Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Hinweise auf hohes Erdbebenrisiko für Istanbul

13.07.2016

Die Beobachtung von Erdplattenbewegungen unter Wasser war bisher kaum möglich, da Satellitennavigation dort nicht funktioniert. Neuartige Vermessungs-Systeme, die auf Abstandsmessung per Schall basieren, sollen diese Forschungslücke schließen. Geophysiker des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel betreiben zusammen mit französischen Kollegen ein solches geodätisches Messnetz im Marmarameer. Jetzt veröffentlicht das Team erste Daten in der internationalen Fachzeitschrift Geophysical Research Letters. Sie bestätigen ein hohes Erdbebenrisiko für die Millionenstadt Istanbul.

Istanbul ist mit mehr als 14 Millionen Einwohnern nicht nur das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Türkei, sondern auch eine der größten Metropolregionen Europas. Unglücklicherweise steht die Stadt auf einem geologischen Pulverpass.


Entlang der Nordanatolischen Verwerfung schieben sich Anatolien und die Eurasische Erdplatte aneinander vorbei. Image reproduced from the GEBCO world map 2014, www.gebco.net


2014 setzen detsche und französische Wissenschaftler die Messgeräte im Marmarameer ab. Foto: Dietrich Lange, GEOMAR

Im Verlauf ihrer Geschichte richteten starke Erdbeben immer wieder schwere Zerstörungen an. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts herrscht in direkter Umgebung Istanbuls zwar relative Ruhe, doch verschiedene Anzeichen weisen darauf hin, dass die Gefahr eines starken Bebens wieder steigt.

Ein Team aus französischen, deutschen und türkischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat deshalb 2014 im Marmarameer ein neuartiges Vermessungsnetz aufgebaut, das die Bewegungen des Meeresbodens beobachtet. In der internationalen Fachzeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlicht das Team jetzt erste Ergebnisse der Messkampagne.

„Sie deuten darauf hin, dass sich große Spannungen im Untergrund aufbauen, die sich früher oder später in einem Erdbeben entladen werden“, sagt Prof. Dr. Heidrun Kopp vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, eine der Co-Autorinnen der Studie.

Der Grund für das hohe Erdbebenrisiko in Istanbul ist die Nordanatolische Verwerfung. Die Arabische Erdplatte drückt Anatolien nach Norden gegen die Eurasische Erdplatte. Anatolien weicht dabei aus und schiebt sich an der Eurasischen Platte entlang nach Westen. Die Störungszone erstreckt sich über 900 Kilometer von der Osttürkei bis in die Ägäis. Im Jahr 1999 fielen nur 75 Kilometer östlich von Istanbul rund um die Stadt Izmit 18.000 Menschen einem Erdbeben mit der Magnitude 7,6 zum Opfer.

„Wir können die Verhältnisse von Izmit aber nicht eins zu eins auf Istanbul übertragen. Einzelne Segmente der Störung können sich durchaus unterschiedlich verhalten. Um eine Gefahrenabschätzung für Istanbul treffen zu können, müssen wir wissen, ob die Platten in dem entsprechenden Segment einfach aneinander vorbei gleiten, oder ob sie sich verhaken und dabei Spannungen aufbauen“, erklärt der Geophysiker Dr. Dietrich Lange vom GEOMAR, ebenfalls Co-Autor der Studie.

Doch während die Bewegungen der Platten in Anatolien problemlos mit Satellitennavigationsgeräten auf wenige Millimeter genau vermessen werden können, funktioniert dieses System bei Istanbul nicht. Dort verläuft die Störung durch den Meeresboden des Marmarameers, also rund 800 Meter unter der Wasseroberfläche. Satellitennavigationsgeräte haben dort keinen Empfang.

Daher hat das französisch-deutsch-türkische Team im Jahr 2014 mit dem französischen Forschungsschiff POURQUOI PAS? nördlich und südlich der Störung neuartige Vermessungsgeräte auf dem Meeresboden installiert. Sie messen per Schall den Abstand zueinander und registrieren so, ob sich die Platten gegeneinander verschieben. Mit Hilfe des deutschen Forschungsschiffs POSEIDON wurden die ersten Daten später ausgelesen.

„Da es sich bei der marinen Geodäsie um ein ganz neues Verfahren handelt, mussten wir zunächst Verfahren entwickeln, die Rohdaten zu analysieren. Doch die bisherigen Ergebnisse zeigen übereinstimmend, dass sich die beiden Platten so gut wie gar nicht gegeneinander bewegen. Das heißt, die Spannungen im Untergrund bauen sich weiterhin auf“, betont Dr. Lange.

Jetzt warten die Beteiligten auf weitere Messdaten. Das Geodäsie-Netz bleibt noch bis 2019 am Boden des Marmarameers. „Je länger der Zeitraum, desto zuverlässiger die Aussagen, die wir treffen können“, sagt Professorin Kopp. Doch, so die Geophysikerin weiter, schon jetzt sei der erkennbare Trend belastbar: „Landgestützte Messungen und andere Messgeräte bestätigen die Daten unserer Geräte. Die Erdbebengefahr für Istanbul ist hoch.“

Originalarbeit:
Sakic, P., H. Piété, V. Ballu, J.-Y. Royer, H. Kopp, D. Lange, F. Petersen, S. Özeren, S. Ergintav, L. Geli, P. Henry and A. Deschamps (2016): No significant steady-state surface creep along the North Anatolian fault offshore Istanbul: results of 6 months of seafloor acoustic ranging. Geophysical Research Letters, http://dx.doi.org/10.1002/2016GL069600

Hintergrundinformationen:
An der Marinen Geodäsie im Marmarameer sind beteiligt das Domaines Océaniques Laboratory (Brest, Frankreich), das Laboratoire Littoral Environnement et Sociétes (La Rochelle, Frankreich), das Centre Européen de Recherche et d’Enseignement de Géosciences de l’Environnement (Aix en Provence, Frankreich), das Eurasian Institute of Earth Sciences of the Technical University of Istanbul (Türkei), das Kandilli Observatory and Earthquake Research Institute of University of Bogazici (Istanbul, Türkei) und das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Der Januskopf des südasiatischen Monsuns
15.06.2018 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Was das Eis der West-Antarktis vor 10.000 Jahren gerettet hat, wird ihr heute nicht helfen
14.06.2018 | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Im Focus: First real-time test of Li-Fi utilization for the industrial Internet of Things

The BMBF-funded OWICELLS project was successfully completed with a final presentation at the BMW plant in Munich. The presentation demonstrated a Li-Fi communication with a mobile robot, while the robot carried out usual production processes (welding, moving and testing parts) in a 5x5m² production cell. The robust, optical wireless transmission is based on spatial diversity; in other words, data is sent and received simultaneously by several LEDs and several photodiodes. The system can transmit data at more than 100 Mbit/s and five milliseconds latency.

Modern production technologies in the automobile industry must become more flexible in order to fulfil individual customer requirements.

Im Focus: ALMA entdeckt Trio von Baby-Planeten rund um neugeborenen Stern

Neuartige Technik, um die jüngsten Planeten in unserer Galaxis zu finden

Zwei unabhängige Astronomenteams haben mit ALMA überzeugende Belege dafür gefunden, dass sich drei junge Planeten im Orbit um den Säuglingsstern HD 163296...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz – Schafft der Mensch seine Arbeit ab?

15.06.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Asteroidenforschung in Garching

13.06.2018 | Veranstaltungen

Meteoriteneinschläge und Spektralfarben: HITS bei Explore Science 2018

11.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

EMAG auf der AMB: Hochproduktive Lösungen für die vernetzte Automotive-Produktion

15.06.2018 | Messenachrichten

AchemAsia 2019 in Shanghai

15.06.2018 | Messenachrichten

Dem Fettfinger zu Leibe rücken: Neuer Nanolack soll Antifingerprint-Oberflächen schaffen

15.06.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics