Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Könnten Dämme die schwindenden Gletscher Europas ersetzen?

20.05.2016

Stauseen könnten in Zukunft den Wassermangel lindern, der angesichts schwindender Gletscher im Sommer zu erwarten ist. Dies berichtet ein Forscherteam der Eidg. Forschungsanstalt WSL, das die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher in den europäischen Alpen simuliert hat. Es kommt zum Schluss, dass zwei Drittel der im Sommer fehlenden Wassermenge durch ein aktives Wassermanagement kompensiert werden könnte.

Viele Flüsse Europas werden von Wasser aus Schnee und Gletschern gespeist. Steigen die Temperaturen, werden schneebedeckte Gebiete kleiner und über kürzere Zeit bestehen, während die Gletscher erheblich schrumpfen. Deshalb ist zu erwarten, dass im Sommer künftig deutlich weniger Wasser aus dem Hochgebirge zur Verfügung steht.


Die Gletscher Europas schwinden. Der Griessee (Kanton Wallis) wird vom Griesgletscher gespiesen, einer der höchstgelegenen Stauseen der Schweiz.

Martin Funk

Die in der Fachzeitschrift Environmental Research Letters veröffentlichte Studie schätzt nun erstmals ab, wie dieser Mangel durch aktives Wassermanagement gelindert werden könnte. Die Idee ist es, das im Frühjahr wegen der früheren Schmelzsaison verfügbare zusätzliche Wasser in die Sommermonate hinüberzuretten.

Dies könnte durch das temporäre Speichern des Wassers in Stauseen erfolgen, berichten die WSL, die Gemeinsame Forschungsstelle (JCR) der Europäischen Kommission in Ispra, Italien, und die Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich.

Mit Hilfe der neusten Klimaprognosen und einem numerischen Gletschermodell schätzen die Forschenden, dass diese Strategie bis Ende des Jahrhunderts bis zu zwei Drittel (65%) der erwarteten Wasserdefizite ausgleichen könnte. Dazu müsste etwa ein Kubikkilometer Wasser zwischengespeichert werden, was einem Wasserwürfel mit einer Kantenlänge von einem Kilometer entspricht.

Künstliche Dämme

Als etwas provozierendes Gedankenspiel verglichen die Autoren diesen Speicherbedarf mit dem Speichervolumen, das verfügbar wäre, wenn künstliche Dämme an den Standorten der schrumpfenden Gletscher gebaut würden.

Sie platzierten dazu in ihrem Modell virtuelle Dämme an derzeitigen Gletscherstandorten und berechneten das Volumen der dadurch gebildeten Seen. Es zeigte sich, dass damit zehnmal mehr Wasser als das tatsächlich benötigte Volumen verfügbar wäre. Etwa ein Dutzend zentralisierter Dämme könnten den Speicherbedarf decken.

Diese technische Lösung würde allerdings nur einen Teil des Problems beheben, warnen die Autoren. Zum einen müsste man das Wasser der vielen Alpengletscher (gegenwärtig etwa 4‘000) irgendwie zu diesen grossen, zentralisierten Dämmen bringen. Andererseits könnte das Speichern des Wassers bis zum Sommer den durch den Gletscherschwund bedingten Wasserverlust nicht wettmachen.

Die Forschenden schätzen, dass der Abfluss von Wasser aus Gletschern in den europäischen Alpen bis 2100 um eine Menge schrumpft, die etwa 80 Prozent des heutigen Trinkwasserverbrauchs der Schweiz entspricht.

Originalartikel:

Farinotti et al.: From dwindling ice to headwater lakes: Could dams replace glaciers in the European Alps? Environ. Res. Lett. (2016) 11 054022, doi: 10.1088/1748-9326/11/5/054022 (ab 20.05.2016, 00.01 Uhr)

Weitere Informationen:

http://www.wsl.ch/medien/news/staudaemme_gletscher/index_DE News-Meldung WSL

Reinhard Lässig | Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

Weitere Berichte zu: Alpengletscher Dämme Environmental Research Gletscher Landschaft WSL Wasserbau

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lakkolithe können auch während eines Vulkanausbruchs entstehen
24.11.2016 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie