Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Klimaforschung braucht exakte Daten

19.12.2013
Die PTB sichert bei Messungen mit dem Atmosphärenforschungsinstrument GLORIA die genaue Konzentrationsmessung von Treibhausgasen über die Rückführung auf die Internationale Temperaturskala.

Um verlässliche Prognosen für den Klimawandel zu erstellen, muss man die Konzentration von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre äußerst genau und verlässlich messen können.


GLORIA wird am Rumpf eines Forschungsflugzeugs montiert und ermittelt die Infrarotstrahlung aller Spurengasmoleküle, die auf seiner Sichtlinie liegen. Forschungszentrum Jülich

Dank einer europaweit einmaligen Einrichtung in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) konnten die Referenzstrahler des hochmodernen Atmosphärenforschungsinstruments GLORIA (Gimballed Limb Observer for Radiance Imaging of the Atmosphere) mit kleinstmöglicher Messunsicherheit kalibriert werden.

Damit ist GLORIA in der Lage, vom Flugzeug aus die Wärmestrahlung der Erdatmosphäre und damit die Konzentration von Treibhausgasen mit bisher unerreichter Genauigkeit zu messen und ihre Verteilung darzustellen. In Zukunft könnte das Messgerät auch auf Satelliten eingesetzt werden und helfen, Klimavorhersagen deutlich zu verbessern. Der Beitrag der PTB erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal (BUW), dem Forschungszentrum Jülich (FZJ) und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Der Klimawandel wird durch infrarotaktive Spurengase in der Atmosphäre verursacht. Das wichtigste dieser Treibhausgase ist Wasserdampf. Ohne ihn wäre es auf der Erde im Durchschnitt 20 °C kälter und Leben, wie wir es heute kennen, nicht möglich. Andere, großenteils vom Menschen erzeugte Treibhausgase sind Kohlendioxid, Methan und FCKWs. Sie entfalten ihre Wirksamkeit vor allem in der oberen Troposphäre sowie der Grenzschicht zwischen Troposphäre und Stratosphäre, also in Höhen zwischen 10 km und 20 km. Insbesondere wird diskutiert, ob Veränderungen des Wasserdampftrends in dieser Höhe unverstandene Änderungen der Bodentemperatur verursachen können.

Die genannten Gase sind Treibhausgase, weil sie im infraroten Spektralbereich emittieren. Sie lassen sich daher auch über ihre Infrarotemission nachweisen. Das federführend von FZJ und KIT entwickelte Atmosphärenforschungsinstrument GLORIA vermisst hierzu die spektralen Signaturen dieser Spurengase mit dem Verfahren der Horizontsondierung. GLORIA ist ein flugzeuggetragenes Infrarot-Fourierspektrometer in Kombination mit einem zweidimensionalen Infrarot-Detektor, das mehr als 16 000 orts- und spektral aufgelöste Atmosphärenbeobachtungen simultan durchführen kann.

Das Instrument erzeugt dreidimensionale Bilder der Atmosphäre im Spektralbereich von 7 µm bis 13 µm mit bisher unerreichter Auflösung. Durch die Horizontsondierung lässt sich die vertikale Schichtung der Gase in der Atmosphäre besonders gut auflösen. Die erforderliche Genauigkeit wird aber nur erreicht, wenn die Infrarotstrahlung auf besser als 1% bekannt ist, und hierzu muss wiederum die Strahlungstemperatur der Referenzstrahler auf mindestens 100 Millikelvin (mK) genau sein.

Für die regelmäßig wiederkehrenden Influg-Kalibrierungssequenzen von GLORIA sind von der BUW großflächige Referenz- bzw. Schwarzkörperstrahler entwickelt worden, die aufgrund einer innovativen Oberflächenstruktur extrem hohe Schwärze bei sehr guter Temperaturhomogenität aufweisen und damit in sehr guter Näherung während des Fluges Planck’sche Strahlung definierter Temperatur zur Verfügung stellen. Um die sehr hohen Anforderungen an die Kenntnis der Strahlungstemperatur dieser Referenzstrahler erfüllen zu können, wurden sie in der PTB umfassend radiometrisch charakterisiert und kalibriert.

Hier gestattet es eine europaweit einmalige Anlage, diese hohen Anforderungen an die Kalibrierung zu erfüllen: An der Reduced Background Calibration Facility (RBCF) der PTB wurden die am Flugzeug eingesetzten Referenzstrahler von GLORIA mit Messunsicherheiten von kleiner als 100 mK auf die Strahlungstemperaturskala der PTB, den bestmöglichen nationalen Vergleichsstandard, rückgeführt. Die RBCF ist eine Messanlage, die speziell für die Kalibrierung von Erdfernerkundungsinstrumenten entwickelt wurde, die im infraroten Spektralbereich messen. Im Fall von GLORIA wurde sie erstmals im Bereich der Klimaforschung eingesetzt.

GLORIA hat bereits erste Messflüge während der ESA-Messkampagne ESSenCe im Dezember 2011 auf dem russischen Höhenforschungsflugzeug Geophysica sowie während der TACS/ESMVal-Kampagne im Sommer 2012 auf dem deutschen Forschungsflugzeug HALO durchgeführt, in denen das Instrument seine Funktion und Kalibrierung unter Beweis stellen konnte. Weitere Flüge, insbesondere auf HALO, für das GLORIA entwickelt wurde, werden folgen. Um mögliche Veränderungen in den Strahlungstemperaturen der Referenzstrahler beobachten zu können, wurden die Strahler jeweils vor und nach den entsprechenden Flugzeugkampagnen an der RBCF kalibriert.

Die beteiligten Wissenschaftler planen, die erfolgreiche Zusammenarbeit fortzusetzen, um dauerhaft auf die Internationale Temperaturskala rückgeführte, hochgenaue, klimarelevante Daten über die obere Troposphäre und die untere Stratosphäre zu erhalten. Die von der BUW und der PTB gewonnenen Erfahrungen an den flugzeuggetragenen Referenzstrahlern sollen unter anderem auch in die Entwicklung von Kalibrierstrahlern für ein ballongetragenes GLORIA-Instrument einfließen und damit auch als Test für eine spätere satellitengetragene Version des Fourierspektrometers dienen.

if/ptb

Ansprechpartner in der PTB
Jörg Hollandt, Fachbereich 7.3 Detektorradiometrie und Strahlungsthermometrie, Telefon: (030)-3481-7369, E-Mail: Joerg.Hollandt@ptb.de
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
• C. Monte, B. Gutschwager, A. Adibekyan, M. Kehrt, A. Ebersoldt, F. Olschewski, J. Hollandt: Radiometric calibration of the in-flight blackbody calibration system of the GLORIA interferometer. Atmos. Meas. Tech. Discuss., 6, 1–45 (2013)

• F. Olschewski, A. Ebersoldt, F. Friedl-Vallon, B. Gutschwager, J. Hollandt, A. Kleinert, C. Monte, C. Piesch, P. Preusse, C. Rolf, P. Steffens, R. Koppmann: The in-flight blackbody calibration system for the GLORIA interferometer on board an airborne research platform. Atmos. Meas. Tech., 6, 3067-3082 (2013)

Detaillierte Bildunterschrift
Blick von GLORIA auf eine Wolkenszene, aufgenommen in 14 km Höhe. Das Infrarotbild von GLORIA in Falschfarben (blau, rot) sieht nur einen Ausschnitt der Szene und zeigt hier die im Wellenlängenbereich von 10.5 µm bis 12.5 µm integrierte Strahlung. Treibhausgase lassen sich durch ihre spektrale Signatur identifizieren – so können über den Verlauf eines Fluges Konzentrationsprofile von klimarelevanten Gasen in der Atmosphäre ermittelt werden. Dies ist in der Grafik in der rechten unteren Ecke beispielsweise für Salpetersäure in verschiedenen Höhen im Übergangsbereich zwischen Troposphäre und Stratosphäre und überflogenen geographischen Breiten von Süddeutschland bis Nordskandinavien und zurück dargestellt.

Imke Frischmuth | PTB
Weitere Informationen:
http://www.ptb.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Einfluss der Sonne auf den Klimawandel erstmals beziffert
27.03.2017 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

nachricht Der steile Aufstieg der Berner Alpen
24.03.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE