Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Meeresboden in Bewegung – gefährdete Küsten?

24.09.2013
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass durch Erdrutsche unter Wasser schwere Tsunamis ausgelöst werden? Welche Küstenregionen sind weltweit bedroht?

Fragen wie diese diskutierten 130 Forscher aus 30 Nationen von Montag bis Mittwoch während einer internationalen Tagung am GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel.


Blick von Norden in die Storegga-Rutschung rund 50 Meilen vor der Küste Norwegens, die vor 8100 Jahren den norwegischen Kontinentalrand auf mehr als 300 km veränderte.
Grafik/Bild: Christian Berndt, GEOMAR


Untermeerische Ostflanke des Vulkans Mount Etna auf Sizilien. Erdbeben gehören im Mittelmeer zu den häufigsten Auslösern von Hangrutschungen. Grafik/Bild: Felix Gross, GEOMAR

Gemeinsame Pressemitteilung des Exzellenzclusters „Ozean der Zukunft“ und des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel

Starke Erdbeben wie das Tohoku-Erdbeben vor Japan im März 2011 gehören mit zu den größten Naturkatastrophen der vergangenen Jahre. Die Folgen des Bebens, das einen mehr als 30 Meter hohen Tsunami ausgelöst hatte, werden noch lange sichtbar bleiben. Aber auch weniger starke Beben im Meer oder Erdrutsche unter Wasser – so genannte submarine Hangrutschungen – können zur Überflutung von Küsten oder Zerstörung von Infrastrukturen wie Bohrplattformen, Unterseekabeln oder Pipelines führen.

Vom 23. bis 25. September 2013 diskutieren mehr als 130 Wissenschaftler und Industrievertreter aus aller Welt im Rahmen des 6. Internationalen Symposiums zum Thema submarine Hangrutschungen (Symposium on Submarine Mass Movements and Their Consequences) die aktuellen Ergebnisse aus diesem Forschungsfeld. Die weltweit wichtigste Tagung dieser Art wurde organisiert vom Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ und dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und fand zum ersten Mal in Deutschland statt.

Submarine Hangrutschungen gehören zu den wichtigsten Phänomenen im Ozean. Wie Erdrutsche im Gebirge ganze Täler verändern, so formen Hangrutschungen im Meer die Kontinentalränder, die Übergänge von der flachen Küstenzone zum tiefen Ozean. Submarine Hangrutschungen sind eine nicht zu unterschätzende Naturgefahr und können – je nach Größe der Rutschung – mehrere Meter hohe Tsunamis auslösen – mit zerstörerischen Auswirkungen für die dicht besiedelten Küsten und küstennahen Industrieanlagen.

Die Ursachen für Rutschungen im Meer sind vielfältig und werden in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Ausgelöst werden submarine Erdrutsche zumeist entlang so genannter „schwacher Lagen“. Das sind Sedimentschichten, die im Vergleich zum umgebenden Meeresboden eine geringe Festigkeit haben. So wie sich ein Schneebrett vom Berg löst, können ganze Hänge im Meer ins Rutschen geraten. Während des Symposiums wurde diskutiert, wann und warum die Hänge abgleiten und welche Rolle Erschütterungen durch Erdbeben spielen.

„Während Erdbeben die häufigsten Auslöser für Hangrutschungen sind, bestimmen schwache Lagen vermutlich die Form der Hangrutschungen. Noch ist unklar, wie sich die schwachen Lagen genau zusammensetzen und ob sie nur dann schwach sind, wenn sie durch ein Erdbeben zusätzlich belastet werden“, fasst Professor Sebastian Krastel-Gudegast vom Institut für Geowissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Organisator der Konferenz einen Teil der wissenschaftlichen Debatte zusammen.

Ein wichtiger Baustein in der Erforschung von Hangrutschungen ist die Entschlüsselung von vergangenen Erdbeben. Die Aufzeichnungen von Messdaten reichen aber nur rund 100 Jahre zurück. Zu kurz, um darauf schließen zu können, in welcher Häufigkeit sich größere Beben in besonders gefährdeten Gebieten wiederholen können. „Vorhersagen, ob und wann ein Erdbeben einen Hang zum Rutschen bringt, gleichen derzeit noch einem Lotteriespiel“, sagt Professor Michael Strasser vom Geologischen Institut an der ETH Zürich. „Mit der nach wie vor geringen Datengrundlage befinden wir uns sozusagen noch im Zeitalter der Bauernregeln.“ Strasser leitete in den vergangenen Jahren die erste Kampagne, die gezielt durch Erdbeben ausgelöste Rutschungen erbohrt hat. Mit neuen Messverfahren und technisch weiterentwickelten Bohrsystemen haben sich der Forscher und seine Kollegen vor allem an die Kontinentalhänge vor Japan gewagt, wo Kontinentalplatten aneinander stoßen und immer wieder Erdbeben ausgelöst werden. „Schon bald erhoffen wir uns wichtige Erkenntnisse darüber, mit welcher Wiederkehrrate Erdbeben Hangrutschungen ausgelöst haben“, sagt Strasser. Der Geologe nimmt wie viele andere Forscher von Bohrschiffen aus Bodenproben, um das Alter und die Schichtung abgerutschter Hänge genauer zu untersuchen. So wollen sie herausfinden, wie und warum ein Hang ins Rutschen geriet oder ob er die Ursache für historische Katastrophen und Tsunamis gewesen sein könnte.

Doch nicht nur die Gefahren, die von den Hängen ausgehen, wurden in Kiel diskutiert. Hänge sind noch in anderer Hinsicht für die Wissenschaft interessant, denn hier lagern große Mengen an Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas oder Erze voller Metalle. Darüber hinaus lesen Forscher aus den Sedimentschichten die Klimaentwicklungen der Vergangenheit ab. Und auch über die Kreisläufe von Nährstoffen im Ozean geben die Hänge Auskunft.

Hintergrundinformationen
Das 6. Symposium über Submarine Hangrutschungen und die Konsequenzen wird unterstützt vom International Geoscience Programme (IGCP) 585 "Earth’s continental MARgins: aSessing the geoHAzard from submarine Landslides (E-Marshall). E-Marschall ist eine gemeinsam Initiative der UNESCO und der International Union of Geological Sciences. Das Symposium findet alle zwei Jahre statt und bringt Forschende aus allen Bereichen der Geowissenschaften zusammen.

E-MARSCHAL - www.igcp585.org/

Anlässlich der Konferenz erscheint eine Fachpublikation, die den aktuellen Stand der Forschung zusammenfasst: Sebastian Krastel, et.al: „Submarine Mass Movements and Their Consequences – 6th International Symposium“, Springer Fachverlag, ISBN 978-3-319-00971-1

Link zur Publikation: http://rd.springer.com/book/10.1007/978-3-319-00972-8/page/1

Kontakt:
Professor Sebastian Krastel, Institut für Geowissenschaften, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Tel.: 0431-880-3914, skrastel@geophysik.uni-kiel.de

Professor Michael Strasser, Geologisches Institut, ETH Zürich, Tel.: 0041-44 632 61 50, strasser@erdw.ethz.ch

Friederike Balzereit, Öffentlichkeitsarbeit, Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“, Tel.: 0431-880-3032 / 0160-97262502, fbalzereit@uv.uni-kiel.de

Dr. Andreas Villwock, GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Kommunikation & Medien, Tel.: 0431 600-2802, avillwock@geomar.de

Dr. Andreas Villwock | idw
Weitere Informationen:
http://www.geomar.de
http://www.futureocean.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde
23.01.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie