Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Riesen-Eisberge auf Grund gelaufen

05.08.2014

Fund der bisher tiefsten Eisbergkratzer liefert neue Erkenntnisse über die eiszeitliche Vergangenheit der Arktis

Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), haben auf dem Meeresboden zwischen Grönland und Spitzbergen Kratzspuren gigantischer Eisberge entdeckt.


Bathymetrische Darstellung der Kratzspuren auf dem Hovgaard Rücken

Diese Karten geben einen Überblick, wo die fünf Eisbergkratzer gefunden worden. Abbildung (a) zeigt eine bathymetrische Karte der Framstraße, basierend auf der International Bathymetric Chart of the Arctic Ocean (IBCAO) 3.0 [Jakobsson et al., 2012]. Abbildung (b) ist ein Blick auf den Hovgaard Rücken, dargestellt mithilfe der bathymetrischen Daten, die während der Polarstern-Expedition ARK-VII/3a gesammelt wurden. Die Eisbergkratzer werden hier durch die schwarz-gestrichelten Linien angedeutet. Abbildung (c) zeigt den Hovgaard Rücken und die Kratzer in dreidimensionaler Darstellung. Quelle: Alfred-Wegener-Institut


Polarsterns Fächersonarsystem

Polarsterns Fächersonarsystem (Infografik: Alfred-Wegener-Institut)

Die fünf Furchen in einer Tiefe von 1200 Metern sind die tiefsten Eisbergkratzer, die bisher auf dem arktischen Meeresboden gefunden wurden. Der Fund liefert neue Hinweise zur eiszeitlichen Dynamik und Ausprägung des arktischen Eisschildes vor Tausenden Jahren. Außerdem konnten die Forscher Rückschlüsse auf den Süßwasserexport aus der Arktis in den Nordatlantik ziehen.

Ihre Ergebnisse haben die AWI-Wissenschaftler im Online-Portal des Fachmagazins Geophysical Research Letters veröffentlicht.

„Wenn Eisberge auf Grund laufen, hinterlassen sie auf dem Meeresboden Furchen, die je nach Ausdehnung und Lage über lange Zeiträume bestehen bleiben können“, erklärt Jan Erik Arndt, AWI-Bathymetriker und Erstautor des Papers.

Genau solche Spuren hat er gemeinsam mit drei AWI-Kollegen auf dem Hovgaard Rücken entdeckt. Der Hovgaard Rücken ist ein Plateau in der arktischen Tiefsee, gut 400 Kilometer vor Grönlands Ostküste gelegen. In einer Tiefe von 1200 Metern erstrecken sich hier die tiefsten Kratzspuren von Eisbergen, die bisher in der Arktis gefunden wurden. Die Furchen sind bis zu vier Kilometer lang und 15 Meter tief. „Solche Spuren erlauben uns einen Blick in die Vergangenheit. Dank dieser Eisbergkratzer wissen wir jetzt, dass über den Hovgaard Rücken früher einige sehr große und auch viele kleinere Eisberge getrieben sind“, sagt der Wissenschaftler.

Die Entdeckung der Kratzer am Hovgaard Rücken war ein Glücksfall und keineswegs das Ergebnis einer gezielten Suchaktion. Jan Erik Arndt und seine Kollegen stießen in bathymetrischen Daten aus dem Jahr 1990 auf die Kratzer. Die Daten hatte das Forschungsschiff Polarstern für eine Kartierung der Framstraße gesammelt. „Als wir uns die Daten aufs Neue detailliert angeschaut haben, sind uns die Furchen aufgefallen. Im Hinblick auf die Tiefe war uns dann schnell klar, dass wir da etwas Interessantes gefunden hatten“, sagt Jan Erik Arndt.

Die Wissenschaftler arbeiten heute mit besserer Computer-Hard- und Software als noch in den 1990er Jahren. Die neue Technik erlaubt einen genaueren Blick auf die alten Daten. Deshalb tauchten die Furchen erst jetzt, 24 Jahre nach dem Sammeln der Daten, auf den Monitoren der Wissenschaftler auf. 

Wann die Eisberge über den Hovgaard Rücken geschrappt sind, können die Wissenschaftler allerdings nur grob eingrenzen: Klar ist, dass es in den vergangenen 800 000 Jahren passiert sein muss. Weil der Meeresspiegel in den Eiszeiten gut 120 Meter tiefer lag als heute, reichten die Eisberge demnach mindestens 1080 Meter unter die Wasseroberfläche.

Da Eisberge in der Regel zu etwa einem Zehntel aus dem Wasser herausragen, schätzen die AWI-Wissenschaftler die Größe des Eisberges auf grob 1200 Meter – das ist drei Mal höher als der Berliner Fernsehturm. „Um solche Riesen-Eisberge zu produzieren, war der Eisschildrand im Arktischen Ozean somit stellenweise mindestens 1200 Meter dick“, so Jan Erik Arndt.

Heute suchen Wissenschaftler vergeblich nach solchen Mega-Eisbergen. „Die größten Eisberge finden wir derzeit in der Antarktis. Sie reichen allerdings maximal noch bis zu 700 Meter unter die Wasseroberfläche“, erklärt der Bathymetriker. Ein Rätsel bleibt zudem die Geburtsstätte der Riesen-Eisberge, welche die Kratzer am Hovgaard Rücken hinterlassen haben. Die AWI-Wissenschaftler halten zwei Gebiete vor der Nordküste Russlands für die wahrscheinlichsten Orte.

Die Forscher interessieren sich allerdings nicht nur wegen der Eisberggröße für die Kratzer: Die Spuren befeuern eine alte Fachdiskussion um die Frage, auf welche Weise in der Vergangenheit Süßwasser aus der Arktis in den Atlantischen Ozean transportiert wurde. Bisher nahmen einige Wissenschaftler an, dass vor allem dickes Meereis für die Süßwasserausfuhr aus der Arktis verantwortlich war. Die neu entdeckten Kratzspuren allerdings untermauern eine andere Hypothese. Demnach waren große Eisberge von Norden nach Süden durch die Framstraße getrieben und hatten große Mengen gefrorenes Süßwasser Richtung Süden in den Nordatlantik verfrachtet.

Zahlreiche Studien machen gerade die erhöhten Süßwassereinträge für ein Abstellen der nordatlantischen Tiefenwasserbildung am Ende der letzten Eiszeit verantwortlich. Als Folge versiegte der Golfstrom, was zu einer drastischen Abkühlung in Europa führte. Da die Strömung im Atlantik ein wichtiger Motor für den Antrieb des weltumspannenden Zirkulationssystems ist, waren die Auswirkungen global spürbar. „Dass Eisberge in dieser Größenordnung aus der Arktis getrieben sind, spricht eindeutig dafür, dass Eisberge eine gravierendere Rolle für die Süßwasserzufuhr hatten, als bisher angenommen“, so Jan Erik Arndt.

Hinweise für Redaktionen:
Der Fachartikel ist unter folgendem Titel in der Online-Ausgabe des Fachmagazins Geophysical Research Letters erschienen:
Jan Erik Arndt, Frank Niessen, Wilfried Jokat, Boris Dorschel: Deep water paleo-iceberg scouring on top of Hovgaard Ridge–Arctic Ocean, DOI: 10.1002/2014GL060267 (Link: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/2014GL060267/abstract)

Druckbare Bilder finden Sie auf unserer Homepage unter http://www.awi.de/de/aktuelles_und_presse/pressemitteilungen/.

Ihr wissenschaftlicher Ansprechpartner am Alfred-Wegener-Institut ist:
Jan Erik Arndt (Tel: 0471 4831-1369, E-Mail: Jan.Erik.Arndt(at)awi.de)

In der AWI-Pressestelle steht Ihnen Anne Kliem (Tel: 0471 4831-2006, E-Mail: medien(at)awi.de) für Rückfragen zur Verfügung.

Folgen Sie dem Alfred-Wegener-Institut auf Twitter (https://twitter.com/#!/AWI_de) und Facebook (http://www.facebook.com/AlfredWegenerInstitut) . So erhalten Sie alle aktuellen Nachrichten sowie Informationen zu kleinen Alltagsgeschichten aus dem Institutsleben.

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 18 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Ralf Röchert | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.awi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Tonmineral bewässert Erdmantel von innen
20.11.2017 | Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY

nachricht Neue Einblicke in das 2004 Sumatra-Erdbeben
14.11.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie