Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Leipziger Geophysiker sind Schwarmbeben auf der Spur

12.09.2014

Wissenschaftler der Universität Leipzig wollen in der Tschechischen Republik dem Phänomen der sogenannten Schwarmbeben auf die Spur kommen.

Gemeinsam mit Forschern anderer Hochschulen und Großforschungseinrichtungen und mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft wollen sie im Rahmen des Internationalen Kontinental-Bohrungs-Programms "International Continental Drilling Program" (ICDP) herausfinden, wie diese kurz hintereinander auftretenden Erdstöße entstehen und welche Folgen sie haben.


Mitarbeiter des Instituts für Geophysik und Geologie der Universität Leipzig bei seismischen Untersuchungen im Egerbecken. Foto: Dr. Christina Flechsig

Insbesondere ins Visier nehmen die Wissenschaftler des Instituts für Geophysik und Geologie der Universität Leipzig das Gebiet um die einzigen in prähistorischer Zeit aktiv gewesenen Vulkane in Tschechien, den Kammerbühl und den Eisenbühl.

"Schwarmbeben werden schon seit Ende des 19. Jahrhunderts hier in Leipzig erforscht", berichtet Geophysiker Prof. Dr. Michael Korn. So wurden 1899 Daten ausgewertet, die von 100 Erdbeben aus dem Jahr 1824 bekannt waren. Wobei der Begriff Daten in diesem Zusammenhang etwas in die Irre führt: Damals wurden die Eindrücke geschildert, die Menschen beim Auftreten der Beben hatten. Dass mit den inzwischen etablierten Messmethoden weit mehr erfasst werden kann, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2008. "Damals gab es im Gebiet des Vogtlandes und in Westböhmen rund 20 000 solcher Ereignisse", erläutert Geophysikerin Dr. Christina Flechsig.

Wie Michael Korn sagt, gibt es bislang für das Phänomen der Schwarmbeben oder "swarm earthquakes" eine gängige Erklärung: "Im tiefen Untergrund, etwa bei 30 Kilometern, gibt es magmatische Aktivitäten, wobei die Magmen nicht unbedingt bis an die Erdoberfläche aufsteigen." Aus den Magmen lösen sich jedoch sogenannte Fluide, in denen Gase, im Untersuchungsgebiet vor allem Kohlendioxid, gelöst sind.

Diese Gase schaffen es im Gegensatz zum Magma sehr häufig an die Erdoberfläche, wo sie in Mineralquellen und in mit Wasser gefüllten Erdlöchern - den Mofetten - entweichen. "Wir wollen nun wissen: Was können wir an Strukturen erkennen und eventuell auch über die Aufstiegspfade der Fluide und Gase herausfinden", sagt der Wissenschaftler.

Bei den Untersuchungen werden verschiedene geophysikalische Methoden angewandt. In einem Projekt von Professor Korn und Dr. Hortencia Flores soll ermittelt werden, ob es mit seismischen Methoden möglich ist, den Gasaufstieg aus der Erde zu verfolgen. Dabei wird mit künstlich erzeugten Wellen ein "Erdbeben" ausgelöst, etwa durch Hammerschläge, mit Fallgewichten oder auch kleineren Sprengungen.

Der Weg der Wellen wird erfasst und ausgewertet und bietet zahlreiche Daten zur Beschaffenheit des Untergrunds. In einem anderen, von Christina Flechsig verantworteten Projekt, wird eine geoelektrische Methode angewandt. "Dabei wird Strom in die Erde eingespeist und an verschiedenen Messpunkten erfasst, welchen Widerstand die unterschiedlichen Gesteine aufweisen", erläutert sie. Die geoelektrischen Untersuchungen zielen ebenfalls auf die zerstörungsfreie Erfassung des Untergrundes in Mofettenfeldern ab.

All diese Untersuchungen sind Vorarbeiten für ein Großprojekt, das im Rahmen des ICDP-Programms ab 2016 laufen soll. "Es ist vorgesehen, im Untersuchungsgebiet fünf bis sechs Bohrungen in wenige hundert Meter Tiefe vorzutreiben", erläutert Korn. Diese Bohrungen würden dann aber nicht von den Leipzigern gemacht, sondern vom Geoforschungszentrum Potsdam übernommen.

In die Bohrlöcher sollen dann Sonden eingebracht werden, die eine langfristige Beobachtung der Aktivitäten ermöglichen, unter anderem seismische und Gasflusssensoren. Da es sich inzwischen als möglich erwiesen hat, dass Schwarmbeben in mehrjährigen Rhythmen auftreten, wäre es nach Korns Angaben ideal, wenn die Sondenstandorte über einen Zeitraum von 20 Jahren betrieben werden könnten. "Es ist aber sehr fraglich, ob das finanziert werden kann", gibt er zu bedenken.


Jörg Aberger

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Michael Korn
Telefon: +49 341 97 32803
E-Mail: mikorn@rz.uni-leipzig.de
Web: http://www.geo.uni-leipzig.de


Dr. Christina Flechsig
Telefon: +49 341 97 32812
E-Mail: geoflec@rz.uni-leipzig.de

Susann Huster | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Nährstoffhaushalt einer neuentdeckten “Todeszone” im Indischen Ozean auf der Kippe
06.12.2016 | Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie

nachricht Wichtiger Prozess für Wolkenbildung aus Gasen entschlüsselt
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie