Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Menschen lassen Gletscher immer rascher schmelzen

15.08.2014

Mit Hilfe einer Kombination von Klima- und Gletschermodellen haben Wissenschaftler um Ben Marzeion von der Universität Innsbruck eindeutig nachgewiesen, dass die Menschen für das weltweite Abschmelzen der Gletscher mitverantwortlich sind.

In Science berichten die Forscher, dass von 1851 bis 2010 der vom Menschen verursachte Klimawandel rund ein Viertel zur Gletscherschmelze beitrug. Der Anteil stieg stetig und betrug in den letzten beiden Jahrzehnten bereits zwei Drittel.


Der Gletscher Artesonraju in der Cordillera Blanca, Peru

Ben Marzeion

Schmelzende Gletscher lassen den Meeresspiegel steigen, verändern die saisonale Verfügbarkeit von Trinkwasser und können Auslöser von Naturkatastrophen sein. Sie stehen heute symbolisch für den vom Menschen verursachten Klimawandel. Allerdings reagieren Gletscher nur sehr langsam auf klimatische Veränderungen.

„Typischerweise dauert es Jahrzehnte oder Jahrhunderte bis ein Gletscher sich an das Klima angepasst hat“, sagt Klimaforscher Ben Marzeion vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck. Ihr Abschmelzen hat bereits mit dem Ende der kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen.

Natürliche Ursachen wie die veränderte Sonneneinstrahlung sind dafür genauso verantwortlich wie die vom Menschen ausgelösten Veränderungen. Bisher war allerdings unklar, wie viel die Menschen tatsächlich zum Verschwinden der Gletscher beitragen.

Von Menschen mitverursacht

Das Team um Ben Marzeion hat mit Hilfe von Computersimulationen des Klimas das Verhalten der Gletscher in der Zeit von 1851 bis 2010 in einem Gletschermodell simuliert. „Die Ergebnisse dieser Berechnungen stimmen mit dem überein, was wir in den Massenbilanzen der Gletscher tatsächlich sehen“, sagt Marzeion. Eingeflossen in die Untersuchung sind alle Gletscher weltweit mit Ausnahme der Antarktis. Möglich war dies, weil erst vor kurzem ein weltweit vollständiges Gletscherinventar - das Randolph Gletscher Inventar - erstellt wurde.

„Das Inventar liefert die Daten zu so gut wie allen Gletschern auf der Erde in computerlesbarer Form“, erklärt Graham Cogley von der Trent Universität in Kanada, einer der Koordinatoren des Gletscherinventars und Mitautor der aktuellen Studie.

Weil die Klimaforscher in ihren Modellen die unterschiedlichen Treiber der Klimaentwicklung einstellen können, ist es ihnen möglich, den Einfluss von natürlichen und menschlichen Faktoren auf die Gletscher zu unterscheiden.

„Während wir Faktoren wie die Variabilität der Sonneneinstrahlung oder die Häufigkeit von Vulkanausbrüchen unverändert lassen, können wir den Ausstoß von Treibhausgasen oder die veränderte Landnutzung in den Modellen entsprechend anpassen“, sagt Ben Marzeion, der das Ergebnis der Studie so zusammenfasst: „In unseren Daten findet sich ein eindeutiger Nachweis für den Beitrag des Menschen zum Abschmelzen der Gletscher.“

Starker Anstieg in der Gegenwart

Über den gesamten Zeitraum von 1851 bis 2010 liegt der Beitrag des Menschen zum Abschmelzen der Gletscher bei rund einem Viertel (25 +/-35 %). In den vergangenen beiden Dekaden von 1991 bis 2010 stieg der Anteil aber bereits auf über zwei Drittel an (69 +/-24%).

„Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert war der Einfluss den Menschen auf die Gletscherschmelze noch kaum spürbar, seither steigt er aber stetig an“, sagt Ben Marzeion. „Das hat damit zu tun, dass Gletscher sehr träge auf veränderte Umweltbedingungen reagieren.“

Die Autoren haben auch versucht, die globale Modellierung auf einzelne Regionen umzulegen. Die vorhandenen Beobachtungsdaten reichen dafür aber im allgemeinen noch nicht aus, auch wenn in einzelnen, besonders gut vermessenen Regionen wie zum Beispiel Nordamerika und auch den Alpen der menschliche Einfluss ebenfalls nachweisbar ist. Unterstützt wurden die Forscher unter anderem von österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und dem Forschungsschwerpunkt Scientific Computing der Universität Innsbruck.

Publikation: Attribution of global glacier mass loss to anthropogenic and natural causes. Ben Marzeion, J. Graham Cogley, Kristin Richter, & David Parkes. Science Express am 14. August 2014 DOI: 10.1126/science.1254702

Rückfragehinweis
Priv.-Doz. Dr. Ben Marzeion
Institut für Meteorologie und Geophysik
Universität Innsbruck
Telefon: +43 512 507-5482
E-Mail: ben.marzeion@uibk.ac.at
Web: http://www.marzeion.info/

Dr. Christian Flatz
Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Innsbruck
Telefon: +43 512 507 32022
E-Mail: christian.flatz@uibk.ac.at

Weitere Informationen:

http://dx.doi.org/10.1126/science.1254702 - Attribution of global glacier mass loss to anthropogenic and natural causes. Ben Marzeion, J. Graham Cogley, Kristin Richter, & David Parkes. Science Express am 14. August 2014
http://www.marzeion.info - Arbeitsgruppe Ben Marzeion
http://www.uibk.ac.at/meteo - Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck

Dr. Christian Flatz | Universität Innsbruck

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie