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Moränen und abgeschliffene Berge: Zeugen eines Inlandeises

07.11.2014

Göttinger Geomorphologe beweist erstmals Gletscherbedeckung in der Eiszeit in Zentraltibet

Erstmals ist es einem ausländischen Geowissenschaftler gelungen, in eines der entlegensten Gebiete Zentraltibets zu reisen, um die dortige eiszeitliche Landschaftsentstehung zu erforschen.


Westlicher Eisrand der aktuellen Purog Kangri-Gletschereiskappe, der größten in Tibet, mit der in historischer Zeit frei-geschmolzenen Grundmoräne im Vordergrund.

Foto: Matthias Kuhle


Entwurf der eiszeitlichen Gletscherbedeckung Tibets.

Grafik: Matthias Kuhle

„Die geomorphologischen Ergebnisse in der Region südwestlich bis nordwestlich des Purog Kangri-Massives beweisen eine vollständige Inlandvereisung“, sagt Prof. Dr. Matthias Kuhle vom Geographischen Institut der Universität Göttingen.

Das Besondere an der nach 24 Jahren von der chinesischen Regierung genehmigten Expedition bestand darin, dass in dem unwegsamen und unbesiedelten Naturreservat Proben entnommen und zur Analyse nach Deutschland ausgeführt werden durften.

„Seit insgesamt 40 Jahren konnte ich fast alle Gebiete Tibets auf Expeditionen untersuchen und eine eiszeitliche Gletscherbedeckung nachweisen“, so Prof. Kuhle.

Eine Gletscherbedeckung kann anhand von Moränen, Erratika (zum Beispiel Findlinge aus Basalt), rund abgeschliffenen Bergen sowie einer Durchmischung verschiedener Gesteinsarten nachgewiesen werden. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, ob das Zentrum Tibets während der letzten Eiszeit vor etwa 20.000 bis 60.000 Jahren gletscherfrei oder von mächtigem Inlandeis bedeckt war.

Die Expedition selbst war eine extreme Herausforderung: „Dort gibt es weder Straßen und Wege noch Siedlungen“, so Prof. Kuhle. „Im Sommer weicht der Dauerfrostboden an der Oberfläche auf. Diese tiefe Matschschicht ist selbst mit stärksten Geländewagen unbefahrbar, im Winter ist durch Schneeverwehungen auch nicht an eine Durchquerung zu denken. Lediglich im von uns genutzten Zeitfenster im September und Oktober ist das Gebiet unter günstigen Witterungsbedingungen zu erreichen.“ Prof. Kuhle wurde auf der fünfeinhalbwöchigen Expedition von einem 10-köpfigen Helferteam begleitet.

Die Bedeutung Tibets für die Eiszeitforschung liegt darin, dass es sich um ein mindestens 2,4 Millionen Quadratkilometer großes Inlandeisgebiet gehandelt hat. „Durch Plattentektonik wurde Tibet, das in den Subtropen liegt, vor rund einer Million Jahren bis über die Schneegrenze gehoben, wodurch das Hochland vergletscherte.

Von Gletschereis bedeckt wurde Tibet zur weltweit größten Abkühlungsfläche: Etwa 75 Prozent der hohen subtropischen Einstrahlung sind von seiner Inlandeisoberfläche in den Weltraum zurückgeworfen worden. Diese Reflexion erfolgte unmittelbar, ohne dass das kurzwellige Sonnenlicht in langwellige Wärmestrahlung umgewandelt wurde und die Atmosphäre aufzuheizen vermochte. Der dadurch erzeugte globale Energieverlust war Auslöser der Eiszeit“, so Prof. Kuhle.

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussion um die derzeitige globale Erderwärmung von durchschnittlich etwa einem Grad Celsius geht es in der Eiszeitforschung um die größte Klimaveränderung der Menschheitsgeschichte: „Die durchschnittlichen Temperaturen lagen während der letzten Eiszeit etwa zehn Grad unter den heutigen.“

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Matthias Kuhle
Georg-August-Universität Göttingen
Fakultät für Geowissenschaften und Geographie
Geographisches Institut – Abteilung Geographie und Hochgebirgsmorphologie
Goldschmidtstraße 5, 37077 Göttingen, Telefon (0551) 39-8067
E-Mail: mkuhle@gwdg.de
Internet: https://www.uni-goettingen.de/de/409944.html


Weitere Informationen:

http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=4969

Thomas Richter | idw

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