Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Menschen beeinflussten den Gletscherrückgang bereits vor 150 Jahren

03.09.2013
In einer von der NASA geleiteten Studie haben Innsbrucker Forscher einen Gletscherrückgang in den Alpen in der Mitte des 19. Jahrhunderts untersucht.

Das Ergebnis: Rasant steigender Rußausstoß durch die beginnende Industrialisierung in Europa ist mit hoher Wahrscheinlichkeit schuld an diesem frühen Rückgang der Gletscher. Die Studie wurde in der aktuellen Ausgabe der PNAS publiziert.


Gletscher im Berner Oberland: Luftverschmutzung im Tal ist gut zu sehen, die Ablationszone der Gletscher reicht in die verschmutzten Regionen hinein. Peter Holy

Gletscheraufzeichnungen reichen in den Alpen bis ins 16. Jahrhundert zurück, Wetteraufzeichnungen bis ins 18. Jahrhundert. Diese Aufzeichnungen belegen, dass die Gletscher zwischen 1860 und 1930 im Durchschnitt rund einen Kilometer zurückgewichen sind, obwohl niedrige Temperaturen und ausreichend Niederschlag ein Wachsen der Gletscher bis ca. 1910 erlaubt hätten.

An der Auflösung dieses Widerspruchs arbeiten Glaziologen und Klimaforscher schon länger. Ein Team von amerikanischen und österreichischen Forschern hat nun eine wahrscheinliche Erklärung gefunden: Schuld ist die Industrialisierung. Damit wäre ein menschengemachter Einfluss auf die Gletscher bereits vor dem treibhausgetriebenen Anstieg der Temperaturen im 20. Jahrhundert nachgewiesen.

Auflösung eines Widerspruchs

„In den uns vorliegenden Temperatur- und Gletscherdaten fehlte ganz klar ein Einflussfaktor. Also haben wir uns die historische Entwicklung Europas im 19. Jahrhundert näher angesehen“, erklärt Prof. Georg Kaser vom Institut für Meteorologie und Geophysik, der zusammen mit Dr. Ben Marzeion vom selben Institut an der Studie beteiligt war und der als Hauptautor auch am Kryosphären-Kapitel des fünften Klimareports des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) mitschrieb. Ab den 1850ern hat Europa eine massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation durchgemacht, die von der Industrialisierung des Kontinents vorangetrieben wurde. Der Kohleverbrauch von Privatpersonen, der Transportinfrastruktur – besonders der Eisenbahn – und vor allem der entstehenden Industrie stieg rasant, und mit ihm der Ausstoß von Ruß.

Eine Eigenschaft von Rußpartikeln ist allgemein bekannt: Sie absorbieren das Sonnenlicht. Durch ihre Größe konzentrieren sie sich in den unteren Schichten der Atmosphäre und kommen so vor allem auch auf den unteren Bereichen der Gletscher zu liegen. In dieser sogenannten Ablationszone kommt Gletscherschmelze durch höhere Temperaturen besonders in den Sommermonaten ganz natürlich vor; Rußpartikel, die auf den Gletschern zu liegen kommen, verstärken und beschleunigen die Schnee- und Gletscherschmelze allerdings stark.

Computermodelle und Probebohrungen

Um den Anteil von Rußpartikeln an der Gletscherschmelze ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu bestimmen, übernahmen die Forscher Daten von Eiskernbohrungen aus höheren Gletscherlagen und verglichen die Menge an früher eingelagerten Rußpartikeln mit heutigen Messungen der Rußverteilung in den Alpen. So war es möglich, Rückschlüsse auf die Rußmengen, die ab 1850 in den niederen Gletscherlagen niedergegangen sein müssen, zu ziehen. In einem Computermodell hat Dr. Ben Marzeion anschließend die Auswirkungen des beobachteten Temperaturrückgangs ab 1850 und der Rußmengen auf die alpinen Gletscher dieser Zeit simuliert.

„Unter Einberechnung der Luftverschmutzung stimmten unsere Modelle mit den Quellen zum Gletscherrückgang aus dieser Zeit schließlich überein. Unsere Studie klärt nun möglicherweise einen Widerspruch auf, der Klimaforscher für Jahrzehnte beschäftigt hat“, sagt Georg Kaser. „Nach den Alpen müssen wir nun auch einen genaueren Blick auf die Auswirkungen von Ruß auf andere Weltgegenden werfen, etwa auf das Himalaya-Gebiet. Die Studie zeigt klar, welche weitreichenden Auswirkungen unsere Handlungen auf das Weltklima haben können.“

Internationale Studie

Die Studie wurde kürzlich im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) publiziert. Projektleiter war Thomas Painter vom Jet Propulsion Laboratory der NASA in Pasadena (Kalifornien, USA). Neben den Wissenschaftlern der Universität Innsbruck und der NASA waren außerdem Forscher des Cooperative Institute for Research and Environmental Sciences (CIRES) der Universität von Colorado in Boulder (USA), der Universität von Michigan, Ann Arbor (USA) und der Universität von Kalifornien, Davis (USA) beteiligt.

Studie:
Thomas H. Painter, Mark G. Flanner, Georg Kaser, Ben Marzeion, Richard A. VanCuren, Waleed Abdalati: End of the Little Ice Age in the Alps forced by industrial black carbon, Proceedings of the National Academy of Sciences, DOI: 10.1073/pnas.1302570110
http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1302570110
Direktlink zur Studie
Rückfragehinweis:
Univ.-Prof. Dr. Georg Kaser
Institut für Meteorologie und Geophysik
Universität Innsbruck
Tel.: +43 512 507-5457
E-Mail: georg.kaser@uibk.ac.at
Mag. Stefan Hohenwarter
Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Innsbruck
Tel.: +43 512 507-32023
E-Mail: stefan.hohenwarter@uibk.ac.at

Stefan Hohenwarter | Universität Innsbruck
Weitere Informationen:
http://www.uibk.ac.at
http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1302570110

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Open Science auf offener See
19.01.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Bisher älteste bekannte Sauerstoffoase entdeckt
18.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie