Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Erkenntnisse über Ozonzerstörung

11.03.2013
EU-Projekt RECONCILE: Klimawandel kann Erholung der Ozonschicht in der Arktis beeinflussen

Gute Nachricht für die Ozonschicht über der Arktis. Das Montrealer Protokoll zeigt Wirkung: Die Ozonschicht über dem Nordpol wird sich nach heutigem Ermessen bis Ende des Jahrhunderts erholt haben. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des EU-Projekts RECONCILE, das im Februar 2013 seine Arbeit abgeschlossen hat. Vier Jahre lang hatten Jülicher Wissenschaftler und ihre Kollegen von 35 Forschungseinrichtungen und Universitäten aus 14 Ländern den chemischen Prozess der Ozonzerstörung untersucht.


Starker Ozonverlust im kalten Polarwirbel über der Arktis am 2. April 2011. Viele der Prozesse, die in der polaren Stratosphäre zum Ozonabbau führen, sind stark temperaturabhängig. Daher beeinflusst der Klimawandel auch die Ozonschicht. Die linke Grafik zeigt die Ozonschicht, im lilafarbenen Bereich ist die Schicht am dünnsten. Die rechte Grafik zeigt die Temperatur, am kältesten ist es im lilafarbenen Bereich. Ozondaten: Ozone Monitoring Instrument; Temperaturdaten: European Centre for Medium-Range Weather Forecasts (ECMWF)
Quelle: Forschungszentrum Jülich/ Marc von Hobe

Ihre Forschungen haben noch einmal bestätigt, dass tatsächlich Chlorverbindungen dafür verantwortlich sind. Dank der neuen Erkenntnisse konnten die Wissenschaftler bestehende Klimamodelle verbessern. Dadurch lassen sich die künftige Entwicklung der Ozonschicht und die möglichen Folgen der Klimaveränderungen auf die Stratosphäre zuverlässiger vorhersagen.

"Auch wenn sich die Ozonschicht erholt, durch Klimaveränderungen können sich neue Rahmenbedingungen ergeben. Ein Grund mehr, den Ausstoß von Treibhausgasen deutlich zu reduzieren und so den Klimawandel zu stoppen", betont Umweltchemiker Dr. Marc von Hobe vom Forschungszentrum Jülich, das RECONCILE koordinierte. Der Klimawandel könnte die Temperatur, die Zirkulationsmuster und die Chemie der Stratosphäre verändern. Das beeinflusst auch die Ozonschicht, deren Dicke sich wiederum auf die Temperatur auswirkt. Auch mögliche Klimaschutzvorhaben könnten das Ozon negativ beeinflussen, etwa das sogenannte Geoengineering, bei dem mit technologischen Mitteln in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde eingegriffen wird.

Im Montrealer Protokoll von 1987 haben sich über 190 Staaten verpflichtet, die Emissionen von chlorhaltigen Chemikalien wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) zu reduzieren. Eine vor rund sechs Jahren erschienene Studie hatte die Rolle der FCKW und das Protokoll indirekt in Frage gestellt. "In dem Projekt konnten wir einige offene Fragen zur Entstehung von Ozonlöchern klären und nachweisen, dass neben der Zersetzung durch Chlor keine anderen Mechanismen eine entscheidende Rolle spielen", erklärt Marc von Hobe. Analysen von Luftproben, welche die Universität von East Anglia und die Universität Frankfurt im Rahmen des Projekts durchführten, ergaben eine sichtbare Abnahme beim stratosphärischen Chlor. Auch wenn der Abbauprozess langsamer abläuft als erwartet, rechnen die Wissenschaftler damit, dass sich die Ozonschicht bis Ende des Jahrhunderts erholen wird.

Dagegen spricht auch nicht, dass die Wissenschaftler Anfang 2011 die bisher ausgeprägteste Ozonzerstörung über dem Nordpol beobachtet haben. Der entscheidende Faktor vor zwei Jahren war ein ungewöhnlich langer arktischer Winter. Ozon wird nur unter sehr kalten Bedingungen abgebaut. Während der Polarnacht entsteht der sogenannte Polarwirbel, eine Art abgeschlossenes System mit sehr kalter Luft, zu dem keine wärmeren Luftmassen aus dem Süden vordringen können. In diesem Wirbel bilden sich bei Temperaturen unter minus 80 Grad Celsius Polare Stratosphärische Wolken (PSCs). An deren Oberfläche wird eine Kette von Chlorreaktionen in Gang gesetzt, wodurch letztendlich Ozon zerstört wird. Stickstoffverbindungen, die die Ozonzerstörung durch das Chlor stoppen könnten, werden in PSC-Partikeln gebunden und fallen aufgrund der Schwerkraft nach unten. Je länger die sehr kalten Bedingungen andauern, desto mehr Ozon wird zerstört. Erst wenn sich der Polarwirbel im Frühjahr aufgelöst hat, kann sich die Ozonschicht wieder erholen.

Bei der näheren Untersuchung der Prozesse erlebten die RECONCILE-Forscher einige Überraschungen. Jülicher Wissenschaftler stellten beispielsweise fest, dass die Oberflächenreaktionen auch an flüssigen Aerosolen – das sind Schwebeteilchen in der Luft – sehr effizient ablaufen können. "Wichtig für die Chlorchemie ist weniger die Bildung von PSCs als vielmehr die Temperatur. Theoretisch können die Reaktionen überall stattfinden, wo es kalt genug ist und entsprechende Chlorgase vorhanden sind", erklärt Tobias Wegner, der in Jülich über Aerosol-Partikel und Chlor-Aktivierung promoviert hat. Dennoch spielen die PSCs eine wichtige Rolle bei der Ozonzerstörung. Sie sorgen dafür, dass die Chlorreaktionen auch noch bis in den Frühling weitergehen können. „Die Resultate des Projekts haben unser Verständnis dieser Wolken komplett verändert. Wir wissen jetzt, dass sich PSCs sehr viel schneller und bei höheren Temperaturen bilden können“, berichtet Prof. Tom Peter von der ETH Zürich.

Davon unabhängig haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemie, der Universität Mainz und der Technischen Universität Darmstadt außerdem in den Luftproben eine unerwartet große Vielfalt an Teilchen gefunden. Diese sinken wahrscheinlich aus höheren Schichten der Stratosphäre in den Polarwirbel ab und enthalten unter anderem Metalle, Silikate oder Ruß. Woher diese Partikel stammen könnten, untersucht nun eine Mainzer Gruppe im Projekt "In-situ experiments on the chemical composition of high altitude aerosols and clouds in the tropical upper troposphere and lower stratosphere" (EXCATRO). Die EU fördert das Vorhaben mit einem ERC Advanced Grant.

Bei einem anderen Punkt können die Wissenschaftler zumindest Teilentwarnung geben: Nach dem Rekordwinter in der Arktis befürchteten einige einen drastischen Anstieg der UV-Strahlung auf der Nordhalbkugel. "Wir haben zwar erhöhte Werte festgestellt. Aber sie sind bei weitem nicht so hoch, dass eine deutlich größere Gefahr von Hautkrebs besteht", stellt Marc von Hobe klar.

Die Europäische Union hat RECONCILE von 2009 bis 2013 mit 3,5 Millionen Euro aus ihrem 7. Forschungsrahmenprogramm gefördert. Die Forscher haben zahlreiche Laborexperimente, Messungen vor Ort und Computersimulationen durchgeführt. Zu den Höhepunkten zählte die Messkampagne mit der "M55 Geophysica", einem ehemaligen russischen Spionageflugzeug. Die Maschine ist das einzige Forschungsflugzeug Europas, das in Höhen von bis zu 21 Kilometern vordringen kann. Zwischen Januar und März 2010 überflog die "Geophysica" 13-mal die Arktis und sammelte Proben und Daten. Ein wichtiger Teil der Erkenntnisse des Projekts beruhen auf der Analyse und Auswertung der Messdaten. Die Ergebnisse von RECONCILE werden demnächst in einem wissenschaftlichen Paper und einem Abschlussbericht zusammengefasst.

Weitere Informationen:

Infoseite des Jülicher Instituts für Energie- und Klimaforschung zu RECONCILE:
http://www.fz-juelich.de/iek/iek-7/DE/Forschung/Projekte/RECONCILE/reconcile_node.html

Film über die Messkampagne mit der „Geophysica“:
https://www.fp7-reconcile.eu/reconcilemedia.html

Homepage RECONCILE mit einem Blog über die Messkampagne mit der „Geophysica“:
https://www.fp7-reconcile.eu

Pressemitteilung „Messflüge in den arktischen Polarwirbel“ vom 14. Januar 2010:
http://www.fz-juelich.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/UK/DE/2010/indexd058_htm.html


Ansprechpartner:
Dr. Marc von Hobe
Institut für Energie- und Klimaforschung, Bereich Stratosphäre (IEK-7)
Tel. 02461 61-4620
E-Mail: m.von.hobe@fz-juelich.de

Pressekontakt:
Erhard Zeiss
Tel. 02461 61-1841
E-Mail: e.zeiss@fz-juelich.de

Erhard Zeiss | Forschungszentrum Jülich
Weitere Informationen:
http://www.fz-juelich.de
http://www.fz-juelich.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/UK/DE/2013/13-03-11reconcile.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Unter hohem Druck elastisch: Bayreuther Forscher erschließen Zusammensetzung des Erdmantels
30.03.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Von der Bottnischen See bis ins Kattegat – Der Klimageschichte der Ostsee auf der Spur
28.03.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE