Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Marco Polos Millionen“: Der Venezianer war kein Schwindler, er war wirklich in China

16.04.2012
Eine ausführliche und gründliche Studie chinesischer Quellen des Sinologen Hans Ulrich Vogel von der Universität Tübingen erbringt neue, überzeugende Anhaltspunkte, dass der berühmteste Reisende des Mittelalters tatsächlich im Reich der Mitte war.

Immer wieder zirkulieren Sensationsmeldungen durch Buchmarkt, Presse und Internet, die besagen, dass Marco Polo niemals in China gewesen sei, sondern höchstens bis ans Schwarze Meer, nach Konstantinopel oder bis ins Reich der Ilkhane in Persien gelangt sei und dort all seine Informationen entweder von Kaufleuten oder aus nicht mehr existierenden persischen Handbüchern erhalten habe.

In seinem in Kürze beim Brill-Verlag in Leiden erscheinenden Buch Marco Polo was in China: New Evidence from Currencies, Salts and Revenues räumt Hans Ulrich Vogel, Professor für Sinologie an der Universität Tübingen, gründlich mit der Mär auf, dass der Venezianer nicht im Fernen Osten gewesen sei. Sein Buch beginnt mit einer umfassenden Darstellung der Argumente, die gegen oder für einen China-Aufenthalt des Venezianers sprechen. Eine Sichtung der relevanten chinesischen, japanischen, italienischen, französischen, deutschen und spanischen Literatur zeigt ein eindeutiges Ergebnis: Den wenigen, bereits seit Jahrzehnten bekannten und auch durchaus erklärbaren Problemen des Polo-Buches steht eine erdrückende Mehrzahl von verifizierten und über Jahrhunderte hinweg einmaligen Informationen über China gegenüber.

Zweifel an Marco Polos Präsenz in China tauchen seit Mitte des 18. Jh. periodisch auf und werden oft mit denselben Argumenten vorgetragen. Wenn der Venezianer tatsächlich in China gewesen sei, so die Zweifler, hätte er mit Gewissheit über die große Mauer berichtet. Dabei hat die Forschung in Ost und West schon längst erwiesen, dass die Große Mauer, wie wir sie heute kennen, ein Produkt der Ming-Dynastie (1368-1644) war und frühere, aus Stampflehm hergestellte Wälle längst zerfallen waren und ihren militärischen Sinn im mongolischen Weltreich verloren hatten. Ein anderes Argument, das häufig vorgebracht wird, ist, dass keine chinesische Quelle Marco, seinen Vater und seinen Onkel erwähnt. Es handelt sich dabei um eine völlige Überschätzung der Dokumentationsdichte und –absichten der chinesischen Historiographie. Selbst Giovanni de Marignolli (1290-1357), ein wichtiger päpstlicher Gesandter zum Hof der Yuan-Herrscher, findet keine Erwähnung in den chinesischen Quellen, weder seine 32 Begleiter, noch der Name des Papstes. Lediglich das “himmlische Pferd”, das 1342 als Tribut aus dem “Reich der Franken” überreicht wurde, wird genannt.

Anschließend beschäftigt sich Hans Ulrich Vogel mit einem Gebiet, das von der Forschung aufgrund seiner Komplexität und der dafür erforderlichen historischen Expertise weitgehend vernachlässigt worden ist, nämlich Marco Polos Angaben über Währungen, Salzproduktion und Einnahmen aus dem Salzmonopol. Vogel kommt zum Schluss, dass kein anderer westlicher, arabischer oder persischer Verfasser so detailliert, zutreffend und einmalig über die Währungssituation im mongolischen China berichtet. So legt der Venezianer als einziger seiner Zeitgenossen höchst genau dar, dass das Notenpapier aus der Rinde des Maulbeerbaumes (Morus alba L.) hergestellt wird. Er beschreibt nicht nur die rechteckige Form und Größenabstufungen zutreffend, sondern auch die Verwendung von Siegeln und die verschiedenen Denominationen, in denen Papiergeld ausgegeben wurde. Die Monopolisierung von Gold, Silber, Perlen und Edelsteine durch den Staat im Zwangstausch gegen Papiergeld und die Bestrafung für Falschgelddelikte werden von ihm ebenso behandelt wie die exakt 3-prozentige Umtauschgebühr für abgenutzte Geldscheine und die umfängliche Verwendung des Papiergeldes in offiziellen und privaten Zahlungen und Transaktionen.

Der Venezianer ist zudem der einzige, der verdeutlicht, dass zu seiner Zeit nicht in allen Teilen des Reiches das Papiergeld zirkulierte, sondern vor allem im Norden und in den Regionen entlang des Yangzijiang, nicht jedoch in Fujian und vor allem nicht in Yunnan, wo seinen Worten zufolge hauptsächlich Kauris, Salzgeld, Gold und Silber verwendet wurden. Diese einmaligen Angaben finden ihre Bestätigung in den chinesischen Texten und Überresten jener Zeit. Die meisten dieser Quellen wurden erst weit nach der Zeit Marco Polos zusammengestellt oder überliefert. Es ist von daher auszuschließen, dass der Venezianer Informationen aus diesen Quellen bezogen hat. Er hätte sie aufgrund seiner fehlenden Chinesischkenntnisse auch gar nicht lesen können.

Genau so trefflich und einmalig sind die Angaben des Venezianers zur Salzproduktion, wo er systematisch auf die ihm bekannten wichtigsten Salzzonen kurz eingeht: Changlu, Lianghuai, Liangzhe und Yunnan. Hinsichtlich der bedeutenden Salzzone von Lianghuai nennt er präzise die drei damals maßgeblichen Salzämter: Huai’an, Taizhou und Tongzhou. Erstaunlich exakt ist auch seine Beschreibung der Herstellung von Meersalz am Beispiel Changlus. Die von ihm geschilderte Methode, nämlich die Auslaugung von mit Salz angereicherten Erden und das Sieden der dadurch gewonnenen Sole in großen Eisenpfannen, stimmt haargenau mit chinesischen Berichten aus der Yuan-Zeit überein. Keinesfalls konnte er das in den Salzmonopolgebieten Venedigs beobachtet haben, denn dort wurde Salz in Becken mittels natürlicher Verdunstung gewonnen. Diese und andere Daten, deren Präzision bisher noch nicht richtig gewürdigt worden ist, sprechen in der Tat dafür, dass der Venezianer in Diensten des Großen Khans stand. Wie chinesische Quellen belegen, wäre er nicht der einzige Jüngling gewesen, den Kublai Khan (1215-1294) unter seine Fittiche genommen und den er mit wichtigen Aufgaben betraut hätte. Für den mongolischen Herrscher war es zudem politisch vorteilhaft, dass Männer aus allen Teilen der bekannten Welt ihm, dem Großen Khan, ihre Reverenz erwiesen und in seine Dienste traten, nicht nur aufgrund ihrer fachlichen Kompetenzen, sondern auch zur Festigung der nicht unumstrittenen Legitimität seiner Herrschaft gegenüber seinen chinesischen Untertanen.

Und wie verhält es sich mit Marco Polos Millionen, z.B. seiner Angabe, dass allein die Salzeinkünfte von Kinsay und seinem Territorium dem Khan jährlich ein Einkommen von sagenhaft 5,8 Millionen saggi Gold bescherten? Mittels Umrechnung in Papiergeld zu den bekannten offiziellen Austauschraten kommt Vogel zum Schluss, dass auch diese Angaben keineswegs aus der Luft gegriffen sind, sondern ausgesprochen gut mit entsprechenden chinesischen Daten über das Salzmonopol von Liangzhe aus der Zeit vor 1287 übereinstimmen. Dies verdeutlicht, dass der Venezianer keineswegs den Spitznamen „il milione“, eines Fabulierers, verdient hat und dass er diese und andere, über die kommenden Jahrhunderte hinweg einmaligen Informationen über China nur durch seine Präsenz in China selbst und das, was er dort gesehen und gehört hat, bezogen haben kann. Das Fazit dieses Buches, das im Rahmen der DFG-Forschergruppe 596 „Monies, Markets and Finance in China and East Asia, 1500-1900“ entstanden ist, lautet also: Marco Polo war in China.

Kontakt:
Prof. Dr. Hans Ulrich Vogel
Universität Tübingen
Asien-Orient-Institut
Abteilung für Sinologie und Koreanistik
Telefon +49 7071 29-72701
hans-ulrich.vogel[at]uni-tuebingen.de

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de

Weitere Berichte zu: Papiergeld Salzmonopol Salzproduktion Schwindler Silber Sinologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie