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Neuentdeckung am Meeresgrund

20.06.2014

AWI-Wissenschaftler benennen bislang unbekannte Unterwasserberge nach Nelson Mandela und einer Romanfigur aus „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“

Seit heute erscheinen auf den Seekarten des Südatlantiks und des Weddellmeers die Namen zweier zuvor unbekannter Unterwasserberge: „Madiba Seamount“ und „Nachtigaller Shoal“.

Madiba Seamount

Bathymetrische Abbildung des Madiba Seamounts

Grafik: Jan Erik Arndt / Alfred-Wegener-Institut

Nachtigaller Shoal

Bathymetrische Abbildung des Nachtigaller Shoal

Grafik: Jan Erik Arndt / Alfred-Wegener-Institut

Bei der Namenswahl folgte das Sub-Committee on Undersea Feature Names (SCUFN) auf seiner diesjährigen Tagung in Monaco den Vorschlägen von zwei Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Diese hatten die Berge vergangenes Jahr auf Polarstern-Expeditionen in die Antarktis entdeckt. Mit der Benennung ist nun ein weiteres Stück des Meeresbodens offiziell erschlossen worden.

„Bis heute sind weniger als zehn Prozent der Unterwasserlandschaften unserer Meere erkundet und mit einem Namen versehen worden. Wenn man abseits der normalen Seerouten fährt, kann man deshalb durchaus noch Neuentdeckungen machen“, sagt Jan Erik Arndt vom Alfred-Wegener-Institut.

Während einer Expedition in den südlichen Indischen Ozean hatte der Bathymetriker vergangenen November das Glück, einen bisher unbekannten Unterwasserberg zu entdecken. Auf seinem Weg von Kapstadt in das Südpolarmeer passierte der AWI-Forschungseisbrecher Polarstern die Spitze eines Unterwasserberges.

„Hätte das Fächerecholot nur den Rand des Berges gestreift, wäre er unter Umständen unentdeckt geblieben“, erzählt Jan Erik Arndt. Dabei hebt sich der Gipfel 1920 Meter über den Meeresboden und ist in seiner Höhe somit vergleichbar mit Bergen der Alpen – allerdings liegt sein höchster Punkt auch knapp 3500 Meter unter dem Meeresspiegel.

Um einen geeigneten Namen für den Unterwasserberg zu finden, stellte Jan Erik Arndt eine Box auf der Polarstern auf. Jeder Expeditionsteilnehmer konnte so anonym seinen Namensvorschlag einreichen. „Nelson Mandela ist in dem Zeitraum unserer Expedition verstorben und als sein Clan- und Spitzname, Madiba, als Vorschlag einging, waren wir uns schnell einig, ihn mit dieser Neuentdeckung zu ehren. Schließlich startete und endete unsere Expedition auch in Südafrika“, erklärt der Bathymetriker.

Bereits im Februar des vergangenen Jahres hatte Boris Dorschel, Leiter der Bathymetrie am Alfred-Wegener-Institut, auf einer Polarstern-Expedition in das antarktische Weddellmeer einen bis dahin unbekannten Unterwasserberg erkundet, der bis dicht unter die Meeresoberfläche reichte.

„An seiner flachsten Stelle lag der Berg nur 16 Meter unter dem Meeresspiegel und damit knapp fünf Meter unter dem Kiel der Polarstern. Wäre die Erhebung in einer Seekarte eingezeichnet gewesen, hätten wir diese Untiefe gemieden“, sagt Boris Dorschel. Umso wichtiger war es, die Neuentdeckung zu kartieren und zu benennen.

„Auf Grund der Eisbedeckung mussten wir während der Erkundung immer wieder den Kurs ändern. Dadurch ist eine Aufzeichnung entstanden, die mich an die Romanfigur Prof. Dr. Abdul Nachtigaller aus den 13½ Leben des Käpt’n Blaubär erinnert hat“, erzählt Boris Dorschel. Sehr schnell setzte sich deshalb der Arbeitstitel „Nachtigaller Hill“ durch. „Der Name erschien uns als sehr passend, da Prof. Dr. Nachtigaller sein Leben der Erforschung ungeklärter Mysterien widmet und dafür in die entlegensten Gebiete auf unserer Erde reist – vor allem an dunkle und lebensfeindliche Orte“, erklärte Boris Dorschel mit einem Augenzwinkern und reichte seinen Namensvorschlag ein.

Davor hatte er „Käpt’n Blaubär“-Autor Walter Moers allerdings kontaktiert. „Ich wollte sichergehen, dass er nichts dagegen hat, dass wir einen Seeberg in der Antarktis nach einer seiner Romanfiguren benennen wollen“, sagt der Bathymetriker. Zunächst hielt der Autor die Anfrage für einen Scherz. Von der Ernsthaftigkeit des Vorschlags überzeugt, gefiel dem Autor die Idee dann aber immer besser und er stimmte ihr zu. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass heutzutage noch ganze Berge unentdeckt sein können. Dass die Entdeckung im Dunkel antarktischer Gewässer stattgefunden hat, dürfte Nachtigaller, den zamonischen Pionier der Dunkelheitsforschung, besonders freuen“, sagt Walter Moers.

Beide Namensvorschläge, „Madiba Seamount“ und „Nachtigaller Hill“, legten die AWI-Wissenschaftler dem internationalen SCUFN-Komitee (Sub-Committee on Undersea Feature Names) zur Abstimmung vor. Das Komitee tagt einmal jährlich, um neuentdeckte geografische Strukturen am Meeresboden offiziell zu benennen. Vom 16. bis zum 20. Juni diskutieren die Mitglieder dieses Jahr in Monaco über 102 vorgeschlagene Namen. Besonderes Augenmerk legen die Mitglieder darauf, ob die Namensvorschläge angebracht sind und die Unterwasserstrukturen tatsächlich noch unbekannt und unbenannt sind. Auf diese Weise reduziert SCUFN möglichen Wildwuchs bei der Benennung von Strukturen am Meeresboden.

„In der Vergangenheit ist es häufiger vorgekommen, dass zwei Unterwasserberge denselben Namen tragen, oder dass ein Tiefseegraben zwei verschiedene Bezeichnungen hat. Vor allem in wissenschaftlichen Publikationen kann es verwirren, wenn zwei Studien über dieselbe Struktur sprechen, dies aber aufgrund der unterschiedlichen Benennungen nicht sofort klar wird“, erklärt Prof. Dr. Hans Werner Schenke, Geowissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut und SCUFN-Vorsitzender.

Schnell entschied sich das Komitee heute Vormittag für den Namensvorschlag Madiba Seamount und begrüßte dabei vor allem, dass mit der Wahl des Clannamen nicht nur Nelson Mandela selbst, sondern auch der Stamm geehrt wird. Für Diskussionen dagegen sorgte die terminologische Einordnung des Nachtigaller Hill als „Hill“. „Da dieser Unterwasserberg dicht unter der Meeresoberfläche liegt, haben wir uns entschieden, ihn als ‚Shoal’ einzuordnen. Also als eine Untiefe, die eine Gefahr für den Schiffsverkehr darstellt“, erklärt Prof. Dr. Hans Werner Schenke.

Damit reihen sich beide Unterwasserberge, „Madiba Seamount“ und „Nachtigaller Shoal“, in eine Liste von geografischen Bezeichnungen ein, die Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts auf ihren Forschungsreisen bereits geprägt haben, wie das „Polarstern-Plateau“ und den „Alfred-Wegener-Canyon“.

Glossar:

Bathymetrie: In der Bathymetrie vermessen Wissenschaftler die topografische Gestalt des Meeresbodens. Mit der Hilfe ihrer gewonnen Daten können beispielsweise Tiefenprofile für Seekarten erstellt werden.

Seamount: Als „Seamount“ bezeichnet man eine eindeutige Erhebung, die sich mehr als 1000 Meter von dem umliegenden Relief abhebt. Dabei sollte sie in alle Richtungen ungefähr dieselben Maße und Dimensionen haben.

Hill: Als „Hill“ bezeichnet man eine eindeutige Erhebung, die sich weniger als 1000 Meter von dem umliegenden Relief abhebt. Dabei fällt die Form in der Regel unregelmäßig aus.

Shoal: „Shoal“ bedeutet auf Englisch eine Untiefe. Spricht man bei einem Unterwasserberg von einem „Shoal“, dann bezeichnet man damit eine oberflächennahe Erhebung, die eine Gefahr für den Schiffsverkehr darstellen kann.

Hinweise für Redaktionen:
Eine animierte Unterwasserfahrt zum „Nachtigaller Shoal“ können Sie auf unserem YouTube-Kanal sehen unter http://www.youtube.com/watch?v=mp_QqiuqzGI&list=PLFCwd9Up8tvCVgBBy6a1vujbswDpATvBS.

Die Namen der Unterwasserberge erscheinen im SCUFN Gazetteer: http://www.ngdc.noaa.gov/gazetteer/

Gemeinsam mit Kollegen veröffentlicht Boris Dorschel die biologischen und geologischen Besonderheiten des Nachtigaller Shoals in einer wissenschaftlichen Studie. Sie erscheint in dem Fachmagazin Biogeosciences: http://www.biogeosciences-discuss.net/11/1631/2014/bgd-11-1631-2014.html

Ihr Ansprechpartner am Alfred-Wegener-Institut ist Boris Dorschel (Tel.: 0471/4831-1222, E-Mail: boris.dorschel(at)awi.de). Ihre Ansprechpartnerin in der AWI-Pressestelle ist Kristina Bär (Tel.: 0471/ 4831-2139; E-Mail: kbaer(at)awi.de).

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Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 18 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Weitere Informationen:

http://www.awi.de/de/aktuelles_und_presse/pressemitteilungen/

Ralf Röchert | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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