Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Im Ohr des Dinosauriers: Hörfähigkeit und Lebensweise des Dysalotosaurus

28.08.2012
Den Hirnschädel des Dinosauriers Dysalotosaurus lettowvorbecki aus den Ausstellungen des Museums für Naturkunde Berlin untersuchten mittels Computertomographie die dortigen Wissenschaftler Gabriela Sobral, Christy Hipsley und Johannes Müller.

Sie wollten herauszufinden, ob die Struktur des Innenohrs Hinweise auf die Hörfähigkeit und das Verhalten des Sauriers zu Lebzeiten geben kann. Die Ergebnisse deuten auf eine relativ gute Hörfähigkeit hin, vergleichbar mit denen heutiger Strauße und Reiher, welche auch gut geeignet war, um Fressfeinden zu entkommen.


Figur 1: Das Skelett des Dinosauriers Dysalotosaurus lettowvorbecki im Museum für Naturkunde Berlin. Copyright: Museum für Naturkunde Berlin


Figur 2: Die Knochen des Hirnschädels von Dysalotosaurus (links) und die mittels Computer-Tomographie rekonstruierten 3D-Bilder mit dem Verlauf des Innenohrs (in blau and violett). Copyright: Museum für Naturkunde Berlin

Die Studie wird am 28. August im Journal of Vertebrate Paleontology veröffentlicht.

Vor 100 Jahren führte das Museum für Naturkunde Berlin seine berühmten Dinosaurier-Grabungen in den mehr als 150 Millionen Jahre alten Jura-Schichten des Tendaguru-Bergs im heutigen Tansania durch. Unterstützt von zahlreichen afrikanischen Helfern fanden die Forscher vollständig erhaltene Skelette mehrer verschiedener Arten, darunter so populäre wie den riesigen Pflanzenfresser Brachiosaurus brancai.

Obwohl die Dinosaurier vom Tendaguru mittlerweile fast in jedem paläontologischen Lehrbuch zu finden sind und manche es sogar bis nach Hollywood schafften, wissen wir aber immer noch wenig über ihre Lebensweise. Insbesondere ihr Verhalten und ihre Sinnesleistungen, welche beide leider nicht versteinert erhalten bleiben, sind schlecht bekannt.

Um einen besseren Einblick in die jurassische Lebewelt des Tendaguru zu erhalten, wendeten die Forscher Gabriela Sobral, Christy Hipsley und Johannes Müller vom Museum für Naturkunde Berlin die Methode der Computertomographie an. Dieses bildgebende Verfahren ermöglicht es, sogar versteinerte Schädel wie die eines Dinosauriers mittels Röntgenstrahlen zu untersuchen und das Innere des Schädels in dreidimensionaler Form sichtbar zu machen. In ihrer Studie, welche am 28. August im Journal of Vertebrate Paleontology veröffentlicht wird, befassten sich Gabriela Sobral und ihre Kollegen mit dem Hirnschädel des vergleichsweise kleinen Tendaguru-Pflanzenfressers Dysalotosaurus lettowvorbecki. Das Team war insbesondere an der Frage interessiert, ob die Struktur des Innenohrs und der sogenannten Bogengänge Hinweise auf die Hörfähigkeit und das Verhalten von Dysalotosaurus geben können.

Die computertomographische Untersuchung ergab eine überraschende Mixtur aus ursprünglichen und modernen anatomischen Merkmalen im Innenohr von Dysalotosaurus. So enthält die für die Verbindung zum Trommelfell wichtige Seitenwand der Hirnkapsel statt einer einzigen Öffnung zwei Fenster. Ein solches Merkmal ist üblicherweise mit einer erhöhten Hörfähigkeit verbunden, da dadurch der Energieverlust bei der Schallübertragung verringert wird. Im Gegensatz dazu ist die sogenannte "Schnecke" des Innenohrs, eine flüssigkeitsgefüllte Röhre die auch beim Menschen vorhanden ist, vergleichsweise kurz, was auf eine nur schlecht ausgebildete Unterscheidungsfähigkeit zwischen hohen und niedrigen Frequenz-Tönen hindeutet.

"Wir haben das Hörspektrum und die durchschnittliche Hörfrequenz von Dysalotosaurus berechnet" sagt Gabriela Sobral, "und es ergab sich eine Position mehr oder weniger zwischen den Fähigkeiten moderner Krokodile und Vögel, den beiden nächsten lebenden Verwandten der Dinosaurier. Dysalotosaurus konnte in etwa so gut hören wie heutige Strauße und Reiher."

Ein weiteres Ergebnis der Studie war die Beobachtung, dass der seitliche der drei Bogengänge länger als die übrigen ist und relativ zur Position der Schnauze nach vorne abkippt. Die Ausrichtung der Bogengänge ist von großer Bedeutung für das Gleichgewicht und die Haltung eines Wirbeltiers. "Die relative Verlängerung des seitlichen Bogengangs deutet darauf hin, dass seitliche Bewegungen des Kopfes wesentlich wichtiger für Dysalotosaurus waren als den Kopf auf und ab zu bewegen oder hin und her zu schaukeln", sagt Sobral, "zudem ist die Kippung zur Schnauze hin ein Hinweis auf eine horizontale Kopfhaltung im Alarmzustand, ein typisches Merkmal von Tieren, die sich auf andere Sinne als die Sehfähigkeit verlassen."

Wie viele pflanzenfressende Säugetiere war wohl auch Dysalotosaurus ein bevorzugtes Beutetier seiner räuberischen Verwandten und benutzte seine verbesserte Hörfähigkeit, um seinen Fressfeinden zu entkommen. "Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Untersuchung unmöglich gewesen", sagt Sobral, "aber die Computertomographie hat völlig neue Möglichkeiten für die Paläontologie eröffnet."

Veröffentlichung: Sobral, G., Hipsley, C. A. & Müller, J. (2012): Braincase redescription of Dysalotosaurus lettowvorbecki (Dinosauria, Ornithopoda) based on Computed Tomography. – Journal of Vertebrate Paleontology, in press.

Kontakt:
Gabriela Sobral (erster Ansprechpartner); gabriela.sobral@mfn-berlin.de; Tel: +49 176 62453456

Prof. Dr. Johannes Müller; johannes.mueller@mfn-berlin.de; Tel: +49 173 3056244

Dr. Gesine Steiner, Öffentlichkeitsarbeit, Tel. +49(0)30 2093 8917 Fax. +49(0)30 2093 8914, e-mail gesine.steiner@mfn-berlin.de; www.naturkundemuseum-berlin.de

Dr. Gesine Steiner | idw
Weitere Informationen:
http://www.naturkundemuseum-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Neue Erkenntnisse zum Meeresspiegel-Anstieg
26.05.2017 | Universität Siegen

nachricht Polarstern ab heute unterwegs nach Spitzbergen, um Rolle der Wolken bei Erwärmung der Arktis zu untersuchen
24.05.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e.V. (TROPOS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften