Kiruna (Schweden) und Longyearbyen/Spitzbergen (Norwegen) Funkkontakt mit ihnen aufgenommen werden. Wissenschaftler des GFZ und geladene Gäste beobachteten per Fernübertragung den Start der Mission mit dem Namen SWARM von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Darmstadt.

Anlässlich des gelungenen Starts sagte Professor Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung: „Wir freuen uns sehr, dass diese europäische Mission so gut gestartet ist. Das Magnetfeld der Erde ist unser Schutzschild vor der kosmischen Teilchenstrahlung. Es unterliegt aber natürlichen Schwankungen, sei es aus dem Erdinneren, sei es durch Ausbrüche auf der Sonne. Seine Funktion besser zu erforschen und das Weltraumwetter genauer zu erfassen, ermöglicht uns Rückschlüsse für das Leben auf unserem Planeten.“

Professor Reinhard Hüttl, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ, wies auf eine Potsdamer Erfolgsstory hin: „Die drei Satelliten sind direkte Entwicklungen aus der CHAMP-Mission des GFZ, die im Jahre 2000 gestartet wurde. CHAMP mit seinen Nachfolgern GRACE und SWARM erweist sich so als Gründervater einer ganzen Generation von Satelliten und weltraumgestützten Messverfahren.“

Ein Trio für’s Magnetfeld

SWARM ist eine Mission der ESA im Rahmen ihres „Living Planet“-Programms. „Der Satellitenschwarm - daher der Name - soll für mindestens vier Jahre aus dem All das Erdmagnetfeld mit bisher unerreichter Präzision vermessen,“ führt Professor Hüttl weiter aus. Dafür fliegen die drei Satelliten in optimierter Formation: zwei Satelliten (SWARM-A, SWARM-B) fliegen in 450 Kilometern Höhe mit 150 Kilometern Abstand nebeneinander her, der dritte (SWARM-C) steigt auf 530 Kilometer Höhe in eine höhere Umlaufbahn. Der Grund für diesen komplizierten Formationsflug liegt im Magnetfeld selbst: dieses wird erzeugt durch die Strömung elektrisch leitenden, flüssigen Eisens im äußeren Erdkern, 2900 Kilometer unter unseren Füßen.

Es wird beeinflusst durch die Leitfähigkeit und die Dynamik des darüber liegenden Erdmantels (bis rund 40 Kilometer unter der Erdoberfläche). Schließlich tragen noch die magnetisierten Gesteine der Erdkruste zum Erdmagnetfeld bei. Hinzu kommt, dass auch die Sonne und Ströme im erdnahen Weltraum von außen das Erdmagnetfeld beeinflussen. Will man diese einzelnen Bestandteile untersuchen, muss man dafür das vom Satelliten gemessene Gesamtsignal des Magnetfeldes in die einzelnen Bestandteile auftrennen.

„Das tiefer fliegende SWARM-Paar kann durch seinen Abstand von 150 Kilometern mit einem Stereo-Blick auf das Magnetfeld der Erdkruste schauen“, erläutert Professor Hermann Lühr, einer der drei Principle Investigators der Mission, Mitglied in der SWARM Mission Advisory Group und Leiter des SWARM-Projektbüros am GFZ. „So können wir diesen Bestandteil mit sehr hoher Genauigkeit analysieren.“ Der dritte, obere SWARM-Satellit kann wiederum die nach oben hin abnehmende Stärke des Magnetfeldes genauer bestimmen, zudem fliegt dieser Satellit in einem über die Zeit immer stärker zunehmenden Winkel zur Bahn des unteren Paars. Die Gesamtmessung wird ein Bild des Erdmagnetfeldes in einer bisher noch nie erreichten Präzision geben.

Quasi als Nebeneffekt ergibt sich die Möglichkeit, das Weltraumwetter genauer zu beobachten. Darunter versteht man durch Ausbrüche unserer Sonne, aber auch entfernter Sterne erzeugte magnetische Stürme, die unsere technische Zivilisation stören oder gar lahmlegen können. So erzeugte ein starker Sonnensturm im Jahr 1989 einen Zusammenbruch der Stromversorgung in Kanada.

Die Rolle des GFZ in der SWARM-Mission

Die Erforschung des Erdmagnetfeldes gehört zum Arbeitsprogramm des Deutschen GeoForschungsZentrums seit seiner Gründung. Zudem hat das GFZ durch seine eigenen Satellitenmissionen, insbesondere CHAMP und GRACE, Erfahrung mit Missionen dieser Art. Daher wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) das Swarm-Projektbüro am GFZ angesiedelt. Dieses Büro dient als Koordinierungsstelle und ist die Schnittstelle zur Nutzung der Swarm-Daten und –Datenprodukte. Es koordiniert in der Mission die deutschen Förderprogramme und die ESA-Ausschreibungen.

„Im Vorfeld dienten die aus der CHAMP- und GRACE-Mission gewonnenen Erfahrungen bei der technischen Unterstützung in Planung und Fertigung der Satelliten“, so Hermann Lühr (GFZ). „CHAMP war das Vorbild für die Swarm-Satellitenflotte.“ Das gilt auch für die Datenverarbeitung und Erstellung von höherwertigen Datenprodukten.

Hermann Lühr: „Die gewaltigen Mengen an Daten müssen aufbereitet, untersucht und zu konkreten Ergebnissen verdichtet werden. GFZ-Mitarbeiter mit Erfahrung aus den vorangegangenen Satellitenmissionen arbeiten im europäischen SCARF-Konsortium für die Erzeugung höherwertiger Datenprodukte, die zur unmittelbaren Nutzung geeignet sind.“ SCARF steht dabei für Satellite Constellation Application and Research Facility.

Zu den Satelliten

Die drei SWARM-Satelliten kosten zusammen rund 220 Millionen Euro, jeder einzelne wiegt 500 Kilogramm. In der Startrakete liegt ein vier Meter langer Messausleger eingeklappt auf dem Rücken des fünf Meter langen Satellitenkörpers. Dieser Messausleger wird einige Stunden nach dem Aussetzen der Satelliten, nachdem die Bordbetriebssysteme Stück für Stück angeschaltet wurden, ausgeklappt. Der Grund dafür ist, dass die Oberfläche der Satelliten mit Solarzellen zur Stromversorgung bestückt ist. Das durch den Strom erzeugte Magnetfeld würde aber die Messung stören, daher sind die Magnetfeld-Messgeräte auf dem Messausleger angebracht.

An der Spitze des Auslegers befindet sich das besonders empfindliche Gerät zur Messung der Magnetfeldstärke, in der Mitte des Auslegers die Sensoren zur Bestimmung der Richtung des Magnetfeldes. Hier sitzen auch die drei Sternsensoren, mit denen der Satellit seine Lage bestimmt und korrigiert.

Die drei Satelliten fliegen anfangs parallel auf einer Nord-Süd-Bahn mit etwa 88° Inklination. SWARM-C wird danach langsam mit 30° pro Jahr umgelenkt und fliegt dann in einem zunehmenden Winkel zur Umlaufbahn von SWARM-A und –B.

Bilder in druckfähiger Auflösung finden sich hier:
http://www.gfz-potsdam.de/medien-kommunikation/bildarchiv/gfz-satellitenmissionen/swarm/
Filme stehen zum Herunterladen unter:
ftp://ftp.gfz-potsdam.de/pub/incoming/PR/SWARM

Franz Ossing | GFZ Potsdam
Weitere Informationen:
http://www.gfz-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Neue Einblicke in das 2004 Sumatra-Erdbeben
14.11.2017 | Technische Universität München

nachricht Folgen des Klimawandels: Oder warum wird das Wasser unter Borkum überwacht?
14.11.2017 | Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte