Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Künftige Klimaschäden zu tief bewertet

24.03.2015

Die Wälder im Amazonasgebiet oder das Grönlandeis sind kritische Stellen auf der Erde, an denen das globale Klima umschlagen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese sogenannten Kipp-Punkte eintreten, haben nun Forschende der Universität Zürich gemeinsam mit internationalen Kollegen untersucht. Sie zeigen, dass das Risiko zukünftiger klimatischer Kipp-Punkte zu tief bewertet ist und empfehlen deshalb, die Steuer auf Kohlenstoffemissionen deutlich zu erhöhen.

Der grönländische Eisschild, der Amazonas-Regenwald oder auch El Niño zählen für Klimaforscher zu sogenannten Kipp-Punkten: Sie könnten durch ein erhöhtes Abschmelzen, Austrocknen oder mittels veränderter Ozeantemperatur das Klima weltweit zum Kippen bringen.

Forschende der Universitäten Zürich, Chicago, Stanford und Exeter haben in einer neuen Studie das Risiko, dass solche Kipp-Punkte überschritten werden, anhand eines stochastischen Modells berechnet. Sie können damit aufzeigen, dass das Risiko zukünftiger klimatischer Kipp-Punkte heute zu tief bewertet ist.

Da die ökonomischen Konsequenzen des Klimawandels erst in ferner Zukunft eintreten, stellt sich die Frage, wie diese aus heutiger Sicht zu bemessen sind. Die meisten aktuellen Modelle einer Kosten-Nutzen-Rechnung ignorieren potenzielle Kipp-Punkte und insbesondere deren Risiken.

Oft wird bei solchen sogenannt deterministischen Modellen angenommen, dass Klimaschäden auf Jahrhunderte voraus exakt bekannt sind. Der UZH-Forscher Thomas Lontzek hat nun gemeinsam mit seinen Kollegen ein Modell entwickelt, welches auch die nicht genau vorhersehbaren Auswirkungen dieser Kipp-Punkte mitberücksichtigt.

Besteuerung von Emissionen stark erhöhen

Die Forschenden haben berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit des Überschreitens eines Kipp-Punktes im Jahr 2050 bei 2,5 Prozent liegt, 150 Jahre später – im Jahr 2200 – bei knapp 50 Prozent. In Anlehnung an ihr Modell empfehlen die Autoren eine entsprechend hohe Besteuerung von Kohlenstoffemissionen.

So sollten bereits heute die Kosten der Kohlenstoffemissionen um 50 Prozent – und bei einer sehr pessimistischen Bewertung um bis zu 200 Prozent – erhöht werden. «Angesichts der Gefahr sprunghafter und irreversibler Änderungen im Klimasystem sollten wir höhere Ausgaben in Kauf nehmen, um das Risiko von Klimakatastrophen zu reduzieren», kommentiert Thomas Lontzek. Die hohe Besteuerung von Kohlenstoffemissionen würde zu einer Reduktion der Emissionen führen und somit als eine Art Versicherungsprämie irreversible Klimaereignisse verzögern.

Optimale Diskontierung der Kipp-Punkte deutlich geringer

Für die Berechnung zukünftiger Klimaschäden ist die sogenannte Diskontrate eine Schlüsselgrösse. Geld, das, bevor es für den Klimaschutz ausgegeben wird, investiert wird, steigt im Wert. Schäden in zehn Jahren können folglich auf einen geringeren heutigen Geldwert diskontiert werden. Üblicherweise wird in Klimamodellen der Schaden von Kipp-Punkten im Klima deterministisch abgebildet. Er ist somit auf Jahrhunderte hinaus exakt vorbestimmt. Als Folge dieser restriktiven Annahmen ergibt sich ein relativ hoher Diskontsatz zur Bewertung zukünftiger Schäden von Klima Kipp-Punkten.

Gemäss der aktuellen Studie führt die Annahme, dass die Schäden der Kipp-Punkte im Klimasystem nicht genau vorhergesagt werden können, zu einer deutlich geringeren Diskontierung. «Denn mittels einer schärferen Klimapolitik wird nicht nur der erwartete zusätzliche Schaden von Kipp-Punkten reduziert, sondern auch die Unsicherheit über den Schaden», erklärt Thomas Lontzek. «Unser Model ist das erste, welches aufzeigt, dass eine deutlich geringere Diskontierung zukünftiger Klimaschäden auch aus einem marktorientiertem Forschungsansatz resultieren kann. Es bedarf nicht moralischer Argumente, um das Wohlergehen zukünftiger Generationen mittels einer schärferen Klimapolitik zu unterstützen.»


Literatur:

Stochastic integrated assessment of climate tipping points indicates the need for strict climate policy’ von Thomas S. Lontzek, Yongyang Cai, Kenneth L. Judd und Timothy M. Lenton. Nature Climate Change. March 23, 2015. doi: 10.1038/nclimate2570


Kontakt:

Dr. Thomas Lontzek

Institut für Betriebswirtschaftslehre

Universität Zürich

Tel. +41 44 634 37 76

E-Mail: thomas.lontzek@business.uzh.ch

Weitere Informationen:

http://www.mediadesk.uzh.ch

Nathalie Huber | Universität Zürich

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde
23.01.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie