Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Meeresspiegel: Ein Drittel seines Anstiegs kommt von schmelzenden Gebirgsgletschern

17.05.2013
Gut 99 Prozent des gesamten Eises an Land ist in den riesigen Eisschilden der Antarktis und Grönlands gespeichert, nur knapp ein Prozent dagegen in Gletschern.

Die Schmelzwasser dieser Gletscher trugen im Zeitraum 2003 bis 2009 etwa genauso viel zum Anstieg des Meeresspiegels bei, wie die beiden Eisschilde: rund einen Drittel. Dies ist eines der Resultate einer internationalen Studie mit Beteiligung von UZH-Geographen.


Columbia Gletscher in Alaska, Juli 2008: An der Oberfläche aufgestautes Schmelzwasser im Akkumulationsgebiet. Bild: W. Tad Pfeffer

Wieviel alle Gletscher zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen, wurde noch nie so genau bestimmt wie jetzt. Eine internationale Forschungsgruppe, darunter zwei Geographen der Universität Zürich, bestätigt: schmelzende Gletscher verursachten in den Jahren 2003 bis 2009 rund einen Drittel des beobachteten Meeresspiegelanstiegs, während je ein Drittel von den Eisschilden und der thermischen Ausdehnung des Meerwassers stammten. Bisherige Schätzungen zum Beitrag der Gletscher gingen weit auseinander.

Nun haben 16 Wissenschaftler aus neun Ländern die Daten aus traditionellen Messungen am Boden mit Satellitendaten der NASA-Missionen ICESat (Ice, Cloud and land Elevation Satellite) und GRACE (Gravity Recovery and Climate Experiment) verglichen.

In Kombination mit einem erstmals weltweit verfügbaren Gletscherinventar konnten die Forscher die Massenänderungen der Gletscher in allen Regionen der Erde viel genauer als bisher bestimmen. «Die traditionell angewandten Extrapolationen von lokalen Feldmessungen auf grosse Regionen und ganze Gebirgszüge überschätzen manchmal den Eisverlust», erklärt UZH-Geograf Frank Paul die Erkenntnisse aus den Satellitenmessungen. Und sein Forscherkollege Tobias Bolch ergänzt: «Uns sind die Schwächen der beiden Satellitenmethoden durchaus bewusst. In stark vergletscherten Gebieten stimmen die mit diesen Methoden erzielten Ergebnisse aber gut überein. Mit dem nun getesteten und angewandten Verfahren sind wir einen grossen Schritt weiter, um die Massenänderungen von Gletschern genauer bestimmen zu können.»

Frühere Schätzungen sollten korrigiert werden
Die Ergebnisse zeigen, dass fast alle vergletscherten Regionen in den Jahren 2003 bis 2009 an Masse verloren haben, am deutlichsten jene in der kanadischen Arktis, in Alaska, entlang der Küste Grönlands, in den südlichen Anden und im Himalaya. Im Gegensatz dazu haben die Gletscher der Antarktis – kleinere Eismassen, die nicht mit dem Eisschild verbunden sind – in diesem Zeitraum wenig zum Anstieg des Meeresspiegels beigetragen. Dieser Befund weicht deutlich von bisherigen Schätzungen ab, wonach die antarktischen Gletscher in den Jahren 1961 bis 2004 rund 30 Prozent des globalen Eisverlustes von Gletschern verursachten. «Allerdings sind hier weder die Zeiträume noch die Datenbasis direkt vergleichbar», ergänzt Bolch, «man sollte diesbezüglich also noch keine voreiligen Schlüsse ziehen.»

Die in «Science» publizierten Resultate haben wichtige Konsequenzen für vergangene Untersuchungen: «Frühere globale Schätzungen über den Beitrag von Gletschern zum Meeresspiegelanstieg sollten noch einmal überarbeitet werden», empfehlen Bolch und Paul abschliessend.

Literatur:
Alex S. Gardner, Geir Moholdt, J. Graham Cogley, Bert Wouters, Anthony A. Arendt, John Wahr, Etienne Bertier, Regine Hock, W. Tad Pfeffer, Georg Kaser, Stefan R. M. Ligtenberg, Tobias Bolch, Martin J. Sharp, Jon Ove Hagen, Michiel R. van den Broeke, Frank Paul. A Reconciled Estimate of Glacier Contributions to Sea Level Rise: 2003 to 2009. Science. May 17, 2013. Doi: 10.1126/science.1234532

Hintergrund
Während GRACE die Änderungen im Schwerefeld der Erde bestimmt und deshalb nur mittlere Werte über grosse Regionen, hunderte von Kilometern in der Ausdehnung, mit intensiver Vergletscherung ermitteln kann, ist ICESat mit Lasern ausgestattet, die den Abstand zur Erdoberfläche entlang von vorgegebenen Pfaden, alle 170 Meter mit einer Auflösung von 70 Metern, aufzeichnen.
Die UZH-Geografen Tobias Bolch und Frank Paul steuerten für die Studie wichtige Grundlagendaten bei: digitale Gletscherumrisse für das globale Gletscherinventar aus verschiedenen Regionen der Welt, wo es zuvor noch keine präzisen Daten gab. Zum Beispiel für Alaska, Baffin Island, Grönland, Alpen, Hochasien inklusive Himalaya sowie eigene Berechnungen zum Massenverlust in Grönland und in Hochasien.

Kontakt:
Dr. Tobias Bolch
Geographisches Institut
Universität Zürich
Tel. +41 44 635 52 36
E-Mail: tobias.bolch@geo.uzh.ch

Nathalie Huber | Universität Zürich
Weitere Informationen:
http://www.uzh.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Grazer Forscher stellen Methode zur dreidimensionalen Charakterisierung vulkanischer Wolken vor
14.12.2017 | Karl-Franzens-Universität Graz

nachricht Rest-Spannung trotz Megabeben
13.12.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

15.12.2017 | Medizin Gesundheit

Moos verdoppelte mehrmals sein Genom

15.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neues Epidemie-Management-System bekämpft Affenpocken-Ausbruch in Nigeria

15.12.2017 | Informationstechnologie