Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Ökosystem im Meeresboden

21.08.2008
Aktueller Nature-Artikel zum Leben in den Tiefen des Meeresbodens

In der kommenden Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature (21. August) präsentiert ein bremisch-japanisches Forscherteam neue Erkenntnisse zum mikrobiellen Leben in den Tiefen des Meeresbodens. Demnach existieren dort - umgerechnet in Kohlenstoff - etwa 90 Milliarden Tonnen lebende Materie; zumeist in Form von Archaeen.

Das entspricht etwa der Biomasse aller tropischer Regenwälder weltweit! Die bremisch-japanische Studie wird von einem längeren Kommentar der Harvard-Professorin Ann Pearson in der gleichen Nature-Ausgabe flankiert. Die Geochemikerin ordnet das ihrer Meinung nach "faszinierende neue Bild vom Leben im Meeresboden" historisch ein und weist zugleich auf offene Fragen hin. Zum Beispiel erörtert sie, warum es so schwierig ist, mikrobielles Leben im tiefen Untergrund zu erfassen.

Seit der legendären Expedition des britischen Forschungsschiffs CHALLENGER vor gut 130 Jahren ist bekannt, dass Leben am Meeresboden existiert. Auf erste Anzeichen für mikrobielles Leben im Meeresboden stießen Wissenschaftler laut Prof. Pearson erst ab 1959. Danach dauerte es noch einmal 35 Jahre, ehe 1994 erstmals Mikroben in den Ablagerungen des pazifischen Ozeans beschrieben wurden. Damit war die Wissenschaft von der "tiefen Biosphäre" geboren, die seitdem einen rasanten Aufschwung genommen hat.

Die in der aktuellen Nature-Studie untersuchten Sedimentproben aus mehreren Hundert Metern Tiefe stammen aus dem Atlantik, dem Pazifik und dem Schwarzen Meer. Sie wurden u.a. im Rahmen des Integrierten Ozeanbohr-Programms IODP erbohrt. In der bereits kürzlich vorab online von Nature publizierten Arbeit legt das Team um Dr. Julius Lipp und Prof. Kai-Uwe Hinrichs dar, dass, anders als bislang angenommen, nicht Bakterien sondern Archaeen das Leben das Ökosystem der tiefen Biosphäre dominieren. "Vermutlich, weil sie besser mit den extremen Bedingungen dort - hoher Druck, kein Sauerstoff, geringes Nährstoffangebot - zurecht kommen", sagt Prof. Hinrichs.

Archaeen bilden neben Bakterien eine von drei Grundkategorien, in die Lebewesen eingeteilt werden. Unterschieden werden die drei Gruppen u.a. an Hand von fettartigen Zellwandbausteinen, den so genannten Lipiden, nach denen das Team in den Meeresablagerungen suchte.

Aktuelle Schätzungen, wie viel mikrobielle Biomasse weltweit im Meeresboden vorhanden ist, schwanken zwischen 60 und 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. "Auf der Grundlage unserer auf unabhängigen Messungen resultierenden Abschätzungen kommen wir auf rund 90 Milliarden Tonnen Kohlenstoff; ein Betrag, der genau in diesem Bereich liegt", sagt Prof. Kai-Uwe Hinrichs, Leiter der Arbeitsgruppe Organische Geochemie im Bremer Fachbereich Geowissenschaften und MARUM.

Harvard-Professorin Ann Pearson weist darauf hin, dass beinahe jeder Studie der noch jungen Wissenschaft von der tiefen Biosphäre unterschiedliche Methoden zugrunde liegen. Dies wirke sich auf die Befunde aus. So sei nicht immer klar definiert, welche Zellen als lebend oder nicht lebend gezählt werden sollten. Dies erkläre die höchst unterschiedlichen Mengenangaben von Archaeen und Bakterien wenigstens zum Teil.

Weil die Analysemethoden stark schwanken, hat Prof. Hinrichs ein internationales Ring-Experiment initiiert. Wissenschaftler in deutschen, europäischen, US-amerikanischen und japanischen Labors untersuchen derzeit einheitliches Probenmaterial aus dem Meeresboden mit unterschiedlichen Methoden. Zudem wollen sie herausfinden, ob gleiche Methoden in unterschiedlichen Labors möglicherweise zu abweichenden Ergebnissen führen. Ziel ist es, ein verlässlicheres Bild vom Leben in der tiefen Biosphäre zu gewinnen. Auf einem Workshop, der im kommenden September am Bremer MARUM stattfindet, werden die Befunde vorgestellt und diskutiert. "Damit bringen wir vermutlich ein bisschen mehr Licht in das Dunkel der tiefen Biosphäre", hofft Prof. Kai-Uwe Hinrichs.

Weitere Informationen/Interviewanfragen/Bildmaterial:
Yasmin Khalil
MARUM-Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 0421 - 218-65541
Email: ykhalil@marum.de
http://www.marum.de
Prof. Kai-Uwe Hinrichs
MARUM - Organische Geochemie
Tel. 0421 - 218-65700
Email: khinrichs@uni-bremen.de
Das MARUM entschlüsselt mit modernsten Methoden und eingebunden in internationale Projekte die Rolle des Ozeans im System Erde -
insbesondere im Hinblick auf den globalen Wandel.

Es erfasst die Wechselwirkungen zwischen geologischen und biologischen Prozessen im Meer und liefert Beiträge für eine nachhaltige Nutzung der Ozeane.

Das MARUM umfasst das DFG-Forschungszentrum und Exzellenzcluster "Der Ozean im System Erde".

Yasmin Khalil | idw
Weitere Informationen:
http://www.marum.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Nährstoffhaushalt einer neuentdeckten “Todeszone” im Indischen Ozean auf der Kippe
06.12.2016 | Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie

nachricht Wichtiger Prozess für Wolkenbildung aus Gasen entschlüsselt
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie